Es wird ungemütlich

Die Initiative Ende Gelände in Aktion: Hier bei der RWE Hauptversammlung im Mai. (Foto: mehu)

Am vergangenen Samstag, den 11. Juni, öffnete das Jugendcafé Kraysch in Essen-Kray seine Türen für einen Infoabend über die Initiative „Ende Gelände. In Zusammenarbeit mit der Klimavernetzung Ruhr wurden die Aktivist*innen  in einer WDR-Dokumentation über den rheinischen Braunkohletagebau vorgestellt.

Die Klimavernetzung Ruhr ist ein Zusammenschluss verschiedener Aktivist*innen und Gruppen. Dazu zählt unter anderem auch die Initiative Ende Gelände, die an diesem Abend im Kraysch vorgestellt wurde. Das Jugendcafé der Sozialistischen Jugend – Die Falken liegt direkt  neben der lauten Bahntrasse in Essen-Kray Sie funktioniert  hervorragend als Symbol für den dortigen Infoabend. Es geht um Vernetzung. Denn mit jedem weiteren Quadratmeter, die sich die riesigen Schaufelbagger durch das rheinische Braunkohlerevier fressen, wird der Protest gegen die Fördermethode größer. Bevor es mit dem Film losgeht ,begrüßt Farbi, ein Mitarbeiter des Kraysch, die Gäste. Zur ersten Veranstaltung der Art verirrten sich nur wenige Menschen in den Essener Osten. Nach der Begrüßung  geht es los mit der Dokumentation Klimaschützer gegen Stromriesen – Vom Widerstand im rheinischen Revier. Begleitet werden verschiedenste Aktivist*innen von Baumbesetzer*innen im Hambacher Forst, bis hin zu Familien, die wegen der Braunkohleförderung zwangsumgesiedelt wurden.

Im Laufe der Dokumentation kommt auch der Stromproduzent RWE zu Wort. Der Konzern, der in der Region die Braunkohle fördert und in den nahegelegenen Kraftwerken verfeuert, damit Menschen im Ruhrgebiet vermeintlich günstiger Strom angeboten werden kann. Die Gäste im Kraysch schauen gebannt zu, vereinzelt schütteln sie mit dem Kopf. Nicht zu Unrecht. Denn wie Ende Gelände auf einem ausliegenden Infoblatt erklärt, ist das rheinische Abbaugebiet die größte CO²-Quelle Europas. Durch das Verbrennen der Kohle in den Kraftwerken werden neben dem Treibhausgas Kohlendioxid auch noch andere Giftstoffe wie etwa Quecksilber in die Atmosphäre freigesetzt.  Einer Studie von Greenpeace zufolge seien die Kraftwerke für über 50 Prozent des deutschlandweiten Quecksilberausstoß verantwortlich. Das bei Raumtemperatur flüssige Metall gilt gerade für heranwachsende Kinder als gefährlich, da es das zentrale Nervensystem schädigen kann.

Immerath – ein Symbol für viele

Welche Folgen eine Umsiedlung für die Menschen hat, zeigt die Dokumentation ebenfalls eindrucksvoll. Elf geschluckte Dörfer, zirka 11.000 umgesiedelte Menschen – das ist die Bilanz des Braunkohletagebaus der  letzten 50 Jahre. In der Dokumentation wird exemplarisch der Ort Immerath gezeigt. Dort stehen die Schaufelbagger unmittelbar vor dem Ortseingangsschild. RWE nennt die Umsiedlungen und den damit verbundenen Abriss der Ortschaften „Rückbau“. Auf seiner Internetseite erklärt das Unternehmen die Maßnahmen mit den Worten: „Die rheinische Braunkohle sichert rund 15 Prozent der deutschen Stromversorgung und trägt damit nachhaltig zu einer sicheren Versorgung bei. Sie bietet fast 20.000 Arbeits- und Ausbildungsplätze bei RWE Power und bei den zahlreichen Zulieferern und Dienstleistern, viele davon aus der Region.“ Heißt im Klartext: Das Schicksal Einzelner muss für das Gemeinwohl hinten anstehen. Das wird im Film deutlich: Eine Menge Immerrather*innen haben sich um den Dom versammelt und müssen zusehen, wie die Bagger ihn abreißen. Vielen Bewohner*innen stehen die Tränen in den Augen. Das Kraysch ist in diesem Moment still und das Unverständnis der Leute im Raum regelrecht zu spüren. Die Umsiedlungen werden in den nächsten Jahrzehnten nicht weniger. Ganz im Gegenteil: RWE hat die Genehmigung, bis Mitte des Jahrhunderts die Braunkohle zu fördern. Dennoch gab es jetzt einen Teilerfolg für die Anwohner*innen am Abbaugebiet Garzweiler Zwei. Nach Informationen der Rheinischen Post werden etwa 400 Millionen Tonnen Braunkohle nun doch nicht gefördert, sodass einige Ortschaften nicht umgesiedelt werden müssen.

Ende Gelände stellt sich vor

Nach der Dokumentation wird die Initiative Ende Gelände von einem Aktivist durch einen Vortrag vorgestellt. Und das war auch der Grundgedanke des Abends: Neue Mitstreiter*innen zu informieren und zu motivieren. Ende Gelände ist schon seit Jahren aktiv und sorgt regelmäßig mit seinen Aktionen für mediales Aufsehen. Jüngst hat die Initiative RWE bei dessen Hauptversammlung  ein Ultimatum gestellt. Vor der Grugahalle wurde ein rotes Stoffband ausgerollt als symbolische rote Linie ausgerollt (akduell berichtete). Die Forderung:  Bis Ende August diesen Jahres soll RWE seine Kohleförderung einstellen,  Konsequenzen dann gezogen werden, bleibt offen. Ende Gelände ist ein Zusammenschluss aus verschiedenen Gruppierungen. Teilweise aus der Anti-Atombewegung, den Klimacamps im Rheinland und in der Lausitz, der Waldbesetzung des Hambacher Forsts, linken Gruppierungen aber auch aus größeren Umweltorganisationen. In einem sind sich alle einig: Der Braunkohleabbau muss gestoppt werden, damit sich das globale Klima nicht weiter aufheizt. Ende Gelände kritisiert die „Heuchelei Deutschlands“. Demnach verkaufe sich Deutschland als Vorreiter in Sachen erneuerbarer Energien, ist tatsächlich aber bei der Braunkohleförderung eine der Top-Nationen. Nur China fördert noch mehr. Am Schluss des Vortrages wurde noch für das Ende August stattfindende Klimacamp im rheinischen Braunkohlerevier geworben.

RWE besitzt viel Macht. Das zeigt sich unter anderem in der Abhängigkeit vieler Kommunen. Schließlich besitzt fast jede in Nordrhein-Westfalen Aktien des  Konzerns, daher muss die Kohle stimmen – bei beiden –  damit RWE und die Kommunen finanziell gut dastehen. Da stören ein paar Aktivist*innen nur kurzzeitig. Denn der Hambacher Forst wird gerodet, ob heute oder morgen – trotz des Protestes. Aber die mediale Aufmerksamkeit wird da sein. Das ist das Ziel der Klimavernetzung Ruhr, so Farbi: „Generell ist unser Ziel, im Ruhrgebiet eine größere Öffentlichkeit für den großen Themenkomplex Klimawandel zu schaffen, und die verschiedenen Bewegungen gegen diesen präsenter zu machen.“ Ende Juli ist die Klimabewegung in Duisburg zu Gast. Thema dort: „Wie bekämpft man die größte CO²-Quelle?“.