Wenn Schönheit zum Verhängnis wird

Die unbelebte Studiobühne des Musischen Zentrums der RUB, die abwechselnd von den Judith‘s bespielt wird. (foto: lys)

Am vergangenen Samstag, 27. Mai, premierte im Musischen Zentrum der Ruhr-Universität Bochum (RUB) die Inszenierung von „Missionen der Schönheit“. Sieben Monologe von Frauen in den verschiedensten Lebenslagen erinnerten die Zuschauenden an die Zwänge und Ideale, die das Frausein in unserer Gesellschaft mit sich bringt.

Das Musische Zentrum der RUB bietet immer wieder Raum für Aufführungen von Studierenden (auch aus dem Kunst-, Schauspiel- und Theatermileu). Man sollte sich nicht auf die Professionalität von hauptberuflichen Schauspielenden einstellen – dafür ist der Eintritt frei. Diesmal wurden Sybille Bergs Monologe, auch Holofernesmomente betitelt, von der studentischen Theatergruppe Nomen Nominandum auf der Studiobühne aufgeführt. Alle Frauen, die mit ihren Monologen im Fokus der Veranstaltung stehen, heissen Judith, wie die biblische Frau, die mit ihrer Schönheit den Holofernes betört und dann enthauptet hat. Schönheit und Gewalt sind die Hauptstränge der Inszenierung.

Eindrückliche Monologe

Ein riesiges weißes Laken als Leinwand gespannt im schwarz gehaltenen Saal. Etwa dreißig Personen sitzen im Publikum. Davor, auf der Bühne, die in der Mitte vom Zuschauerraum positioniert ist, ein einfacher grauer Bürostuhl. Das Bühnenbild ändert sich die gesamte Vorstellung nicht, nacheinander betreten die Frauen die Bühne. Eine Frau in weißem Kleid mit langem, blonden Haar lehnt an den Stuhl. Sie wurde vergewaltigt und spricht von Schönheit als Last. „Es ist schöner, nicht schön zu sein. Man kann an Orte gehen, wo einem niemand hinfolgt“. Laute Musik ertönt kurz. Licht aus. Die nächste Frau kommt.

Licht an. Dunkles, fettiges Haar liegt auf dem rosa Bademantel der zweifachen Mutter, die auf dem Stuhl sitzt. Sie steigert sich beim Sprechen, schreit fast, erzählt davon, sich unzulänglich zu fühlen. Alle täten das. Wir hätten Sex mit Geräten, Komplexen und Angst, geben Geld aus, um geliebt zu werden. Werden nicht und lieben nicht, und wenn doch, per Zufall. Die Frau ist den Tränen nah. Eines Tages hätte sie beschlossen, im Bett zu bleiben – und nicht mehr aufzustehen.

Erneut wird der Raum in Dunkelheit getaucht, kreischende Töne, auf dem Laken gerinnt via Beamer Blut in eine makellos weiße Badewanne. Die nächste Person, diesmal im weißen Brautkleid, von Schleiern umwoben betritt die Bühne, erzählt ihre Beziehung zu ihrem (Ex-)Ehemann. Das erste Jahr war schön für sie, er hat sie umsorgt, ihr zugehört, viele Berührungen und Naivitäten prägten das Leben der Beiden. Dann, auf einmal, begann er Bier vor dem Haus zu trinken, ging viel aus, wusch sich selten und behauptete, Zeit für Männersachen zu brauchen. Er hätte oft geschwiegen und eine „Aura absoluter Leere“ ausgestrahlt, so die Judith im Brautkleid. „Ich will keinen Mann“, schreit sie und rennt von der Bühne.

