Aktuelle Dystopie

Immigration Game läuft in Essen im Cinemaxx und in der Mülheimer Filmpassage. (Foto: Roundhouse)

Europa im Jahr 2016. Die Grenzen sind endgültig dicht. Nach Deutschland gibt es nur einen Weg: Geflüchtete erhalten Asyl, wenn sie an einer TV Show teilnehmen – jedoch überleben die wenigsten. Der Jungregisseur Krystof Slatnik hat mit seinem Spielfilmdebut Immigration Game nicht nur in Deutschland für Aufsehen gesorgt, sondern gleichzeitig den längst in Vergessenheit geratenen deutschen Genrefilm wiederentdeckt.

Immigration Game zeigt ein düsteres und zugleich verstörendes Szenario. Die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten nur die Geflüchteten, die das Immigration Game überleben. Die Teilnehmer*innen werden vor die Tore Berlins gebracht und müssen dann versuchen, zum Alexanderplatz zu gelangen. Mit Kameradrohnen wird ihr Weg live im Fernsehen übertragen. Allerdings werden sie schon von den sogenannten Huntern erwartet. Denn es ist jeder*m erlaubt, bei dem Spiel mitzumachen und die Geflüchteten – die Runner – auf ihrem Weg mit allen Mittel aufzuhalten. Die Runner sind somit zum Tode verurteilt. Denn viele von ihnen, darunter meist Jugendliche, machen Jagd auf die Geflüchteten. Und das Mitten in Berlin.

Nicht alles neu

Die Hauptfigur Joe, gespielt von Mathis Landwehr, ist ein unscheinbarer Mittdreißiger, hat einen vermeintlich guten Job und eine Freundin. Eines Abends, als er vom Training kommt, wird er unfreiwillig in das Spiel hineingezogen. Ein Runner bittet ihn um Hilfe, denn dieser wird von einer Gruppe Hunter verfolgt. Joe nimmt ihn in seinem Auto mit und fährt ihn bis kurz vor den Alexanderplatz. Dort kommt es zur Konfrontation mit den Huntern. Denn wer den Runnern hilft, darf auch angegriffen werden. Als Joe attackiert wird und er sich wehrt, stirbt einer der Hunter. All das ist live im Fernsehen zu sehen. Nun hat Joe die Wahl: Entweder er geht ins Gefängnis oder er nimmt selber am Spiel teil. Wenn er es schafft, ist er ein freier Mann.

Parallelen des Films zu The Hunger Games oder auch The Purge lassen sich im Film nicht leugnen. Immigration Game wartet jedoch nicht mit Green Screen-überladenen Szenen oder einer herzzerreißenden Liebesgeschichte auf. Und schon gar nicht mit einem millionenschweren Budget. Wer den Film schaut, ist durch die Kameraführung immer nah an Joe dran. Dynamische Schnitte und eine wackelige Kamera bestimmen den Film. Übliche Sehgewohnheiten werden gehörig auf die Probe gestellt. Das dürfte zumindest für Fans von Hollywood-Blockbustern gelten. Was diese millionenschweren Produktionen schon längst nicht mehr können und eigentlich auch gar nicht mehr wollen, schafft Immigration Game mit einfachen Mitteln. Es werden kritische Fragen aufgeworfen. Was ist ein Menschenleben wert? Was tue ich als einzelne*r für die Gesellschaft? Diese Fragen klärt der Film nicht auf, denn die Gesellschaft in der Dystopie ist dafür zu einfach gestrickt. Es gibt diejenigen, die selbst jagen und töten, und die, die sich das Ganze im Fernsehen anschauen.Dennoch ist Immigration Game etwas Neues in der deutschen Kinolandschaft. Und daran hat Regisseur Krystof Slatnik einen großen Anteil.

Wiederentdeckung deutscher Genrefilm

Slatnik hat 2003 Film- und Medien im Bereich „Szenische Regie“ an der Filmakademie Baden-Württemberg studiert und wurde schon während des Studiums mit Preisen ausgezeichnet. 2009 hat er seinen Abschluss gemacht und arbeitete fortan als selbständiger Regisseur und Autor. Mittlerweile ist er in Berlin heimisch geworden und hat 2013 das Filmfestival „Genrenale“ gegründet, wo ausschließlich deutsche Genrefilme gezeigt werden. Und diese Art von Filmen ist nicht neu. Im Gegenteil.

Die Organisation Neue Deutsche Genrefilm beschreibt den Genrefilm wie folgt: „Im Grunde ist so gut wie jeder Film irgendeinem Genre zuzuordnen, doch es gibt einen bestimmten Kreis an Filmgenres, die besonders einprägsam, erfolgreich und in gewisser Weise in sich wesensverwandt sind: Science Fiction, Fantasy, Horror, Action, Thriller, Dark Drama, Mystery … Filme, welche solchen Kerngenres zuzuordnen sind, werden als „Genrefilme“ bezeichnet […].“ Die Blütezeit der Genrefilme war die Zwischenkriegszeit in den 1920er Jahren. In dieser Zeit entstanden Fritz Langs Metropolis oder auch Das Cabinet des Dr. Caligari von Robert Wiene. Jedoch verschwand in der NS-Zeit und vor allem in der Nachkriegszeit mit der zunehmenden Beliebtheit amerikanischer Produktionen und der damit einhergehenden Synchronisationsindustrie der Genrefilm komplett aus deutschen Kinos. Dies hat sich mittlerweile geändert, jedoch bestimmen ausländische Produktionen den deutschen Kinomarkt. Krystof Slatniks Immigration Game wird sicherlich einen Teil zum Aufschwung des neuen deutschen Genrefilms beitragen.