Parallelen der Zeit

Der Film Haymatloz wurde am vergangenen Donnerstag , 11. Mai, im Ess-
ner Glaspavillon gezeigt. (Foto: dav)

Haymatloz – Exil in der Türkei erzählt fünf Geschichten von Nachkommen jüdischer Wissenschaftler*innen, die in den 1930er Jahren aus Deutschland in die Türkei flohen. Fünf Schicksale, die beispielhaft für bis zu 1.000 Wissenschaftler*innen stehen. Ein Film über die 1930er Jahre in der Türkei, der aber auch immer wieder Brücken zur Gegenwart schlägt. Organisiert wurde die Filmvorführung vom Verein türkischer Studenten (VtS) und der Türkisch-Deutsche Studierenden und Akademiker Plattform. Für das anschließende Gespräch über den Film waren Regisseurin Eren Önsöz und Enver Hirsch, einer der Protagonisten des Films, anwesend.

Gegen die Einladung des Genozid-Leugners Şahin Ali Söylemezoğlu durch den VtS im vergangenen Jahr gab es Proteste vom damaligen Allgemeinen Studierendenausschuss (AStA) und Teilen der Studierendenschaft (akduell berichtete). Die Vorführung des Films Haymatloz am vergangenen Donnerstagabend, 11. Mai, erfolgte jedoch ohne vorherige Konflikte. Das Thema des Films beleuchtet ein interessantes, jedoch wenig bekanntes Kapitel jüdisch-türkischer Beziehungen. Entsprechend voll war der Glaspavillon am Essener Campus, in dem sich etwa 100 Zuschauer*innen eingefunden hatten.

Fünf Schicksale

Susan Ferenz-Schwartz, Elisabeth Weber-Belling, Kurt Heilbronn, Engin Bagda und Enver Hirsch. Fünf Namen, fünf Geschichten. Alle mit demselben Ausgangspunkt: Ihre Vorfahren lehrten allesamt als jüdische Wissenschaftler*innen an deutschen Universitäten. Bis zum Jahr 1933, in dem die Nazis das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums einführten, die Personen ohne Ariernachweis aus vielen Berufen verdrängte, ihnen Berufsverbote auferlegte und zur Gleichschaltung des öffentlichen Dienstes und der Hochschulen führte.

Zur selben Zeit befand sich auch die Türkei im politischen Wandel. Mustafa Kemal Atatürk wollte die Türkei europäischer machen. Er schaffte das Kalifat ab, strebte die Säkularisierung an, also die Trennung zwischen Religion und Staat, verbot orientalische Kopfbedeckungen und führte statt der arabischen die lateinische Schrift ein. Auch im hochschulpolitischen Bereich strebte Atatürk Reformen an, weswegen er die in Deutschland vertriebenen jüdischen Wissensschaftler*innen in die Türkei einlud. Etwa 1.000 sollen es gewesen sein. Diese intellektuelle Elite sollte ihm helfen, einen Hochschulapparat nach europäischen Vorbild aufzubauen.

Der Film Haymatloz begleitet nun fünf Nachkommen dieser Wissenschaftler*innen durch das geistige Erbe ihrer Vorfahren. Alle Protagonisten sind in der Türkei aufgewachsen, vier von Ihnen sprechen Türkisch. Kennen lernt man sie jedoch zuerst im deutschsprachigen Raum. Da ist zum Beispiel die Geschichte von Kurt Heilbronn, dessen Vater Alfred das pharmakologisch-botanische Institut in Istanbul gegründet hat. Oder die von Enver Hirsch, der bei der Filmvorführung anwesend war. Sein Vater war der Jura-Dozent und Professor Ernst Eduard Hirsch, der an der Istanbuler Hochschule Gesetzesentwürfe zum türkischen Handels- und zum Urheberrechtsgesetz lieferte, welche noch heute Anwendung finden. Im Laufe des Films begleitet Önsöz die Nachfahren auch auf ihrer Reise zurück in die Türkei, zum Teil auch eine Reise in ihre Kindheit. Als Zuschauer*in hat man dabei das Gefühl, dass die Portraitierten oftmals aufgrund des Exils ihrer Eltern und Großeltern selbst nicht definieren können, wo sie eigentlich zu Hause sind oder zu Hause sein wollen. Stilistisch wird dieses Gefühl durch die unkommentierten Aufnahmen verstärkt, die zeigen, wie die Nachfahren zwischen ihren Wurzeln reisen.

