”Museum under attack”

Eindrücke vom Symposium im Folkwang-Museum. (Foto: lys)

Vergangenes Wochenende, am 19. und 20. Mai, fand im Folkwang Museum Essen in Kooperation mit der Ruhr-Universität Bochum das „interkulturelle Symposium“ zum Thema Queer Exhibitions/Queer Curating statt. Beleuchtet wurden mit Vorträgen und Diskussionen, größtenteils in englischer Sprache abgehalten, queere Ausstellungen im politischen und kulturellen Kontext. Dabei stand die Frage im Raum: Wie wird Queerness inszeniert und rezipiert und welches Potenzial bietet das?

Am Rüttenscheider Stern raus, die „Rü“ runter, dann links und das riesige steinerne Gebäude steht vor einem. Samstags scheint das Folkwang gut besucht zu sein, im gläsernen Eingangsbereich plaudern allerlei Personen. Das Symposium ist hinten zu finden, Teilnehmende bekommen eine namentlich verzierte Ansteckkarte und müssen einmal durch die ganzen hübschen Malereien an den weißen Wänden vorbei bis man im richtigen Flur ankommt. Securitys und Snacks, einige rauchen noch im Innenhof, der nächste Vortrag beginnt gleich. Im andächtig beleuchteten, einem Vorlesungssaal ähnlichen Raum referiert Julia Friedrich, Kuratorin im Museum Ludwig in Köln, zur dortigen Ausstellung „The Eight Square“. Organisiert wurde die Ausstellung 2006 von Frank Wagner, der 1988 die erste deutsche Ausstellung zum Thema AIDS ins Leben gerufen hat.

Vorab definiert sie “Queerness” als das radikale Zeigen des Selbst, was auch immer das sei. „The Eight Square“ habe versucht, bekannte Kunstschaffende wie Cindy Sherman in queerem Licht zu zeigen: wo sie aus Geschlechts- und Sexualitätsklischees ausbrechen. 80 Künstler*innen und 150 Werke seien dabei zusammengekommen, obwohl die Deutsche Kunstförderung damals ablehnte für Subkultur zu zahlen.

Architektur marginalisierter Kunst

Der israelische Künstler David Wojnarowicz war zuständig für die Präsentation und Visualisierung der Kunstwerke im „Achten Feld“. Er verteilte die Kunstwerke in verschiedene Sektionen im Ausstellungsraum nach Begriffen wie Identität, Transsexualität, AIDS, Diskriminierung und Frauen*befreiung. Er versuchte damit, die gesellschaftliche Logik der sozialen Hegemonie umzukehren und das Marginalisierte ins Zentrum zu rücken. Das umkehrende Element taucht auch darin auf, dass er versucht die Logik des Darkrooms und der „weißen Box“ (ein Begriff für das moderne Museum, der im Symposium öfter benutzt wird) zusammenzuführen. Dazu schafft er mit unzähligen weißen Papierwänden, die meistens von der Decke abfallen, die Kunsträume voneinander abzutrennen und somit Privatsphäre im öffentlichen Raum zu ermöglichen. Der „private/safe space“, der auch aus der Queer-Szene der 60er Jahre stammt, wird damit nicht nur dargestellt sondern als Prinzip im Museum umgesetzt. Ebenso werden kleine, überwindbare Hindernisse zur Betrachtung eingebaut, damit die Trennung von außer- und innerhalb des Museums verschwimmt.
Friedrich spricht davon, dass ein geladener Stripper als Pflichtteil der Kunsterfahrung diente, der nur mit einer silbernen Unterhose bekleidet im Museumssaal tanzte und dann ging. Damit seien die „sacred halls of museum under attack“, obwohl das Gebäude per Definition ein Museum bleibe. Die Poster für die Ausstellung, die einen unrasierten Mann im Minirock von unten fotografiert darstellen, wurden 2006 in Köln nicht zugelassen, obwohl so etwas in Berlin beispielsweise kein Problem sei. Sie schließt den Vortrag diesbezüglich lachend mit den Worten: „Wer keinen Gegenwind erhält, segelt in die falsche Richtung“.

Die weiße Box überwinden

In der Pause versammeln sich junge Kunstinteressierte im Raucherbereich. Kim, angehende Kuratorin aus dem queer-feministischen Kontext, die seit Freitagabend dabei ist, berichtet über ihre Eindrücke des Symposiums: „Es werden theoretische Inhalte mit praxisorientierten Vorträgen, wie Ausstellungen konzipiert wurden, verknüpft. Damit wird gezeigt, wie das ritualisierte, passive Anschauen im Museumskontext aufgebrochen werden kann.“ Auch in den folgenden Vorträgen von Thom Collins, Direktor der Barnes Foundation Philadelphia und Jonathan Katz, Kunsthistoriker und Kurator wird viel über das Potenzial von Queerness gesprochen – dabei fallen elementare Verbindungen mit Andy Warhol, Pop-Art und den 60er Jahren auf. Collins bezieht sich auf das Museum als aktivierte Heterotopie, also gelebte Utopie wenn Queerness als Konzept Teil von allem ist. Das würde neue Identifikationsmöglichkeiten und Selbstexpressionen hervorbringen und damit die bestehende Gesellschaft überwinden. Katz hingegen erklärt die Bedingungen für die Ausstellung queerer Kunst heute in Amerika: Queeren Kunstschaffenden steht oft ein konservatives Netzwerk von Kurator*innen gegenüber, die selten das Risiko unkonventioneller Kunst tragen wollen. Gleichzeitig erläutert er die Relevanz von queeren Perspektiven, dass Räume besetzt werden, damit queere Kultur sich an vielen Stellen ausdrücken kann: wie zum Beispiel in Sitzmöglichkeiten, die an Analsex erinnern. Queere Kunst könne somit dazu anhalten, Teppiche und Stühle, jedes Ding und jeden Begriff, neu zu denken und zu interpretieren.

Gendertrouble und Konsum

Kim erzählt, dass während  der Podiumsdiskussion am Freitag Kritik daran aufkam, dass viele männliche, weiße, schwule Personen abgebildet und ausgestellt wurden. „Es sei oft schwieriger, weibliche- und People of Colour- Netzwerke zu adressieren”. Die Vortragenden sahen, trotz Beweis der Reflektion von Geschlechtskategorien, überhaupt nicht nach gendertrouble aus: die männlichen Personen trugen Anzüge, die weiblichen Kostüme – alles sehr schick und konventionell. Auch daran zeigt sich das Spannungsfeld queerer Inhalte mit dem modernen Kunstbusiness. Kim weist darauf hin, dass mittlerweile LGBT-Personen als Zielgruppe für Produkte am Markt explizit angesprochen werden. Jedoch sei es bei queeren Personen, aufgrund der bewusst offen gehaltenen Kategorie und Bekenntnis zu Fluidität des Charakters, fast unmöglich, ein vorgefertigtes Identitätskonzept herauszufiltern, um als berechenbare*r Konsument*in angesprochen zu werden.