Apphilfe gegen das Wegwerfen

So gut kann Lebensmittelrettung aussehen: Eine vegetarische TGTG-Box (Foto: lenz)

Tagesfrisches Essen zu einem Bruchteil des eigentlichen Preises und gratis dazu eine Portion grünes Gewissen — das versprechen Apps wie Too Good to Go (TGTG), Mealsaver und Resq. Wer eines dieser Programme nutzt, kann sich in Cafés, Restaurants und Bistros zum Ende der Öffnungszeit eine Box vom übrig gebliebenen Essen mit nach Hause nehmen. In Hamburg, Köln und Berlin machen bereits viele Geschäfte mit doch wie gut funktioniert der Selbstversuch im Ruhrgebiet?

Laut eigener Aussage wurde TGTG Ende 2015 in Dänemark „von einer Handvoll Freunde“ gegründet. In Deutschland ist das Unternehmen seit Anfang 2016 aktiv, zunächst nur in Berlin und Hamburg. Nicht das Schnäppchen-Machen steht im Vordergrund, sondern die Minimierung von Lebensmittelverschwendung. Jörg Brunsmann vom WDR bezeichnete es daher auch als „einen dieser Weltverbesserungsdienste“.

TGTG: bessere Suchfunktion

Was bis vor kurzem auch am Rechner funktionierte, kann seit einiger Zeit nur noch über die App erledigt werden: Nach Restaurants in der Nähe suchen, ein paar Infos zum ausgewählten Laden erhalten und wenn man etwas Passendes gefunden hat sich eine Box reservieren. Ein erster Nachteil beim Bedienen der App sind die teilweise sehr allgemeinen Beschreibungen der Restaurants, die oft scheinbar nur kopiert und eingefügt wurden. Außerdem ist bei den meisten Läden nicht gekennzeichnet, ob sie auch veganes oder vegetarisches Essen anbieten. Da ich nicht weiß, ob ich mir die Box selbst zusammen stellen kann – und was am Ende darin landen wird, bin ich zögerlich eine Portion ist mit zwei bis fünf Euro schließlich doch nicht ganz billig. Die Suche nach Restaurants in Essen löst durch das Vorhandensein des Wortes „Essen“ in vielen Restaurantbeschreibungen in anderen Städten eine wahres Sammelsurium in der Ergebnisliste aus.

Tatsächlich kann man hier in der Einkaufsstadt mit der App vor allem Obst, Backwaren und Grillfleisch bei Rewe-Filialen beziehen. Das einzige Restaurant, was bisher mitmacht, ist das Olivia culinaria italia in Rüttenscheid. 3,90 Euro kostet dort eine Box. Nachdem ich mich über die App eingeloggt und eine Box ausgewählt habe, muss ich per Paypal oder Kreditkarte die Zahlung vornehmen. TGTG begründet das Wegfallen der Barzahlung damit, dass es für die Restaurants und Geschäfte so einfacher sei ein durchaus fragwürdiges Argument, da Restaurants auch im regulären Betrieb hauptsächlich mit Bargeld umgehen. Die Konsument*innenfreundlichkeit wird durch diese Einschränkung jedenfalls nicht gefördert. Zur angegebenen Zeit, kurz vor Ladenschluss, hole ich mir meine Box beim Olivia ab. Das verläuft ganz einfach: Die Verkäuferin weiß Bescheid und stellt mich vor die Wahl einer vegetarischen oder fleischhaltigen Mahlzeit, sie streicht auf meinem Smartphone von links nach rechts und bestätigt so den erfolgten Verkauf der Box. Jetzt halte ich ein Ciabattabrötchen mit – Gemüse-Tortilla-Füllung, Rauke und Frischkäse in den Händen. Für 3,90 Euro hätte ich ein bisschen mehr erwartet, doch ist die Portion sättigend, sehr lecker und das Olivia immerhin ein italienischer Feinkostladen. Talip Süzer, Geschäftsführer des Olivia, ist vom TGTG-Konzept begeistert: “Wir machen seit Anfang letzter Woche mit und es läuft super bisher verkaufen wir täglich anhand dieser App unsere Angebote”. Das Konzept wurde ihm vom TGTG-Team vorgestellt und sprach ihn sofort an: Weniger Lebensmittelverschwendung, das sei ihm dabei am wichtigsten. Er freut sich jedoch auch über “neue Kunden, die wir sonst im täglichen Geschäft nicht sehen”.

Die TGTG Boxen werden aus Zuckerrohr, oder im Fall von Sushi-Restaurants aus Pappe, hergestellt und sind somit biologisch abbaubar. Mitgebrachte Behälter können nicht gefüllt werden, da die Portionsgröße laut TGTG immer gleich sein soll. An wiederverwendbaren Metalldosen, die man als Kund*in kaufen kann, werde derzeit gearbeitet.

