Drogen auf dem Campus – nur für UDE-Angehörige?

Schwarzlicht im Parkhaus: Eine erste Maßnahme gegen Drogenkonsum auf dem Campus. (Foto: mehu)

Ein knappes halbes Jahr ist es her, dass die Stadt Essen am Rheinischen Platz Kameras installiert hat und den dortigen Drogenhandel zu unterbinden versucht. Eine damals befürchtete Folge: Die Szene dränge auf den Essener Campus. Nun würden sich Beschwerden mehren, dass die Toiletten zum Drogenkonsum genutzt würden. Zurück blieben leere Spritzen und Blut. Die Universität reagiert auf die Kritik und ergreift Maßnahmen. Studierende möchten lieber über Vorurteile aufklären.

Ende Mai ging eine Rundmail des Universitätskanzlers Rainer Ambrosy an die Mitarbeitenden der Universität heraus. Betreff: „Rundschreiben zur Sicherheit am Campus Essen.“ Im Anhang eine Erklärung und Verhaltensanweisungen im Umgang mit den von der Uni ungeliebten Gästen am Campus Essen. Demnach würden die Räumlichkeiten und das Gelände der Hochschule in einer Weise genutzt, die der Hausordnung der UDE widerspräche. Hier sei „der unerlaubte Aufenthalt von Drogenabhängigen und Obdachlosen” zu nennen, heißt es in dem Schreiben.

Ebenso fänden vermehrt „wilde Partys“ in den Seminarräumen statt. Die Hochschulleitung sehe sich gezwungen, Maßnahmen zu ergreifen, denn zum einen führe der Drogenkonsum auf den Toiletten und im Parkhaus zu teils erheblichen Verschmutzungen und zum anderen zu einem „subjektiven Unsicherheitsgefühl” bei den Hochschulangehörigen und Mitarbeitenden. Die Universität macht die Drogenszene am Rheinischen Platz und am Berliner Platz für den Konsum auf dem Campus verantwortlich.

Noch im Dezember hieß es von UDE-Pressesprecherin Beate Kostka, dass die Universität keine Verdrängung der Drogenszene aufs Campusgelände zu befürchten habe. Jetzt schlägt die Hochschule andere Töne an: Begünstigt würde der Konsum auf dem Gelände durch den offenen Charakter und die langen Öffnungszeiten der Universität, heißt es in der Mail des Kanzlers. Konkrete Zahlen, wie oft es zu Vorfällen von Drogenkonsum auf dem Campusgelände kam, benennt die Universität nicht. Die Maßnahmen der Hochschule werden bislang durch keine Statistiken untermauert. Stattdessen werden Mitarbeitende aufgefordert, jeglichen Vorfall zu melden.

UDE ergreift Maßnahmen

In der Rundmail kündigt die Hochschule zusätzliche „Maßnahmen zur Eindämmung der Fremdnutzung” an. Die bereits bestehenden Pförtnerlogen am Gebäude S05 und R12 und der Nachtwache am Campus Essen wurden im April 2016 um eine Tagesstreife erweitert. Zwei Mitarbeitende des Sicherheitsdienstes führen regelmäßige Begehungen zwischen 8 und 16 Uhr durch. Dabei kontrollieren sie das Campusgelände inklusive des Parkhauses, die Gebäude der Schützenbahn und auch des neuen Hörsaalzentrums R14. Zu den Aufgaben gehören die Kontrolle der sanitären Anlagen und das Entfernen von benutzten Spritzen. Es komme auch häufig zu Verschmutzungen mit Fäkalien und Blut im Zuge des Drogenkonsums. Dafür sei extra eine Putzkraft beschäftigt, die solche Verunreinigungen umgehend entferne. Zudem habe das Liegenschaftsmanagement der Universität das Zeitfenster der „Innenbewachung” ausgedehnt. Nun werden die Gebäude auch in der Zeit von 19:30 bis 8 Uhr kontrolliert, sodass der Campus nunmehr 24 Stunden beobachtet wird.

