Massenhaft kritisch

Die Kritische Masse in Essen am 9. Juni auf dem Willy-Brandt-Platz. (Foto: lys)

Seit 200 Jahren gibt es das Gefährt mit zwei Rädern, das damals die Kutsche ablöste und Pferde aus der Knechtschaft, Menschen zu transportieren, befreite. Dann wurde das Auto für die Allgemeinheit erschwinglich  – und das Fahrrad zur Nebensache. In der Critical Mass-Bewegung erobern sich Radfahrende Räume in der städtischen Infrastruktur nun zurück.

Jeden zweiten Freitag im Monat, so auch am vergangenen 9. Juni, trifft sich der Essener Ableger der Critical Mass-Bewegung zum gemeinsamen Radsport durch die Stadt. Der Willy-Brandt-Platz vor dem Hauptbahnhof dient ab 19 Uhr als Anlaufstelle für alle, die Spaß daran haben, im Verband Fahrrad zu fahren. „Hier gibt’s keine Organisatoren oder Veranstalter“, erläutert ein Fahrradaktivist unter aufgeklartem Himmel am Treffpunkt, wo sich nach und nach etwa 150 Personen mit teilweise selbstgebastelten Fahrrädern einfinden. „Wir sind ein Schmelztigel aus Einzelpersonen, Fahrradinitiativen und Umweltaktivisten,“ führt er fort. Und Jede*r mit Rad soll sich dem anschließen können . Wer vorn fährt, bestimmt, wo es lang geht – und das manchmal  zwei Stunden lang.

Besonders profitiert das monatliche Event von der gesetzlichen Regelung, dass ab 15 Personen im sogenannten Verband gefahren wird. Der Verband ist dann wie ein einziges Fahrzeug im Straßenverkehr. Dazu gehört auch, dass beispielsweise bei einem eintretenden Wechsel der Ampelschaltung von grün zu rot während des Überquerens der Straße  die geschlossene Formation trotzdem weiter fahren darf.

Von San Francisco bis Essen-Mitte

Begonnen hat die Critical Mass-Bewegung 1992 in San Francisco , seitdem ist meist der letzte Freitag im Monat weltweit zum Radfahrtag mutiert. In Essen gibt es das Event seit sieben Jahren, angefangen hat die Bewegung mit 15 Leuten. Seit Ende vergangenen Jahres hält sich die Polizei komplett aus der Veranstaltung heraus, nachdem es im Sommer 2016 von Seiten der Polizei zu Ausschreitungen gegen das Essener Event gekommen war und die Medienöffentlichkeit sich scharf auf die Seite der Fahrradaktivist*innen schlug. Das Verhalten der Polizei in verschiedenen Städten folgt keiner einheitlichen Linie, teilweise sperrt sie beispielsweise mit einer Fahrradstaffel die Formation ab, was laut eines Anwesenden ansonsten von den Teilnehmenden übernommen wird. In anderen Ländern wurde – das Fahrradfahren im Verband sogar vollkommen zerschlagen, besonders wenn es als Protest zu politischen Themen genutzt wurde, wie 2004 in San Francisco gegen die Bush-Regierung.

Die Anzahl der Teilnehmenden in Essen bestätigt: Critical Mass hat sich auch hier etabliert. Viel geändert an der Situation für Fahrradfahrer*innen hat sich bisher trotzdem nicht, was einige Teilnehmende angesichts des Grüne Hauptstadt Europa-Labels kritisieren. Schon die Mobilitätsstudie von Greenpeace aus dem Jahr 2014 kritisierte auch im Raum Essen die schlechten Fahrradwege und teils gefährliche Strecken, die zu Kollisionen mit Autofahrenden oder Fußgänger*innen führen können. Anwesende der Critial Mass-Veranstaltung in Essen berichten außerdem von „huckeligen Strecken“, „schlechte[r] Beleuchtung“ und „fehlenden Markierungen”. „Ist echt ein Abenteuer, in Essen zu fahren“, kommentiert eine ältere Dame und spricht von der Zeit nach dem Krieg. „Damals gab es mehr Fahrräder als Autos, es gab breitere Straßen und mehr Radwege. Das wurde zugunsten der Autofahrer verringert.“ Beispielsweise würden Fahrradwege zu Parkplätzen, und mittlerweile müsse zu jedem Straßenbau extra ein solcher beantragt werden, anstatt dass ein Radweg selbstverständlich zum Stadtbild dazu gehört.

Auch deswegen finden sich die Fans des muskulbasierten Antriebs regelmäßig zusammen. „Es geht ja nicht darum, den Autofahrern auf die Nerven zu gehen“, so ein Teilnehmer, „sondern die kritische Masse auf die Straße zu bringen. Im Alltag sind nur einzelne Räder sichtbar. Aber wir sind viele, auch wenn wir nicht viel Raum beanspruchen.“ Andere Aktivist*innen erklären, dass sie zeigen wollen, dass Radfahrende zum Straßenverkehr dazu gehören oder dass das Fahrrad die beste und spaßigste Möglichkeit sei, sich fortzubewegen. Momentan wird ihnen dazu anscheinend zu wenig Platz eingeräumt. Bei jedem Critical Mass-Event kann man nach Anmeldung bei Metropolrad Ruhr mit einem Gutscheincode auch ohne eigenes Fahrrad umsonst mitradeln.