Mord an Birgül D.: Wo ist das Motiv?

Ein beliebtes Café mit ermordeter, migrantischer Geschäftsführerin. Wer kann Licht ins Dunkel bringen? (Foto: fro)

Es war ein Mittwochmorgen, der 3. Mai dieses Jahres, als die Geschäftsführerin Birgül D. in ihrem Café Vivo im Duisburger Innenhafen erschossen wurde. Polizei und Staatsanwaltschaft sind auf der Suche nach den Täter*innen. Die Medien spekulieren, während linke Initiativen und die Duisburger Gruppe Cremé Critique die Untersuchung eines rassistischen Tatmotives fordern.

Seit fast einem Monat beschäftigt sich die 15-köpfige Mordkommission mit der Ermordung von Birgül D., die 2014 mit Hilfe der Gründungsinitiative Innovation Duisburg (GRIID), einem Projekt der Universität Duisburg-Essen, zunächst das Café Chicolata im Hafenforum eröffnete. Mehrfach wurde das Café von GRIID als positives Beispiel hervorgehoben, hatte Birgül D. ihre Gäste in der Vergangenheit „in einer wunderbaren Location verwöhnt“, wie es in einem Bericht von Duisburg365.de heißt. Mitarbeiter*innen äußerten gegenüber der BILD, dass sie sich „die Tat […] nicht erklären“ könnten.

Ressentimentgeladene Mutmaßungen

Derweil tappen die Ermittelnden offenbar im Dunkeln. Auf Anfrage der akduell äußerte sich der zuständige Staatsanwalt Alexander Bayer bis Redaktionsschluss zum derzeitigen Ermittlungsstand nicht. Dass die Behörden zwei Wochen nach der Tat eine Belohnung von 3.000 Euro für sachdienliche Hinweise aussetzen, ist ein Indiz für die nur schwer voran kommenden Ermittlungen. Was bislang bestätigt ist: Birgül D. wurde zwischen 9.00 Uhr und 10.00 Uhr erschossen. Ein potenzieller Ermittlungsansatz könnten automatische Kameras am Gebäude sein.

Mediale Beachtung findet der Fall nur begrenzt. RP-Online mutmaßte, dass es einen Zusammenhang mit einem Überfall am 1. Mai geben könne, der sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite ereignet habe: „Dort war der Geschäftsführer des Diebels von Unbekannten überfallen und gezwungen worden, die Einnahmen des langen Wochenendes herauszugeben,“ heißt es im Artikel. Die unseriöse Berichterstattung des Express erinnert an die Zeit vor der Selbstenttarnung des NSU: „Vom Mord aus Eifersucht über einen missglückten Raubüberfall bis hin zur Abstrafung aus Kreisen der organisierten Kriminalität für nicht gezahlte Schutzgelder” sei alles möglich.

Rassismus als Tatmotiv nicht aus den Augen verlieren

Der Mord an der türkischstämmigen Frau brachte auch zivilgesellschaftliche Initiativen wie NSU Watch auf den Plan: Sie forderten die Polizei zu einer „lückenlosen Untersuchung eines möglichen rassistischen Tatmotivs“ auf. Es würden „Erinnerungen an die Vorgehensweise der Mörder des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) wach,“ sagt Ulli Jentsch von NSU Watch. Dazu passt auch, dass die WAZ das Café in einem Artikel als „unscheinbar“ beschrieb. Ebenso unscheinbar war zum Beispiel auch das mit deutschem Namen versehene Lebensmittelgeschäft in der Kölner Probsteigasse, das „von einer aus dem Iran stammenden Familie” betrieben wurde, die am 19. Januar 2001 einen Bombenanschlag des NSU knapp überlebte.

Die linke Gruppe Cremé Critique aus Duisburg hielt am Sonntag, 21. Mai, eine Mahnwache ab. Besonders auf „die in den letzten zwei Jahren gestiegene Bewaffung bei Rechtsextremen“ müsse laut Pressesprecher Malte Bach geachtet und lokale Strukturen dahingehend untersucht werden. Dazu verweist die Gruppe auf die rechte Terrorzelle Legion 47. Sie verübten Anschläge, unter anderem auf eine Unterkunft für Asylsuchende (akduell berichtete). Damals schickte die Polizei keine Spurensicherung zum Tatort. Das Magazin Lotta beobachtete den Prozess und schilderte in einem Artikel vom November 2015: „Die Reste […] der Lösungsmittelkanister wurden erst nach drei Tagen auf Drängen der Bewohnerinnen und Bewohner der Flüchtlingsunterkunft gesichert. Die vorhandenen DNA-Spuren waren […] so stark verunreinigt, dass sie nicht mehr […] den Angeklagten zugeordnet werden konnten.“

Durch die türkische Herkunft der Ermordeten sind auch türkische Medien darauf aufmerksam geworden, die ebenfalls Parallelen zur NSU-Mordserie erkennen. Die Spekulationen halten derweil an, eine bundesweite Aufmerksamkeit für den rätselhaften und bislang ungeklärten Mord an der Café-Betreiberin Birgül D. bleibt aus. Ob das im Sinne der Ermittelnden und vor allem des Opfers und der Angehörigen sein kann, bleibt mehr als fraglich.