Extraschicht: Das lange Warten

Der Landschaftspark Duisburg-Nord lockte bei der Extraschicht am Wochenende über 20.000 Besuchende an. (Foto: fro)

Die Extraschicht gilt als eins der kulturellen Aushängeschilder des Ruhrgebiets. Am Samstag öffneten 45 Spielorte mit industriellem Flair ihre Pforten und wollten insgesamt 235.000 Besuchende von nah und fern vom regionalen Charme begeistern. Interesse wird geweckt, hohe Erwartungen entstehen – und werden zunichte gemacht. Ein Erlebnisbericht eines Abends in langen Warteschlangen und vollen Bussen.

Gute Planung ist die halbe Miete, dachte ich mir im Vorfeld der Extraschicht, die am vergangenen Samstag, 24. Juni, stattfand. 45 Spielorte über das gesamte Ruhrgebiet verteilt. Von Moers über Bochum bis nach Hamm konnten sich Besucher*innen eine ganze Nacht lang verschiedenste Orte der Industriekultur ansehen. Ein großes Gebiet – eine Vorauswahl ist also nötig. Da Duisburg bekanntlich die zweitschönste Stadt der Welt ist, fiel die Entscheidung für den Fokus der Reise gar nicht schwer. Innenhafen, Binnenschifffahrtsmuseum, Landschaftspark Nord, Thyssen Krupp und Gasometer Oberhausen. In der Theorie eine interessante Planung, die zumindest infrastrukturell gut zu erreichen sein müsste. Leider gibt es zwischen Theorie und Praxis einige Diskrepanzen.

Warten, stehen, warten, stehen…

Nein, es geht nicht reibungslos vonstatten. Der Trugschluss, vollkommen ohne Probleme von A nach B zu kommen, führt zu einer radikalen Ausdünnung des Programms. Dass nicht wenige Leute auf die Idee gekommen sind, die Hafenrundfahrten vom Innenhafen zum Ruhrorter Binnenschifffahrtsmuseum zu besteigen, ist nicht verwunderlich. Wer kann schon auf so ein dekadentes Angebot verzichten, wenn es im Preis von schmalen zwölf Euro enthalten ist? Trotzdem verzuckern zweieinhalb Stunden Wartezeit in temporärer Begleitung von Regenschauern die Angelegenheit nicht wirklich. Endlich an Bord angekommen, werde ich mit einem exklusiven Ausblick belohnt: Nach einer Tour durch den Duisburger Außenhafen steuert das Schiff direkt Ruhrort an, vorbei an Firmen und dem Landschaftsschutzgebiet Werthauser Wardt, bei dessen Anblick ich mir erneut die Frage stelle, warum Essen die Grüne Hauptstadt Europas sein soll. Leider bleibt es bei der schönen Aussicht, Informationen über den Standort kommen nicht bei mir an. Das Publikum zieht es vor, sich während der Führung durch den Kapitän lautstark über Themen von ähnlicher Relevanz wie Hildegards neuen Rosengarten unterhalten zu müssen.

Mittlerweile ist es 21 Uhr – der aufgestellte Plan wandert allmählich in den Bereich des Surrealen. Nachdem ich ausreichend maritimen Flair genossen und mich entschieden habe, das Binnenschifffahrtsmuseum zu überspringen, stapfe ich mit meiner Begleitung Richtung Bushaltestelle. Ein Wegweiser dorthin ist nicht notwendig, schließlich steht dort bereits eine nicht unbeträchtliche Menschenmenge, um sich in den Bus hineinzuquetschen. „In anderen Ruhrgebietsstädten kriegen die das besser hin! Hier in Duisburg ist das ja eine Katastrophe mit dem Nahverkehr“, was auch als eine allgemeingültige Beschreibung des städtischen Nahverkehrs durchgehen könnte, bezieht der ältere Mann neben mir im Bus lediglich auf den heutigen Abend der Extraschicht. Er scheint sonst nicht so viel mit der Duisburger Verkehrsgesellschaft unterwegs zu sein. „Überfüllte Busse, die auch noch ständig zu spät kommen. Da vergeht einem der Spaß“, echauffiert sich der Mann, der seit über zehn Jahren an der Veranstaltung teilnimmt. Ich frage mich still und heimlich, warum. Das Sardinenbüchsen-Feeling in den Bussen möchte ich kein zweites Mal erleben.

Kurz vor 22 Uhr, der Magen meldet sich strapaziert von zahlreichen Phasen des Wartens und der beengten Fahrt im Bus zu Wort. Gut, dass auf dem Gelände des Landschaftsparks auch ein Street Food Festival zugegen ist. Erneut zeigt sich hier, dass ein Großteil der Extraschicht in Warteschlangen verbracht wird. Zumindest lernt man dort nette Menschen kennen. Meine Vorderfrau, die sich ebenfalls einen Pulled Pork Burger gönnen möchte, hat ebenso den Tag mit Warten verbracht. „Karten fürs Sommerkino habe ich heute gekauft – zwei Stunden lang wartete ich“, sagt sie. Die Glückliche, denke ich mir. Am Vormittag habe ich bereits fünf Stunden in einer Schlange verbracht, um an Kinokarten für die Veranstaltung zu kommen. Zumindest zieht sich meine neue Lieblingsbeschäftigung konsequent durch den Tag.

Im Anschluss an das Feuerwerk soll dann um 23.30 Uhr doch noch ein neues Ziel angesteuert werden, um mit Thyssen Krupp wenigstens eine Attraktion zu sehen, die ich nicht an jedem anderen beliebigen Tag hätte besuchen können. Das Sahnehäubchen: Ein historischer Zug fährt direkt von den ansonsten stillgelegten Gleisen im Landschaftspark unmittelbar aufs Werksgelände des Konzerns. Nachdem das Absperrband von einer wild gewordenen Menschenmenge abgerissen wurde, tummeln sich alle vor einem Zaun am gerade einfahrenden Zug. Das Einreihen in die Warteschlange erscheint manchen als ein Kognitionsgrenzen überschreitendes Unterfangen. Die Phase der vollkommenen Gleichgültigkeit verschwindet bei mir für kurze Zeit, als ich in der Schlange Schritt für Schritt dem Zug näher komme und die Hoffnungen allmählich steigen. Bis der Veranstaltungsmitarbeiter sie schlagartig zunichte macht. „So Stopp, mehr geht nicht rein. Sorry“, sagt er zu mir und hängt vor mir das Absperrseil an. Der Abend ist für mich gelaufen. Jetzt erwartet mich nur noch ein letztes Highlight: der Rückweg mit dem Shuttlebus, dem ein erneutes Gedränge um einen halben Quadratmeter Platz hervorgeht.