Grenzen im Quadrat

Das f2 Fotofestival feiert in Dortmund mit zahlreichen Veranstaltungen im Juni und Juli Premiere. (Fotos: lenz)

Eine Stadt, acht Standorte, 60 Künstler*innen, Workshops, Vorträge, Buchsalons. Das 2017 erstmalig stattfindende f2 Fotofestival Dortmund vereint verschiedene Ansichten auf das Thema Grenzen. Vergangenen Freitag, 23. Juni, wurde das Festival im Depot Dortmund eröffnet, bis zum 16. Juli können sich Interessierte die Arbeiten anschauen, die ein breites Spektrum von klassisch-dokumentarisch bis hin zu künstlerisch-konzeptuell abdecken.

Peter Lutz, Fotograf und beim Kulturort Depot Dortmund beschäftigt, ist einer der Veranstalter*innen des neuen Festivals. „Im Nachhinein würde ich sagen, dass es vor zwei Jahren vier Menschen mit einer größenwahnsinnigen Idee gab. Das waren zwei Leute von freelens und zwei vom Depot“, erklärt er begeistert.

Idee und Kerngruppe standen, das Projekt ging in die aktive Planungsphase über. Ganz konkret hieß das vor allem Sponsor*innensuche und die Erschließung weiterer Standorte. „Der Titel heißt eigentlich ‚f Quadrat‘ – viele sagen jedoch ‚f zwei‘ – und das zeigt auch sprachlich, dass sich das Festival über die Grenzen des Dortmunder Depots hinaus ausdehnen soll“, so Lutz. In der Zahl zwei des Titels ist ebenfalls geschickt die Information eingearbeitet, dass es – wenn alles gut läuft – von nun an zweijährig stattfinden soll. Das „f“ steht im Übrigen für die physikalische Größe der Blendenöffnung eines Objektivs.

Dortmund – das neue Herten?

Ein Ziel sei es auch, die Lücke in der Kulturlandschaft zu schließen, die der Wegfall der Biennale für aktuelle Fotografie – das größte kuratierte Fotofestival in der Bundesrepublik –  in Herten hinterließ. „Da war der große Geldgeber damals Agfa und der ist durch den Wandel zur digitalen Fotografie weggebrochen“, schlussfolgert Lutz. Seitdem ist im Dortmunder Umraum wenig los in der Fotoszene. „In Oberhausen gibt es gerade eine Ausstellung über einen Magnum-Fotografen, Essen hat im Museum Folkwang eine tolle fotografische Sammlung. Aber hier im östlichen Ruhrgebiet ist wenig los – und das, obwohl hier die älteste Schule für Fotografie mit den meisten Studierenden ist“, so Lutz.

Für die Planung des f2 gingen die Veranstalter*innen dabei einige Male auf dem Zahnfleisch. „Wir beuten uns definitiv selbst aus. Es gibt noch einen Lohn unterhalb des Mindestlohns”, erzählt Lutz mit einem Lachen. Man merkt ihm die Liebe zum Fotofestival an – die braucht man auch, um so ein Projekt in der Kunst- und Kulturszene zu stemmen. „Wir haben natürlich Gelder, die uns eine gewisse Aufwandsentschädigung geben. Aber wir können nicht davon leben. Für die Geschäftsführung vom Depot war das ganz klar eine doppelte Belastung“, führt er weiter aus. Für die Verhältnisse im Ruhrgebiet sei die Finanzierung durch verschiedene Sponsor*innen jedoch relativ gut. Dieses Jahr gibt es auch eine Anschubfinanzierung, beim nächsten Festival würde diese jedoch wegfallen.
„Die Frage ‚Traum oder Alptraum?‘ soll eine Provokation sein.“

Das gewählte Thema Grenzen ist ein offenes, jedoch kein einfaches. „Wir haben uns hingesetzt und überlegt, was auch noch in ein oder zwei Jahren ein relevantes Thema sein wird. Da war uns dann schnell klar, dass es bei ‚Grenzen‘ der Fall ist. Wir hatten uns auch vorgenommen, dass es ein politisches Festival werden soll“, erläutert Mitorganisator Lutz. Mit der bisherigen Resonanz ist er zufrieden: „Bei der Eröffnung hatten wir – trotz des Unwetters – 350 Gäste. Heute rechnen wir durch die Extraschicht mit einer vierstelligen Zahl.“

Die Welt als Spielplatz abenteuerlustiger Fotograf*innen

Wie ein familiärer Dia-Abend – nur eben ab und zu mit ein paar Geflüchteten im Bild. So lässt sich die Ausstellungseröffnung von „Escaping Death – Syrian Refugees“ im Rahmen des f2 Fotofestivals am 24. Juni beschreiben. Der Fotograf Felix Kleymann hatte Ende 2015 acht Wochen lang Menschen ab dem Irak bis nach Deutschland auf ihrer Fluchtroute begleitet. „Die meiste Zeit habe ich mich wie ein Flüchtling bewegt, nicht wie ein Fotograf“, erklärt er selbstbewusst.
Emotional habe er sich wie „einer von Denen“ gefühlt, beantwortet er die Frage einer Ausstellungsbesucherin. Deshalb habe er das Projekt auch mit sich selbst vereinbaren können. Eine andere Anwesende wirft ein, dass er jedoch eine ganz andere Ausgangslage hatte, schließlich sei er ja nach Hause und nicht in die Fremde gereist. Über seine Gefühle und Erlebnisse erfährt man viel, es wird viel nachgefragt. Zwei Tage habe er auf Lesbos im Gefängnis verbracht, wegen einer Grippe zwei Nächte in Zagreb im Hostel geschlafen. Zufällig lernte er syrische Kämpfer kennen, die sich später als IS-Kämpfer entpuppten. Mitreisende fragten ihn immer wieder, warum er denn überhaupt Deutschland verlassen hat, um mit ihnen zu reisen. Alles witzige und spannende Anekdoten, miteinander verwoben im Künstlergespräch.