Blut und Spitzenunterwäsche

Das Gesicht der Judith, die jetzt den schwarzen Parkett ziert, ist blutverschmiert. „Mich anzusehen ist kein erfreulicher Zeitvertreib, nackt ist es fast albern – auch ohne Blut,” lässt sie verlauten. Es ginge nur darum, schön zu sein, dabei bedeutet Schönheit für sie: eine identifizierbare Haarfarbe zu haben, dünn zu sein und wie in den Bildern einer Modezeitschrift auszusehen. Das kollektive Unterbewusste der Gesellschaft teile die Menschen in schön und unscheinbar. Sie zähle sich zur zweiten Sorte, schon immer. Zur „Touristen-Sorte“, ihre Gesprächsgegenüber suchten mit den Augen auf Partys schon die nächste, interessantere Person. „Von den pickligen Brillenträgern reden wir mal nicht”, erzählt sie weiter.

Vor ihrer Mutter habe sie ihre Existenz mit schulischen Leistungen rechtfertigen müssen und das mädchenhafte Dasein, das ihrer Meinung nach darin besteht, Freundinnen zu haben und Jungs zu kennen, die Zeit mit einem verbringen wollen, blieb ihr verwehrt. Sie greift sich um den Körper. „Mein Becken ist zu breit, aber meine Brüste werden fantastisch aussehen wenn ich Eisbeutel auf sie lege.“ Ihre Flucht vor der Norm: Das Blut, das hochkommt wenn sie sich selbst mit dem Messer in die zu wenig deutlichen Wangenknochen schneidet.

Nach erneutem Figurenwechsel ist ihre Gegenspielerin auf der Bühne. „Ich habe die Aufmerksamkeit, seit ich weibliches Bewusstsein habe“, sagt die stark geschminkte Judith im blauen Kleid während sie ein Selfie macht. Sie will Playboy-Model werden, wurde schon mehrmals in Diskotheken zur Miss Po gekürt, tanzte Shows und wenn dort weniger als 50 Männer anwesend waren empfand sie das als persönliche Niederlage. Die blonde Frau posiert lasziv, streckt ihren Hintern dem Publikum entgegen während sie Mitleid mit allen Frauen bekundet, die nicht begehrt werden. Ihnen, den Frauen mit den Makeln, die ihr schlaflose Nächte bereiten würden, fehle die Chance, sich zu präsentieren, das Gefühl zu schweben, die Unerreichbarkeit trotz scheinbarer Greifbarkeit. Männer schossen Fotos mit ihr und gingen für immer. Sie könne mit den meisten Männern schlafen, auch mit „Bullen”. Die Frau liegt jetzt neben dem Stuhl. „Mit Tieren, mit allen gleichzeitig, mit Pferden.“ Das könne niemand, und bald wird sie sicherlich das Playboy-Cover zieren.

Mütter und Mörderinnen

Im folgenden Monolog wird erneut das Thema Mutterschaft behandelt. „Ich habe gelitten, weil ich nicht mehr war als Koch, Besen, ohne Seele. So wie ich bei ihnen keine feststellen konnte“, sagt die Frau in der Jeans und einem Tuch auf dem Kopf, die eines Tages genug bekam von dreckigen Socken und Suppe kochen. Laut, fordernd und grob wäre ihre Familie gewesen. Sie wurde gequält, weil sie ihnen die Macht dazu gab. „Frauen sind Giftmörderinnen“, statt mit der Axt zu töten oder zu erwürgen, sagt sie. Ihre Söhne und der Mann liegen nach der letzten Suppe regungslos im Keller, Judith hat seit diesem Tag Ruhe.

Die letzte Judith, mit zurückgebundenem Haar und Hemd, ergießt sich in einer Hasstirade über Weiblichkeit, der Aufmerksamkeit, die ihren Geschlechtsteilen zukommen. Die Flüssigkeiten, das Schwitzen um endlich stolz geschwollene Leiber zur Schau zu tragen. „Ich wollte nie gefallen“, sagt sie und beschreibt die Welt als Krieg. Und ihre fantasierte Rache an Männern wegen 1000 Jahren Ungleichheit: Kastration. „Die Welt wird ersticken an männlicher Gier und weiblicher Demut“, ruft sie in Rage und tritt den Stuhl um.