Im Auftrag des Rektorats wurde dem Sicherheitsdienst außerdem das Hausrecht gewährt, um auch Platzverweise und Hausverbote ausstellen zu können. Das solle in der Vergangenheit oft ein Problem gewesen sein, da der Wachdienst nicht eingreifen konnte und sofort die Polizei einschalten musste. Eine Maßnahme werden wohl alle Studierenden zu spüren bekommen: Im Zuge von sogenannten „Sonderbewachungen“ sollen an unregelmäßigen Terminen ein bis zwei Wochen lang an allen Haupteingängen sogar Ausweiskontrollen für alle stattfinden. Parkhaus und Schotterplatz werden beschrankt, sodass auch hier dann ausschließlich Hochschulangehörige mit Ausweis Zugang haben. Zäune zu den Treppenabgängen sollen Abhängige vom Konsum abhalten.

Zusammenarbeit mit Stadt und Polizei

Die Suchthilfe Direkt GmbH der Stadt Essen sammelt rund um den Campus Spritzen ein. (Foto: mehu)

Die Universität stehe im regelmäßigen Austausch mit der Stadt Essen und der Suchtberatung Direkt, die auch regelmäßig das Außengelände begehe und gebrauchte Spritzen einsammele. Zudem sei im September 2016 das Personal der Polizei verstärkt und eine Präsenzgruppe für die nördliche Innenstadt gebildet worden, die jetzt auf dem Campus auf Streife gehe. Auf Anfrage der akduell, wie genau die Zusammenarbeit der Universität, der Stadt Essen und der Polizei abläuft, erläutert Elke Weinmann von der Stabsstelle Arbeitssicherheit und Umweltschutz der UDE: „Das Dezernat Gebäudemanagement und die Stabsstelle Arbeitssicherheit & Umweltschutz der Uni sind seit 2016 Gäste im kommunalen Koordinierungskreis Drogen und Straßenprostitution.”

Auch das Sozial- und Ordnungsamt der Stadt sowie Polizei und Staatsanwaltschaft seien dort anwesend. „Aktuelle Fragen aus dem Themenkreis können dort direkt gemeinsam besprochen werden“, führt Weinmann fort. Die Verdrängungsmaßnahmen scheinen erfolgreich zu sein, wie eine Umfrage auf dem Campus ergab. Die meisten Studierenden hätten noch nie von Problemen mit Drogenabhängigen am Campus gehört. Anders bei den Studierenden und den Mitarbeitenden, die regelmäßig das Parkhaus nutzen.

„Wie in einem Horrorfilm“

Denn auch das Parkhaus an der Universität blieb von den Maßnahmen nicht verschont. So wurden in den beiden Treppenhäusern Schwarzlicht installiert. In dem bläulichen Licht ist es fast unmöglich, seine Adern zu sehen, was verhindern soll, sich Heroin oder andere Substanzen zu spritzen. Ein Rundgang durch die Treppenhäuser zeigt, dass sie sehr verdreckt sind. Felix, 24 Jahre alt und BWL-Student, pendelt aus Bottrop an die Uni und nutzt das Parkhaus oft. Angesprochen auf den Zustand der Treppenhäuser findet er deutliche Worte: „Wie in einem Horrorfilm. Das blaue Licht verstärkt das Ganze noch. Ich suche auch erst einmal einen Parkplatz am Audimax oder an der Uni herum. Hier zu parken, ist in der Regel die letzte Option, die ich habe.“ Melissa*, 27 und Lehramtsstudentin, sagt: „Im Wintersemester, wenn ich hier teilweise noch im Dunkeln ankomme, versuche ich immer, dass ich vorher eine Freundin von zu Hause abhole und ich nicht alleine im Parkhaus bin.“

Auf der Wiese zwischen den Gebäuden haben wenige etwas von Drogenkonsumierenden mitbekommen. (Foto: mehu)

Auf die Frage, ob sich die Lage mit Nicht-Hochschulangehörigen langfristig lösen lässt, erläutert Weinmann wie folgt: „Wir arbeiten nun daran, dies soweit möglich und für die Hochschulangehörigen zumutbar, einzugrenzen. Zum Beispiel Beschränkung der Gebäude-Öffnungszeiten, Bewachung und Ausweiskontrollen. Man muss aber davon ausgehen, dass es keine 100-prozentige Sicherheit geben kann, die Drogenproblematik komplett aussperren zu können. Wir wollen aber die ‚Fremdnutzung’ deutlich vermindern und das subjektive Sicherheitsgefühl der Studierenden und Beschäftigten stärken.“ Auf die Bedürfnisse der Konsumierenden wird bis auf den Hinweis, Erste Hilfe zu leisten und den Rettungsdienst zu rufen, wenig eingegangen. Laut Verhaltensanweisung der Stabstelle sollen die Mitarbeitenden Abstand halten. Beratungs- oder Anlaufstellen, die man Konsumierenden nennen könnte, sucht man vergeblich.