Leben auf der Flucht – Fotograf Felix Kleymann nimmt sich eines schweren Themas an.

Was er jedoch geschafft hat: keine Sensationsbilder zu produzieren. Das war sein Anliegen, nicht die medial ausgebeuteten Bilder von weinenden Frauen und toten Kindern noch ein weiteres Mal zu fotografieren. Stattdessen sind die Bilder meist ruhig, harmonisch komponiert, fangen Details und Stimmungen ein. Der Mensch ist der Kamera nicht ausgeliefert und es wird spürbar, dass der Fotograf tatsächlich mit dabei war. Nur: Was nützt all dies, wenn die Betroffenen nicht zu Wort kommen? Keine Bildunterschrift, kein Wandtext, keine Namen werden den Betrachtenden zuteil. Sie hängen bloß mit schicken Architektenklammern an schicken Wänden.

Scheitern am zu großen, zu komplexen Thema. Der Veranstalter ist die 44309 Street//Art Gallery. Dort finden, wie der Name verrät, sonst meist Street Art-Ausstellungen statt. Für Kleymann war es das erste Projekt, das er im arabischsprachigen Raum umsetzte. „Ich tue mich mit der politischen Ebene des Themas schwer. Ich bin Fotograf und Journalist, kein Politiker. Das ist nicht mein Steckenpferd“, gibt er unumwunden preis. Wie vom Festival gewünscht ist es ein politisches Thema, der Kontext jedoch nicht. Zu angenehmer Musik – mit einem Bioapfel vom mobilen Stand vor der Tür in der einen, Club Mate in der anderen Hand – mir Bilder von ungewissen menschlichen Schicksalen anschauen, ist schwierig.

Eröffnungen hoch zwei

Die nächsten Ausstellungseröffnunge des Festivals findet am Donnerstag, 29. Juni, statt. In der Auslandsgesellschaft geht es um 18 Uhr mit Home Stories los, um 19 Uhr folgt X-Dualismen im Projektspeicher /Export33. Hinter dem ominösen Namen X-Dualismen verbergen sich zehn Fotografiestudierende von der Folkwang Universität der Künste. Tabea Borchardt ist eine von ihnen. „X – das sind wir, zehn Mitglieder der Gruppenausstellung. ‚Dualismen‘ ist ein Versuch der Umschreibung der Verschiedenheit und Gleichheit, Annäherung und Abgrenzung innerhalb und zwischen den gezeigten Arbeiten und vielleicht auch Persönlichkeiten hinten den Arbeiten. Der Umgang mit verschiedenen Thematiken auf engem Raum, die doch Verbindungslinien aufweisen – diese Spannung spiegelt sich auch verbal wieder”, erzählt sie.

Borchardt zeigt eine sehr persönliche Arbeit: „Durch die frühe Grenzerfahrung  mit dem Ableben und Sterben eines Menschen, war die Entscheidung, welche Arbeit ich gern zeigen wollen würde, auch sehr schnell gefallen. Ich denke, wir zeigen eine sehr große subjektive Bandbreite an Arbeiten, die das Oberthema das Festival touchieren, versuchen zu reflektieren aber auch damit kokettieren“, so Borchardt.

Kunst soll auch Diskurse in Bewegung setzen, das ist der Studentin wichtig und das erhofft sie sich auch von der Teilnahme am Festival: „Generell wenn ich meine Arbeiten zeige, ist mir an erster Stelle wichtig, so viel wie möglich selbst vor Ort zu sein und mit Menschen, die aus dem Kunstkontext oder auch aus ganz anderen Bereichen kommen, über meine Arbeit und die Inhalte in ein Gespräch zu kommen.“

Der Mix machts: „Die Durchmischung unterschiedlicher Bekanntheitsgrade und thematischer Herangehensweisen an das vorgegebene Thema sehe ich bei diesem Festival sehr positiv. Zudem die vielen Beiträge in Textform und die Interaktion mit den geplanten Guided Tours“, meint die Studentin. Im gewählten Oberthema findet Borchardt auch durchaus Kritikpotential: „Ich sehe dort die Gefahr, dass Menschen auf künstlerischer Ebene integriert werden in eine Arbeit, welche für mich häufig einen zwiegespaltenen Beigeschmack beibehält – da diese Arbeiten temporär sind, Zustände um die Thematik selbst jedoch häufig ewig folgenreich sein können für einzelne Individuen. Ich bin selbst sehr gespannt, wie mein Eindruck ist, sobald ich selbst alle Arbeiten gesehen habe.“

 

Nächste Termine:

Do., 29.06., 18 Uhr, Eröffnung Do., 29.06., 19 Uhr, Eröffnung Fr., 30.06., 17 Uhr, Eröffnung
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