Offline ist das neue Online

Das Mario Kart Turnier bei der 8bit.ism findet einmal im Jahr in den Flottmannhallen in Herne statt. (Foto: mehu)

Vergangene Woche fand die weltgrößte Videospielmesse E3 in Los Angeles statt. Dort wurden die neuesten Blockbuster-Spiele vorgestellt. Laut statista.com wird die Branche allein im Jahr 2017 einen Umsatz von etwa 75 Milliarden US-Dollar erwirtschaften und damit die Filmbranche weit hinter sich lassen. Aber was ist mit der Vergangenheit? akduell-Redakteur Meiko Huismann sprach mit Pierre Cournoyer,  Vorsitzender und Mitbegründer des Vereins Insert Coins e.V., über den Charme alter Spielekonsolen, der heutigen Spielebranche und wie Senior*innen auf Videospiele reagieren würden.

akduell: Was war deine erste Erfahrung mit Videospielen?
Pierre Cournoyer: Wie bei so vielen kleinen Jungen aus meiner Generation: Ich habe was bei Freunden oder im Fernsehen gesehen und habe es mir vom Weihnachtsmann gewünscht. Dann lag der NES [Anm. der Redaktion: Nintendos erste Spielekonsole kam in den 1980er in Deutschland auf den Markt] unterm Weihnachtsbaum. Ich war fasziniert davon das Antennenkabel in den Fernseher zu stecken und Super Mario von links nach rechts über den Bildschirm zu bewegen. So verbrachte ich die kalten Monate. Ich bin ganz normal damit groß geworden. Meine Eltern gingen in keine Spielhallen oder Ähnliches.

akduell: Seitdem haben sich Videospiele enorm entwickelt und sind zu einer festen Größe in vielen Wohnzimmern weltweit avanciert. Der Fortschritt geht sogar so weit, dass man mit Hilfe von Virtual Reality-Brillen mittlerweile in eine andere Welt eintauchen kann. Wie siehst du die Entwicklung?
Cournoyer: Absolut positiv. Ich bin pro besserer Grafik und Fortschritt. Als ich das erste Mal so eine VR-Brille aufhatte, war ich so geflashed, es erinnerte mich daran, wie ich damals als kleiner Junge vor dem Nintendo saß. Sehr faszinierend. Der Kritikpunkt an den heutigen Spielen ist aber ein anderer. Ich nehme gerne den Vergleich von Tomb Raider 3. Ich habe mich damals stundenlang mit Lara Croft durch die Welt gekämpft, und für die Rätsel habe ich Stunden gebraucht. Die heutigen Teile von Tomb Raider, das gilt auch für eine ganze Reihe anderer Spiel aus der heutigen Zeit, sind geskriptet. Das bedeutet, dass man als Spieler schon an die Hand genommen wird und man wenig selber erkunden muss. So sind sie einfacher und die Spiele können einer großen Masse zugänglich gemacht werden. Viele der heutigen Spiele haben einen vordefinierten Spielspaß von zehn bis zwölf Stunden.

akduell: Also sind die heutigen Videospiele nicht mehr innovativ?
Cournoyer: Es gibt definitiv innovative Spiele. Jedoch haben es diese meist von kleineren Entwicklerfirmen enorm schwer am Markt, wenn die etablierten Firmen so viel Geld generieren. Spiele müssen sich am Markt etablieren. Kreative Ideen haben es da sehr schwer. Den großen Firmen geht es vorrangig um den Mainstream. Kommt es dann doch mal vor, dass eine kleine Entwicklerfirma mit ihrem Konzept Erfolg hat, wird sie nicht selten von einer Großen aufgekauft.

akduell: 2014 hast du mit ein paar Freunden den Verein Insert Coins gegründet. Wie kam es dazu?
Cournoyer: Die Idee war ganz einfach mit unserer Clique einen Raum zu finden, um Mario Kart zu spielen. Dann haben wir über die Stadt Herne einen bezahlbaren gefunden und uns regelmäßig zum Zocken getroffen. Das kam bei unseren Freunden so gut an, dass wir uns überlegt haben, wie wir Menschen Videospiele zugänglich machen. Dann ist 2014 der Verein entstanden und mittlerweile zählen wir 35 Mitglieder, die sich regelmäßig treffen.

akduell: Wer darf denn alles bei euch mitmachen?
Cournoyer: Alle, die Freude an alter Technik und Videospielen haben. Von Jung bis Alt ist jeder herzlich willkommen. Wir treffen uns jeden Mittwochabend und zocken gemeinsam oder tauschen uns einfach aus. Einmal im Jahr stellen wir unsere alten Konsolen und Spielautomaten in den Herner Flottmannhallen zum Spielen aus und kommen mit den Menschen ins Gespräch. Es kommen häufig Eltern mit ihren Kindern, um denen zu zeigen, was sie selber als Kinder gespielt haben. Wir wollen uns dem Mainstream zugänglich machen ohne Mainstream zu generieren. Unser Motto lautet: Offline ist das neue Online. Der Trend geht ja dahin, dass man fast nur noch online miteinander spielt. Das wollen wir nicht. Ich möchte schon den Leuten ins Gesicht schauen, beim Gewinnen, aber auch beim Verlieren. Es geht ja schließlich auch um Emotionen und das Miteinander. Das ist beim Onlinespielen schwierig und da fehlt meiner Meinung nach das Emotionale. Leider haben wir auch nur zwei Frauen in unserem Verein. Da sind wir auch schon fleißig und fragen uns wieso das so ist und arbeiten daran, wie wir unseren Verein für mehr Frauen ansprechender machen.

akduell: Was sind eure kommenden Projekte?
Cournoyer: Wir planen in viele Richtungen. Zum Beispiel wollen wir – auf lange Sicht gesehen – unsere Konsolen und Spielautomaten mal einer anderen Gruppe zugänglich machen, die mit sowas nie in Berührung gekommen sind. Senioren zum Beispiel. Ein anderes Projekt ist auch, dass wir medienpädagogisch mit Kindern arbeiten möchten. Stichwort: Medienkompetenz. Aber das sind Überlegungen, die wir anstreben aber buchstäblich noch in den Kinderschuhen stecken.

akduell: Also kann man den Verein nicht mit einem Oldtimerverein vergleichen, der Spaß an den alten Schätzen hat?
Cournoyer: Wenn Menschen zu uns kommen und in Erinnerungen schwelgen, ist das völlig in Ordnung. Wir wollen ja auch unsere alten Schätzchen gerne präsentieren. Aber wieso sollen wir nicht auch unseren Teil für die Gesellschaft beitragen, indem wir das machen, was wir machen. Spaß an Videospielen haben und dies weitergeben.