„Das wäre das Ende der Ideen unserer Väter“

Immer wieder wird während des Films auch der Bogen zur heutigen Türkei geschlagen. So kommen Mitglieder einer Studierendenbewegung zu Wort und kritisieren überharte Polizeieinsätze. Auch der Taksim-Platz und der Gezi-Park, Orte des Protests gegen die türkische Führung, sind Teil der Dokumentation. So sagt Elisabeth Weber-Belling gegen Ende des Films: „Das wäre das Ende der Idee unserer Väter, wenn sich die Politik in der Türkei so weiterentwickelt, wie sie es jetzt tut.“ Als Kontrast zur heutigen Türkei stellt die Filmemacherin der aktuellen Entwicklung auch immer wieder Zitate der Vätergeneration ihrer Protagonist*innen entgegen.

Auch während der an den Film anschließenden Diskussion bezieht Regisseurin Eren Önsöz mehrfach klar Stellung gegen die politische Entwicklung in der Türkei, insbesondere gegen Präsident Recep Tayyip Erdoğan. Gleichzeitig zeigt sich Önsöz als Anhängerin Atatürks, was die Zitate im Film bereits erahnen ließen. „Ich bin so stolz darauf, was Atatürk damals geleistet hat und wenn ich jetzt sehe, wie das alles zunichte gemacht wird, dann ist das alles eine einzige furchtbare Katastrophe“, sagt die Filmemacherin. Sie kritisiert auch die deutsche Medienlandschaft, welche ihrer Meinung nach nur daran interessiert sei, Feindschaften zu schüren. Auch seien Erdoğan-kritische Stimmen aus der Türkei in den letzten Jahren viel zu wenig Gehör geschenkt worden. Besonders kontrovers ist jedoch ihre Aussage, das deutsche Fernsehen sei nicht „frei“, was sie im selben Satz jedoch relativiert. Gemeint sei lediglich, dass es für die Produktion von Nischenproduktionen keinen Platz und kaum finanzielle Unterstützung im deutschen Fernsehen gebe.

Begeistertes Publikum

Der Film scheint den anwesenden Studierenden gut gefallen zu haben. Während des anschließenden Gesprächs bedanken sich Zuschauer*innen bei Regisseurin Önsöz wiederholt für den Film. Mehmet Oruc Birinci (Internationale Liste) vom AStA-Referat für Ökologie, Mobilität und Gesundheit sieht in dem Film auch eine Chance für Verbesserung von Beziehungen: „Das ist eine vergessene Geschichte und selbst viele Türken wussten davon nichts. Wenn man in die Vergangenheit blickt, kann man sehen, dass es durchaus gute Beziehungen zwischen Deutschen, Türken und Juden gab. Und wir sollten die Geschichte mal als Vorbild nehmen und in Zukunft daran arbeiten wie wir unsere Beziehung zwischen Deutschen, Türken und Juden verbessern können.“ Aynur Yüksel, Lehramtsanwärterin für Mathe und Physik erklärt, dass sie überrascht gewesen sei, dass so viele Gebäude, darunter auch viele Universitäten, von deutschen Architekten entworfen wurden. Sie erklärt: „Wenn ich demnächst wieder in der Türkei sein werde, werde ich besonders darauf achten, diese Gebäude nochmal aufzusuchen um nochmal einen zweiten intensiven Blick darauf zu werfen.“
Haymatloz ist ein wirklich interessanter Film, der einem Einblick auf einen meist unbekannten Aspekt der deutsch-jüdisch-türkischen Beziehungen gewährt. Dass es zu dieser Zeit des Umbruchs in der Türkei aber auch durchaus kritische Stimmen zu Atatürk gab, der mit aller Härte gegen politische Gegner*innen vorging und Todesurteile gegen Oppositionelle erließ, bleibt jedoch außen vor.