Geschlechtervielfalt: Aufklärung gegen Vorurteile

Ehrenamtliche von Schlau gehen in Schulen und klären in Workshops über Geschlechtervielfalt auf. (Foto: fro)

Deutschland, 2017: Noch immer werden Homosexuelle diskriminiert, obwohl sich laut einer Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes 83 Prozent der Deutschen für eine Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare aussprechen. Seit vier Jahren ist das Netzwerk Schlau in Duisburg unter der Trägerschaft der Aids-Hilfe Duisburg/Kreis Wesel e.V. aktiv. Junge Leute zwischen 16 bis 27 Jahren leisten dort ehrenamtliche Aufklärungsarbeit. Ihre Ziele: Nachhaltige Antidiskriminierungsarbeit und Akzeptanz für nicht-heterosexuelle Lebensweisen. akduell-Redakteur Philipp Frohn sprach mit Kai-Uwe Diel über die Initiative.

ak[due]ll: Eine eurer Aufgaben ist es, Workshops in Schulen zu veranstalten und die Jugendlichen für Geschlechtervielfalt zu informieren. Wie läuft das ab?

Kai-Uwe Diel: Unsere Workshops führen immer zwei Teamer*innen, die selbst lesbisch, trans*, schwul oder bisexuell sind, durch. Dadurch möchten wir eine authentische Aufklärung gewährleisten. In der Regel fragen uns verschiedenste Schulen an, ob wir einen Workshop durchführen können. Damit ist der Erstkontakt gegeben und wir können uns mit der Lehrkraft auseinandersetzen. Zunächst wird im Vorgespräch mit der Lehrkraft erfragt, auf welchem Wissensstand die Schüler*innen schon sind und ob das Thema Geschlechtervielfalt schon thematisiert wurde. Danach können wir unseren Workshop zusammenstellen.

ak[due]ll: Wie sieht solch ein Workshop dann konkret aus?

Kai-Uwe: Wir fangen mit einer Begrüßungsrunde an und erklären die Gesprächsregeln. Es ist wichtig, dass alles, was in unseren Workshops gesagt wird, auch in den Workshops bleibt. Genauso wichtig finden wir auch, dass die Schüler*innen uns alles fragen können.

Nach diesem Teil gehen wir in unseren Methodik-Teil über. Hier benutzen wir verschiedenste Methoden unserer „Schlauen Kiste“. Am Anfang nutzen wir Methoden, wo wir den Schüler*innen die Scham nehmen, mit uns offen über die Sexualität zu sprechen. Dazu haben wir zum Beispiel eine Methode, die sich „Lena Liebe“ nennt. Dabei sitzen wir mit den Schüler*innen in einem Stuhlkreis. Der Reihe nach wird dann der Vorname und ein Wort, das sie mit dem Wort Liebe assoziieren, genannt. Das Wort muss also mit demselben Buchstaben wie der Name beginnen, zum Beispiel „Kristina Küssen“: In der zweiten Runde bitten wir die Schüler*innen auf dieselbe Art und Weise vorzugehen, jedoch soll dann das zweite Wort zum Thema Sexualität sein, zum Beispiel „Peter Penis“. Natürlich machen unsere Teamer*innen auch selbst aktiv bei den Methoden mit.

ak[due]ll: Welche Ressentiments gegenüber LGBT*IQ-Menschen sind unter Jugendlichen festzustellen? Wie reagieren Eltern und Lehrer*innen auf die Workshops?

Kai-Uwe: Die sexuelle Orientierung – wenn sie nicht heterosexuell ist – ist immer noch ein Thema in unserer Gesellschaft, wo gerne mal „weggeschaut“ wird. Natürlich gibt es auch Schüler*innen und Eltern, die dieses Thema eher schwierig finden. In den meisten Fällen können wir jedoch mit unseren Gesprächen zeigen, dass unsere Arbeit wichtig ist und so die Vorurteile abbauen.

ak[due]ll: Wie geht ihr gegen diese Vorurteile vor?

Kai-Uwe: Wir nehmen unsere Teilnehmer*innen immer sehr ernst und wichtig. Wir möchten auch, dass sie uns ihre Vorurteile nennen. Denn nur so können wir gemeinsam darüber sprechen und diese Vorurteile durch Aufklärung aus dem Weg räumen.

ak[due]ll: Wie nehmen die Jugendlichen die Workshops insgesamt auf? Seid ihr schon mal auf „hoffnungslose Fälle“ gestoßen?

Kai-Uwe: Nein. In der Regel freuen sich sogar die Jugendlichen auf uns – immerhin haben sie dann mindestens 90 Minuten keinen Unterricht mit der Lehrkraft. Die Schüler*innen sind in den meisten Fällen sehr aufgeschlossen und wissbegierig. Oftmals hören wir von den Schüler*innen, dass sie zum ersten Mal (bewusst) auf einen Mensch der schwul, lesbisch, bi oder trans* ist, stoßen.

ak[due]ll: Was gehört neben den Workshops noch zu euren Kernaufgaben?

Kai-Uwe: Unsere Kernaufgabe ist es, wie anfangs erwähnt, nachhaltige Antidiskriminierung zu erreichen. Dazu gehen wir in den Schulen, Jugendeinrichtung oder ähnlichem und bieten unsere Workshops an. Aber natürlich sind wir, beispielsweise auch am Christoper Street Day, mit dabei und beantworten Fragen.

ak[due]ll: Wie beurteilt ihr insgesamt die Haltung gegenüber LGBT*IQ-Personen in Deutschland?

Kai-Uwe: Wir dürfen uns hier nichts schön reden. Es ist leider immer noch so, dass „anders liebende“ diskriminiert werden. Aber man muss auch sagen: Die Gesellschaft wird immer toleranter.

Wenn wir uns da das Thema „Ehe für alle“ anschauen, sehen wir, dass 83 Prozent der Bevölkerung dafür sind. Das heißt, dass unsere Gesellschaft eben nicht so trans*- und homophob ist, wie gerne behauptet wird. Aber es gehört auch zur Wahrheit, dass es Gruppierungen und Menschen gibt, die dies eben nicht so sehen.

ak[due]ll: Schützt die Politik die Rechte der Szene genug? Was muss noch getan werden?

Kai-Uwe: Wir sind noch nicht am Ziel unserer Wünsche in Sachen genereller Gleichberechtigung und Chancengleichheit! Da bleibt noch viel zu tun.

Verstärkung gesucht: Du möchtest junge Menschen über Geschlechtervielfalt auf- klären? Dann melde dich via Facebook oder per E-Mail an duisburg@schlau.de an Schlau Duisburg.