Wahlabend aus der Hölle

Bitte gehen Sie weiter, in diesem Landtag hat ein heftiger Rechtsruck stattgefunden. (Foto: rod)

Nordrhein-Westfalen hat gewählt. Die großen Gewinner sind die rechtskonservative CDU, die marktliberale FDP und Hannelore Kraft, die sich nun nicht mehr damit rumschlagen muss, Landesvorsitzende der Sozialdemokrat*innen zu sein: ein Glück. Eine schwarz-gelbe Koalition ist wahrscheinlich und damit eine Regierung quasi direkt aus dem Guss des neoliberalen Rechtsruck. Mein Abend zwischen professionellem Journalismus und politischer Enttäuschung.

Dabei begann mein Tag eigentlich gut: Mein Lieblingsverein – Fortuna Düsseldorf – hat dreifach beim Auswärtsspiel in Nürnberg gepunktet. Ich stand mitten auf dem Belsenplatz in Düsseldorf als ich in Boris-Becker-Manier die Faust ballte, hatte das Team doch wenigstens den direkten Abstieg aus der 2. Bundesliga verhindert. Da war es eigentlich nur eine Randnotiz, dass ein paar dutzend linker Demonstrant*innen die Wahlparty der AfD im Bonzen-Stadtteil Oberkassel crashen wollten: Viel passierte da nicht, außer ein paar Rangeleien mit Polizist*innen.

Mein Ex-Chef bei der FDP

Mein nächstes Ziel waren linksversiffte Grüne. Die ersten Hochrechnungen waren schon längst da: „Immerhin haben die es noch in den Landtag geschafft“, dachte ich mir und fühlte mich schmutzig dabei. Am Ort des Geschehens, dem Kunst im Tunnel (KiT), angekommen, traf ich die Sprecherin der Grünen Jugend, Julia Wenzel. Eher semi-professionell holte ich mir ein professionelles und viel zu langes Statement von ihr zum Ergebnis der Landtagswahlen ab. Fazit: Die Stimmung bei den Grünen war tief im Keller. Ein Trost: Es gab Freibier.

Auf dem Weg zur FDP-Wahlparty am Foyer im Medienhaus des Zollhofs – hartes Kontrastprogramm. Überall Anzugträger*innen und dicke Karren. Hier hatte ich vor über einem Jahr noch Essen ausgeliefert als unterbezahlter Foodora-Fahrradkurier. Der nächste Ausbeuter stand da direkt schon vor mir: Mein ehemaliger Chef. Er führt eine Leiharbeitsfirma und gibt einen Scheiß auf Arbeitnehmer*innen-Rechte. Damals habe ich einen Auflösungsvertrag unterschrieben, meine Ausbildung damit abgebrochen, unter Tränen, psychischem Druck, Existenz-Ängsten und mit der Passage, dass „keine Forderungen […] – gleich aus welchem Rechtsgrund – mehr bestehen“ würden.

Trotzdem gehe ich noch rein, mache mir ein kurzes Bild von dem Szenario. Die FDP hat noch nie so ein gutes Ergebnis in NRW erzielt. Für mich ist die Wahlparty blanker Horror, ich sehe lauter junge Leute zu den Klängen der Band auf der Bühne tanzen. Vor wenigen Minuten hatte dort noch der Polit-Superstar Christian Lindner gestanden. Eigentlich bin ich hier auf Stimmenfang: „Ich brauche Zitate“, denke ich, halte es aber keine 20 Sekunden mehr bei den champagnertrinkenden Golfspieler*innen aus und dampfe wieder in Richtung Landtag ab.

Zu bitter für Sarkasmus

Dort angekommen stehe ich vor einem überdimensionalen Bildschirm. Armin Laschet, CDU-Spitzenkandidat und heutiger Wahlsieger, gibt ein Interview: Er sagt irgendwas mit „innerer Sicherheit“ und „ideologiefreier Bildung“. Damit meint er die Inklusion und die UN-Behindertenrechtskonvention, die er offenbar für falsch hält. Er hätte auch sagen können: „Was soll das mit dieser gesellschaftlichen Teilhabe von Menschen mit Behinderungen? Ab in die Förderschule mit dir.“ Ich schreie innerlich, eine Frau neben mir tut es tatsächlich; ich fühle mit ihr.

Das Wahlergebnis macht mich fertig, das merke ich, als ich zurück am KiT bin. Meine Verzweiflung drückt sich darin aus, dass ich ausgerechnet der Linkspartei in NRW die Daumen drücke für einen Einzug in den Düsseldorfer Landtag. Niemals hätte ich für möglich gehalten, dass die Wähler*innen ernsthaft eine schwarz-gelbe Landesregierung wollen. Studiengebühren und Bildungsschulden, noch mehr Abschiebungen, verdachtsunabhängige Kontrollen und damit Tür und Tor offen für offenes Racial Profiling. Mittlerweile sitze ich seit über 30 Minuten auf einer Parkbank am Rheinufer. Der Himmel ist grau, am Horizont gehen gerade die Rechte vieler Menschen unter, gegen die man hier auch noch ganz offen Wahlkampf betrieben hat.

Eigentlich wollte ich eine ausgewogene Kurzreportage zum Wahlabend schreiben; Eine subjektive Beschreibung meiner Gefühlslage erscheint mir angesichts dieser politischen Katastrophe aber angebrachter zu sein. Nie hätte ich gedacht, dass ich nochmal meinen alten Auflösungsvertrag aus dem Archiv kramen muss, heute weiß ich: Gut, dass ich ihn aufgehoben habe.