Zwischen Stille und Gebet

An der UDE soll ein Raum der Stille und des Gebets entstehen. Transparenz läuft die Planung aber nicht. (Foto: fro)

Seit über einem Jahr ist der muslimische Gebetsraum am Essener Campus geschlossen (akduell berichtete). Nun plant eine neue Initiative für interreligiösen und interkulturellen Dialog (IfiiD) – eine Kooperation aus verschiedenen hochschulpolitischen Referaten und Studierenden – einen Raum der Stille und des Gebets. Kritisch zu betrachten ist, dass auch der Verein türkischer Studenten an den Gesprächen beteiligt ist.

„Das Ziel der Initiative soll darin bestehen, den interreligiösen Dialog an der Universität zu fördern und zu einem nachhaltig respektvollen Umgang beizutragen“, heißt es in einem Protokoll zur Konzeptplanung des Raumes, das der akduell vorliegt. Wann genau der Raum der Stille und des Gebets fertiggestellt sein wird, steht noch nicht fest. Während UDE-Pressesprecherin Beate Kostka noch bekanntgab, dass ein Raum der Stille „im Zuge von noch durchzuführenden Baumaßnahmen enstehen“ solle, ließ sie nach unseren Recherchen gegenüber der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) verlauten, dass in „absehbarer Zeit“ an beiden Universitätsstandorten ein vorrübergehender Raum eingerichtet werde. Die Entscheidung sei erst am Mittwoch, 10. Mai, in einer Sitzung des Rektorats gefallen. Auf den explizit genannten Zusatz „und des Gebets“ bezieht sich Kostka allerdings nicht. Auch die Studierendenvertretung plante im Koalitionsvertrag noch einen Raum der Stille – warum nun der Zusatz „und des Gebets” hinzugefügt wurde, bleibt unbeantwortet. Aus welchem Topf die 5.000 Euro gezahlt werden, die der AStA der IfiiD für den Raum zur Verfügung stellen möchte, ist ebenfalls noch unklar.

„Wenn der Raum der Stille in greifbare Nähe rückt, wird die Hochschulleitung auch die ersten Nutzungsbedingungen klären“, so Kostka. Die studentischen Referate und die beteiligten Studierendenverbände haben indes schon Vorstellungen: Der Raum solle dem alleinigen Ziel dienen, „den Mitgliedern der Universität […] aller Glaubensrichtungen und Weltanschauungen einen Rückzugsort zu bieten und die ungestörte Religionsausübung […] zu ermöglichen.“ Im Sinne der Neutralität solle es untersagt sein, den Raum mit religiösen Symbolen auszustatten. Auch werden die Raumbesuchenden aufgefordert, Rücksicht auf andere Nutzer*innen zu nehmen. Inwiefern religiöse Waschungen oder eine Geschlechtertrennung praktiziert werden dürfen, ist den Dokumenten nicht zu entnehmen. Wie Informationen der WAZ zu entnehmen ist, positioniert sich die Hochschulleitung kritisch gegenüber den Plänen der IfiiD. Bei dem Raum solle „kein exklusiv zu nutzende[r] Gebetsraum sein […], sondern dezidiert allen Ruhesuchenden offen stehen soll – ohne Ansehen des Geschlechts, der Hautfarbe oder der Religion.“

Weder das Referat für Sozialpolitik, das Referat für Hochschulpolitik, der Islamische Studierendenbund Essen und das Internationale Referat, die unter anderem innerhalb der Initiative vertreten sind, noch die IfiiD selbst haben bis Redaktionsschluss Rückmeldung gegeben. Wenige Tage später äußerte AStA-Vorsitzende Nadine Bendahou (Internationale Liste) jedoch gegenüber der WAZ, in Duisburg einen der acht von der Studierendenvertretung genutzten Räume für den Raum der Stille und des Gebets abgeben zu wollen. Ein transparentes Verfahren über die Planungen scheint nicht im Interesse der Vertreter*innen zu sein. Auch der Islamische Studierenden Verein Duisburg und Pfarrerin Claudia Andrews von der Evangelischen Studierendengemeinde Duisburg-Essen waren an den Gesprächen beteiligt.

Wie der vorläufigen Raumordnung zu entnehmen ist, können nach einer Zustimmung durch die IfiiD auch Veranstaltungen durchgeführt werden. Voraussetzung ist, dass auf die religiösen Gefühle Anderer geachtet und Toleranz geübt werde.

Dialog mit dem Verein türkischer Studenten

Neben verschiedenen hochschulpolitischen Referaten und islamischen Studierendenverbänden hat laut Protokoll auch ein Vertreter des Vereins türkischer Studenten an der Planungssitzung vom 20. April teilgenommen. Im vergangenen Jahr sorgte der Verein für ein bundesweites Medienecho: Nachdem der deutsche Bundestag in einer Resolution den Völkermord des Osmanischen Reiches in den Jahren 1915/16 an den Armenier*innen offiziell als Genozid bezeichnet hatte (akduell berichtete), organisierte der Verein türkischer Studenten an der Universität Duisburg-Essen einen Vortrag diesbezüglich. Mit dem Referenten Şahin Ali Söylemezoğlu lud der Verein einen Völkermord-Leugner ein, der in der Vergangenheit schon häufiger mit derlei Aussagen auffiel. Er veröffentlichte ein Buch, das mit pseudowissenschaftlichen Beweisen versucht, die Schuld am Völkermord zu negieren (akduell berichtete). In der Türkei wird das Massaker an den Armenier*innen in geschichtsrevisionistischer Manier noch immer nicht als Genozid bezeichnet. In türkischen Schulbüchern wird behauptet, Armenier*innen seien während des Ersten Weltkrieges in sichere Gebiete umgesiedelt worden. Inwiefern die hochschulpolitischen Referate und restlichen Vertreter*innen der Initiative dem Verein türkischer Studenten kritisch gegenüberstehen, blieb trotz Anfrage der akduell unbeantwortet.