Resq & Mealsaver: durch Fusion groß geworden

Die Nutzung von Resq, Mealsaver und TGTG sind sehr ähnlich angelegt. Die Preise einer Box bei Resq liegen etwas moderater zwischen zwei und drei Euro, gezahlt werden kann auch hier nur via App und nicht bar. Statt einer Suchfunktion bietet Resq nur eine google Maps Karte, auf der man erst herumzoomen muss, um ein Restaurant in der gewünschten Stadt zu finden. Das macht die Bedienung ein wenig umständlich, ist im Ruhrgebiet jedoch noch zu handhaben. Hat man die gewünschte Stadt endlich gefunden, wird die App nicht übersichtlicher: Was zunächst aussieht wie die Anzahl von Restaurants in einer Stadt, entpuppt sich als gesamte Zahl von Portionen in einem Gebiet. Meine Vorfreude auf 40 Restaurants in Essen und Umgebung, die vermeintlich auf der Karte angezeigt werden, verpufft schlagartig. Stattdessen gibt es in Essen und Mülheim am Tag des Selbstversuchs insgesamt noch 40 Boxen in den Bäckereien Kara Altendörfer und Kara Schölerpad, im China Haus, China Garten und im Ho Ho zu kaufen. Duisburgs Bewohner*innen gehen sogar ganz leer aus. Die Mealsaver App gibt beim Starten den Hinweis, dass ResQ und Mealsaver fusioniert haben, die Anwendung sei jedoch weiterhin nutzbar. Seit der Fusion ist Resq in Finnland, Deutschland, Schweden, den Niederlanden und Estland tätig. „Wir als Team sind genauso wie unsere Partner immer auf der Suche nach motivierten Gleichgesinnten, die sich mittels innovativer Ansätze gegen Lebensmittelverschwendung einsetzen. Wenn wir unsere Kräfte vereinen und im gegenseitigen Austausch stehen, können wir die Ziele der Bewegung und damit die Reduzierung von unnötigen Speiseabfällen natrlich besser erreichen als alleine. Das qualifizierte Tech-Team von ResQ Club ist genau das, was wir schon lange an Board holen wollten“, sagt Mai Olesen, Gründerin von Mealsaver, zur Fusion.

Eine erste Enttäuschung stellt sich wieder beim Versuch, einen Laden in Essen zu finden, ein: Obwohl Mealsaver hier aktiv sein soll, wird mir als Ergebnis nur das China Haus und der China Garten in Rüttenscheid angezeigt. Das Bezahlen einer Box ist nur durch die App per Paypal möglich — für Hungrige, die bewusst auf den Online-Bezahldienst verzichten, ist die App somit nicht nutzbar. Die Boxen von Resq bestehen wie die von TGTG aus Zuckerrohr und sind kompostierbar.

mit Geld gegen die Verschwendung?

Zielgruppe der Apps scheinen umweltbewusste, zeitlich flexible Menschen mit knappem Budget zu sein — da fallen Studierende genau rein. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die Firmen vermehrt Studi-Jobs vergeben und ein junges, frisch urbanes Image pflegen. Die Sinnhaftigkeit von Lebensmittelrettungs-Apps wie TGTG, Mealsaver und ResQ ist zu hinterfragen. Zunächst machen sie den Eindruck einer ethisch korrekten Möglichkeit, günstiger an Nahrungsmittel zu kommen, bei der alle Beteiligten profitieren. Doch drängt sich wie bei anderen Angeboten der sogenannten Sharing Economy die Frage auf, wer am Ende am meisten von diesem Konzept hat. Auf der FAQ-Seite des Unternehmens gibt TGTG an, einen Euro pro verkaufter Box zu behalten und legt dar, welche Unternehmenskosten damit gedeckt werden sollen. Das Konzept von Resq funktioniert da etwas anders: „Von jeder verkauften Box behalten wir 33 Prozent des Verkaufspreises ein, um damit die Entwicklung unseres Produktes voranzutreiben. Wenn Restaurants ihre eigenen biologisch abbaubaren Verpackungen verwenden, behalten wir nur 25 Prozent ein“, erklärt Bianca Jankovska von Resq. Ein weiterer Kritikpunkt liegt in den technischen Barrieren der Unternehmenskonzepte begründet: Nur mit Kreditkarte oder Paypal ausgestattete Menschen, die zudem Zugang zu einem Computer oder Smartphone haben müssen, können ihre Angebote überhaupt wahrnehmen Menschen, die vermutlich ohnehin schon eine Auswahl an Angeboten in einer breiten Preisspanne haben. Die Nutzung solcher Anwendungen wirkt wie eine sehr angepasste, gut konsumierbare Protesthaltung. Gegen die Verschwendung! Das ist hier das Credo. Mit echtem Engagement, wie es etwa Foodsharing-Aktivist*innen an den Tag legen, oder gar einem subversiven Lebenswandel von containernden Menschen die für ihr Handeln auch Geld- und Haftstrafen in Kauf nehmen müssen hat die Nutzung der Apps wenig gemein. Da Restaurants übrig gebliebene Portionen jedoch nicht etwa an die Tafel abgeben dürfen, sind die Apps zumindest ein erstes Mittel gegen Lebensmittelverschwendung in der Gastronomie. Wer eine der Apps nutzen will, tut dies derzeit am besten noch während eines Ausflugs, zum Beispiel ins Rheinland. Dort können sich Resq-Nutzer*innen zurzeit in Köln durch 41 und in Düsseldorf 66 Restaurants probieren. Wer sich für TGTG entscheidet, kann immerhin aus 48 Lokalen in Köln und 31 in Düsseldorf wählen.