Nicht nur die Hochschule nimmt sich dem Thema an. Die Fachschaft Soziale Arbeit (FS 3a) hat den Schriftsteller Daniel Kulla zu einem Vortrag und anschließender Diskussion geladen. Kulla beschäftigt sich in einigen seiner Werke mit dem Thema Rausch. Es soll auch die momentane Verdrängungspolitik von Konsumierenden unter die Lupe genommen und die Frage beantwortet werden, wieso Drogenabhängige und Wohnungslose unter Repressionen leiden. Clara Will von der Fachschaft Soziale Arbeit erklärt, man müsse sich auch mit den Hintergründen auseinandersetzen, weshalb Menschen extra zum Campus kommen, um Drogen zu konsumieren.

„Es ist nötig, den angsteinflößenden Mythos rund um ‘den gruseligen Junkie auf meiner Campus-Toilette‘ gar nicht erst aufkommen zu lassen.” Die Fachschaft würde gerne mit weiteren solcher Veranstaltungen über die Problematik aufklären, „damit nicht nur die angehenden Sozialarbeiter*innen sich mit Drogenkonsum und Abhängigkeit inhaltlich auseinandersetzen“, so Will. Das Thema ist momentan aktueller denn je: In Essen wurde sehr lange – vergeblich –versucht, die Trinker*innenszene vom Willy-Brandt-Platz zu verdrängen. Die Stadt Duisburg ist kürzlich noch einen Schritt weitergegangen und hat für den gesamten Innenstadtbereich ein Alkoholverbot ausgesprochen (akduell berichtete).

Crime Scene Campus

Aber nicht nur der Drogenkonsum ist ein Problem für die Universität auf dem Essener Campus. Immer wieder kommt es zu aufgebrochenen Schließfächern auf dem Campus. Sei es im Laborbereich S05 oder im Bibliotheksfoyer. Auch komme es zu Autoeinbrüchen auf der Universitätsstraße. Auf akduell-Anfrage nennt die Polizei konkrete Zahlen: Demnach habe es in den letzten 400 Tagen 25 Diebstähle an Fahrzeugen im Bereich Universitäts- und Segerothstraße gegeben, 15 Einbrüche in die Gebäude und mindestens 19 mal wurde der Brandmeldealarm ausgelöst. Ein Polizeisprecher betonte im Hinblick auf die Diebstähle und Einbrüche, dass es sich dabei nur um Fälle handelt, bei denen die Polizei ausgerückt sei. Die Dunkelziffer könne noch höher liegen. Über die Tathindergründe konnte der Polizeisprecher keine Auskunft geben. Auch die Aufklärungsrate der Delikte ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht bekannt.

Dass nicht alle Studierende von der Kriminalität und dem einhergehenden Unsicherheitsgefühl etwas mitbekommen, liegt wohl zum einen daran, dass die UDE eine Pendeluni ist und viele sich nicht lange auf dem Campus aufhalten und zum anderen daran, dass die Verdrängungsmaßnahmen Wirkung zeigen könnten. Dennoch müssen sich Studierende in Zukunft auf Ausweiskontrollen an den Eingängen und dem ein oder anderen Streifenwagen, der über dem Campus fährt, einstellen. Zumindest was die Streifenwagen angeht, wurden schon einige auf dem Essener Campus gesichtet.

*Name der Redaktion bekannt


Verhaltensanweisungen der Universität

Im Zuge der Maßnahmen gegen die Drogenszene auf dem Campus erhebt die Universität eine Statistik und bittet alle Studierende Vorfälle jeglicher Art (auch zurückliegende) an die Hochschule zu melden. Es ist ein Kontaktformular unter www.uni-due.de/de/hilfe_im_Notfall.php eingerichtet. Ebenfalls werden hier Maßnahmen und Verhaltenstipps gegeben, sollte man Konsumierenden begegnen oder sich mit Spritzen oder ähnlichem verletzt haben. Der Sicherheitsdienst ist in akuten Fällen rund um die Uhr unter 0201/183-2614 erreichbar.