Mini-Version des eigenen Selbst

Noch schnell ein Selfie? Wer dabei nicht aufpasst, kann schnell die nächste Treppenstufe verpassen. (Foto: fro)

2017 nutzen 2,1 Milliarden Menschen ein Smartphone. Seit 2005, dem großen Durchbruch des iPhones, ist jede Information zu jeder Tageszeit zugänglich, jeder Moment kann festgehalten werden und die Verbindung zu Freund*innen oder Fremden weltweit ist nur einen Sende-Knopf entfernt. Wie lebt es sich eigentlich mit diesem blinkenden, piependen Ding?

Es sieht bescheuert aus, wenn Leute mitten auf dem Weg stehen bleiben und Selfies machen. Am besten noch mit Selfie-Stick. Die vielgepriesenen Potenziale einer vernetzten Welt dürfen aber nicht in Vergessenheit geraten. Der Kosmopolitismus hielt (auch) durch das Internet Einzug. Kulturelle Erzeugnisse werden mit allen, die online sind, teilbar, anschaubar; es wird sich darauf bezogen. Videos gelten heute mit 70 Prozent als das gängigste Format, Inhalte zu verbreiten – eben auch über nationale Grenzen hinaus.

Smartphone – ab 12?

Ab 12 Jahren sind laut der Bitkom-Studie jung und vernetzt Jugendliche in Deutschland zu 42 Prozent in Sozialen Netzwerken aktiv. Am häufigsten bei Whatsapp, dann Facebook. Über Dreiviertel der Kinder und Jugendlichen haben ein internetfähiges Mobiltelefon. Jedoch werden erst ab 16 Jahren veränderte Privatsphäreeinstellungen in Sozialen Netzwerken verzeichnet, was ein Hinweis darauf sein kann, dass die meisten Schüler*innen nicht wissen, dass Whatsapp (also Facebook) in großem Stil Daten auswertet. Schon Babys nutzen etwa Tablets zum Spielen. Die dauerhafte Beschäftigung mit bloß über den Sehnerv aufgenommene, zweidimensionale Welten kann zu Reizaufnahmestörungen im Gehirn führen.

Jeder Website-Besuch ist von der Struktur der Website geleitet, und Facebook, Twitter oder Instagram bieten den Rahmen für routinemäßigen Exhibitionismus auf den oberflächlichen Spiegelungen der vollendeten Posts. Allein wegen der technischen Möglichkeiten des Smartphones, alles schnell zu fotografieren oder kurze Posts zu verfassen, was entweder das Mittagessen oder der Aufruf zur Revolte sein kann. Da aber beides nebeneinander passiert, in gleichwertiger Form, wird das Gesehene relativiert und abgespeichert neben Trumps Covfeve. Kurze Informationsströme auf dem Display.

Das Smartphone des digitalisierten Menschen ist spezifisch auf das Individuum zugeschnitten, personalisiert, eine Mini-Version des eigenen Selbst; teilweise sogar die versicherte eigene Identität. Es organisiert und verzeichnet Alltag. Teilweise liebevoll dekoriert sind Roboter zu Haustieren mutiert, ständige Begleiter, die augenscheinlich der vollständigen Kontrolle der Benutzenden unterliegen. Sie erheben dafür den Anspruch, täglich geladen und regelmäßig aufgeladen zu werden. Apps, die antworten, Rat wissen, wenn der Weg unklar ist, Bescheid geben wenn jemand geschrieben hat und wissen, wer in der Nähe sich mit dir treffen will.

Digitalisierung bedeutet auch, dass das Digitale die Lebensbereiche immer mehr einnimmt, privater wird? Die Praktikabilität von Smartphones ist klar, jedoch braucht es mündige User*innen und sichere Plattfor- men. Und den Zugang zu Ihnen. Außerdem sind nach einem Jahr viele Smartphones irreparabel beschädigt, da Teile so verbaut werden, dass sie kurz nach Ablauf der Garantiezeit kaputtgehen. Akkus sind teilweise gar nicht mehr auswechselbar und Teile grundsätzlich geklebt. Danke, Angebot und Nachfrage, für den Müll.