Königsallee: Den Dreck unter den Teppich kehren

Zwischen Porsche und Putzen. Fotografisch festgehaltene Schere zwischen Arm und Reich. (Foto: rod)

„Sauberkeit hat ihren Preis“, „Schluss mit Turboputzen“ oder „Respect for Cleaners“. So lauten einige Slogans der Industriegewerkschaft Bau-Argar-Umwelt (IG BAU), mit denen sie am vergangenen Sonntag, 25. Juni, auf „Lohnraub“ von Putzkräften in der Hotelbranche aufmerksam machen wollten. Etwa 20 Menschen fanden sich dabei zu einer Aktion in Düsseldorf ein, ausgerechnet auf einer der luxuriösesten Straßen Deutschlands: Der Königsallee (KÖ).

Die Organisation Arbeitsunrecht Deutschland hatte vor das Intercontinental Hotel auf der KÖ geladen. Erst vor rund einem Jahr standen sie schon einmal hier:Silermone Neves dos Santos, eine Frau mit brasilianischer Herkunft, hatte erfolgreich vor dem Düsseldorfer Arbeitsgericht gegen ihren Arbeitgeber geklagt, ein Subunternehmen mit dem Namen Zingsheim Hotelservice (ZHS). Für dieses hatte sie im Intercontinental gearbeitet, doch ZHS wollte ihr den Lohn streitig machen, verlor am Ende aber 6.000 Euro vor Gericht.

Um die Wette kehren

Seit diesem Tag gibt es die Aktion „PutzfrauenPower!“. Neves dos Santos war dieses mal nicht vor Ort. Sie befand sich im Urlaub, den die Aktivist*innen „wohlverdient“ nennen, nachdem sie im Juni 2016 lokal Schlagzeilen mit ihrem Arbeitskampf machte. Doch das Problem besteht weiterhin, auch deshalb findet die Aktion am selben Ort wie vor einem Jahr statt. Eine der Organisator*innen, Jessica Reisner, erklärt die Lage: „Es geht immer um das selbe Prinzip: Menschen haben Zeitvorgaben für die Zimmer, die sie nicht einhalten können. […] Der Subunternehmer sagt: ‚Dann bist du eben zu langsam‘ und weigert sich, die restliche Zeit zu bezahlen.“ Darüber hinaus würden noch weitere Arbeiten anfallen, die gar nicht vergütet würden. Konkret bedeutet das für die Beschäftigten, dass der Mindestlohn, der im Gebäudereinigerhandwerk gilt, unterlaufen wird.

Das wollen die Protestierenden nicht hinnehmen. Neben einigen Redebeiträgen, unter Anderem von Vertreter*innen der IG BAU, die sich derzeit in Tarifverhandlungen mit den Arbeitgeberverbänden befinden und dabei einen Euro mehr und Weihnachtsgeld fordern, haben die Organisator*innen auch Aktionen vorbereitet. Symbolisch verteilen sie Schmutz auf dem Parkplatz vor dem Hotel, legen drei Teppiche aus und kehren ihn dann darunter. Die Polizei und der Portier schauen skeptisch zu. Nach ihrer Aktion müssen sie die Straßenseite wechseln, denn das Hotel hat die Polizisten darum gebeten, die Protestierenden anzuweisen, das Gelände verlassen.

Ausgebeutet wegen Migrationshintergrund

An der Düssel führen sie ihre Aktion fort. Jessica Reisner hat das Megafon in der Hand und gibt dem Hotel zu verstehen, dass sie die Situation nicht dauerhaft aussitzen können. „Der Unterschied zwischen Recht haben und Recht durchsetzen, ist eklatant“, sagt sie. Im Gespräch wird sie genauer: „Wir [begleiten] aktuell immer noch drei Fälle am Arbeitsgericht Düsseldorf […], die hier im Intercontinental Hotel für das Subunternehmen Macoc geputzt haben, das in sehr enger Verbindung zu dem Subunternehmen Zingsheim steht“, führt sie ihre Schilderungen aus. Oftmals handele es sich dabei um migrantische Putzkräfte, meistens aus osteuropäischen Ländern wie Rumänien oder Bulgarien. Alina Iordan, eine ehemalige Reinigungsfachkraft, nimmt ebenfalls an der Aktion teil.

Sie ist angezogen wie Rosie the Riveter, die 1941 die fiktive Hauptperson eines Propagandafilmes der USA im Zweiten Weltkrieg war und später zur kulturellen Ikone für Feminismus in der Ökonomie avancierte, daran lehnt sie sich bewusst an. Iordan ist eine wichtige Figur beim Protest auf der Königsallee, sie kämpfte ebenfalls um ihre Arbeitsrechte, berät heute ehrenamtlich Putzkräfte aus Rumänien. „Ich war am Anfang in Deutschland mit ganz wenig Kenntnissen bezüglich der deutschen Sprache, aber auch meiner Rechte. […] Ich konnte mich einfach nicht wehren, weil ich wusste, dass ich den Job jederzeit wieder verlieren kann. Irgendwann lernte ich die Sprache und ging zu einer Beratungsstelle“, sagt sie mit einem Lächeln auf den Lippen. Sie hat zwei von den drei Protestaktionen vor dem Hotel absolviert. Zwar gewinnt sie am Ende des Tages weder den goldenen Besen für die schnellste Putzkraft, noch die goldene Klobürste für das Versenken selbiger im Klodeckel, aber in einer Minute klopfte sie zumindest 58 Mal den Teppich aus, der über dem Geländer zur Düssel hing.

Die Existenzfrage

Für Iordan stehen diese Spiele, die auch zur Erheiterung der Protestierenden dienen, symbolisch für die Akkordarbeit, die ihre Kolleg*innen fast täglich leisten. Viele hätten Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren, dabei deutet sie auf zwei Menschen neben sich und sagt: „Wir haben hier gleich neben uns zwei Beispiele“. Demnach hätten sie schon eine Drohung von ihrem Arbeitgeber bekommen, wenn sie sich am Protest beteiligen sollten, natürlich nur mündlich wie sie erklärt. Davon haben sich die beiden jedoch nicht aufhalten lassen, trotz „permanentem Druck“ aus der Hotelbranche.

Neben der Existenzfrage stellt Iordan aber auch fest, dass die derzeitige Praxis Probleme für die gesellschaftliche Situation der Beschäftigten mit sich bringt, denn viele ihrer Kolleg*innen arbeiten teilweise bis zu 15 Stunden am Tag. „Die können natürlich keine Sprachkurse besuchen, um sich ins System zu integrieren“, erläutert sie. Jessica Reisner fordert deshalb auch, dass es ein „gesellschaftliches Umdenken“ geben müsse, „ähnlich wie beim Steuerrecht.” Die systematische Ausbeutung der Putzkräfte sei eben kein Kavaliersdelikt, „sondern eine kriminelle Methode”, die man auch so nennen müsse.