Die periodische Wiederkehr eines bekannten Phänomens

Ebbe und Blut: Mit mehr Wissen an der Hand menstruiert es sich besser. (Foto: lenz)

Menstruation? Die habe ich doch schon seit über zehn Jahren, da muss mir niemand mehr was zu erzählen. Das könnte frau* beim ersten Blick auf Ebbe und Blut, geschrieben von Luisa Stömer und Eva Wünsch, denken. Und Mann* hat doch genug im Sexualkundeunterricht darüber erfahren. Ein Buch über die Regel, das schenkt man am besten der kleinen Nichte. Oder lohnt sich doch ein Blick hinein?

Ampulle, Endometrium, Follikel, Gelbkörper, Lutealphase, Zervix. Viele Frauen* menstruieren, kennen aber die dahinter stehenden Mechanismen ihrer Körper nicht. Wenn du nach dem Vergessen der Pilleneinnahme in der Packungsbeilage nachschauen musst, was jetzt zu tun ist, und dich jedes Mal aufs Neue Zweifel überkommen, wann denn nun die fruchtbaren Tage sein sollen. Oder was der Grund für deine verlängerte oder unregelmäßige Periode sein kann. Manche von uns haben in solchen Situationen das Glück, Zutrauen zu ihren Gynäkolog*innen oder gute Freundinnen* zu haben. Andere verlassen sich lieber auf Doktor Google – doch da warten bekanntlicherweise nicht immer die besten Ratschläge. Und nicht jede*r surft gern durch die endlosen Weiten des Netzes auf der Suche nach Antworten auf intime Fragen.

Ebbe und Blut – Alles über die Gezeiten des weiblichen Zyklus kann hier einspringen und Wissenslücken schließen. Es macht Spaß, das Buch durchzublättern. Alte schwarz-weiß Fotografien und bunte Werbeaufnahmen – auseinandergeschnitten, neu zusammengesetzt, nachträglich coloriert. Die Illustrationen stellen einen wichtigen Teil des Buches dar. Sie sehen nicht nur schön aus, sondern laden auch zum Nachdenken ein. Ich frage mich: Sind die Collagen ein Spiel mit tradierten Bildern von Weiblichkeit, werden sie sogar dekonstruiert? Oder handelt es sich doch nur um eine ansprechende Buchgestaltung?

„Wir hatten Abi gemacht, fast fertig studiert und trotzdem nicht den leisesten Schimmer, dass der Eisprung kein Sprung und Blut nicht immer Blut ist“, so äußern sich Luisa Stömer und Eva Wünsch im Pressetext ihres Buches und sprechen damit vermutlich vielen aus der Seele.

Der Charme von Ebbe und Blut speist sich genau aus dieser Augenhöhe, von der aus es geschrieben wurde und die beim Lesen spürbar ist. Strömer und Wünsch sind keine Gynäkologinnen, Allgemein- oder Sexualmedizinerinnen. Als zwei Illustrationsstudentinnen haben sie sich intensiv mit einem Thema, das sie interessiert hat, im Zuge ihrer Abschlussarbeit beschäftigt. Herausgekommen ist Ebbe und Blut. Nicht jede*r hätte das Buch so ansprechend gestalten, aber viele es schreiben können. In ihrer Danksagung und im Quellenverzeichnis legen sie offen, woher sie ihre Informationen bezogen und geben damit Recherchewütigen weitere Ansatzpunkte.

Menarche, Verhütung, Menopause

Statt klinischem, unverständlichem Fachjargon oder Expert*innensprech wehen einem frischer Witz und knackige Formulierungen entgegen. Nicht selten denke ich mir bei der Lektüre „Ja, genau! So geht es mir auch!“ Das trifft vor allem auf die eingewobenen Zitaten aus dem Freund*innenkreis der Autorinnen zu, die von ihren Erlebnissen berichten. „Man spricht nicht beim ersten Date über so was, aber spätestens nach ein paar Monaten sind es doch nur Faulheit und Angst, die einen davon abhalten könnten. Angst vor Fremdheit und Flüssigkeiten”, sinniert F.B. (männlich).

Die Autorinnen liefern qualitativ hochwertige Illustrationen – und sprechen dabei vielen Menschen aus der Seele. (Foto: lenz)

Die Autorinnen nehmen auf den 239 Seiten kein Blatt vor den Mund. In vierzehn Kapiteln werden Themen rund um den Uterus behandelt: Zuerst widmen sich die beiden der weiblichen* Anatomie, es folgt eine Auseinandersetzung mit dem Zyklus, der Menarche (erste Periode) und Menopause. Weiter geht die Reise mit Erläuterungen rund um die Befruchtung der Eizelle, Zyklusstörungen, mentalen sowie körperlichen Beschwerden während der Menstruation und natürliche Helfer. Ebenfalls thematisiert wird, was frau* während einer Schwangerschaft an Nährstoffen benötigt, die Qual der Wahl bei der Verhütung und der Schwangerschaftsabbruch. Das Buch endet mit einer Abteilung für Begriffserklärungen und dem Quellenverzeichnis. Viele Informationen prasseln auf die Leser*innen ein.

„Normale Abnormalitäten. I’m fabulous and not ashamed.“ Benennungen wie diese vom Kapitel neun über häufig auftretende Geschlechtserkrankungen zeigen jedoch, dass die Autorinnen nicht nur über medizinische Themen aufklären wollen, es treibt sie eine weitere Absicht an: Die Scham aus unseren Köpfen zu vertreiben.

Von der Progressivität des Buches zeugt auch, dass es einen Beitrag zum Thema Freie Menstruation beherbergt. Ohne Hygieneartikel kontrolliert Menstruieren mittels Muskelkraft und Übung. „Go for it Girl – sei der Chef über den Beckenboden!“, motivieren Stömer und Wünsch die Leserschaft. Eine Methode, bei der frau* sich um mögliche Blutflecken nicht schert, haben die Autorinnen leider ausgelassen: Free Bleeding. „Einfach mal laufen lassen“, so lässt sich dieser Umgang mit der Regel einfach ausdrücken.

Einfach mal laufen lassen

Zu Free Bleeding ist die Informationslage noch dürftig, durch den Londoner Marathon von 2015 ist das Thema in die Schlagzeilen gekommen. Kiran Gandhi lief damals mit, während sie menstruierte. Um ungestört laufen zu können und darauf aufmerksam zu machen, dass viele Mädchen* und Frauen* weltweit keinen Zugang zu Tampons oder Binden haben, ließ sie ihre Menstruationsflüssigkeiten einfach laufen. Sie wurde dafür angefeindet, sogar als ekelhaft bezeichnet. Ströme und Wünsch prangern in der Einleitung an, dass „dem weiblichen Zyklus absolut kein Raum gegeben“ werde. Sie müssten funktionieren und dürften sich ihre* menstruationsbedingt veränderten Gefühle nicht anmerken lassen und zwar auch, „um von Männern ernst genommen zu werden“. Die Regelblutung – nicht zuletzt ein politisches Thema.

Vor diesem Hintergrund ist es schade, dass die Autorinnen keine Definition ihres Weiblichkeitsbegriffs liefern: Es wird einfach von „Frau“ geschrieben. Ob sie damit nur cis-Frauen oder aber alle Menschen mit Uterus, Eierstöcken, Vagina und Vulva meinen bleibt unklar. Es scheint jedoch, als wären sich Ströme und Wunsch dem kritischen Potential ihres Buches nicht in Gänze bewusst gewesen. Vertane Chancen liegen etwa in der Verwendung männlicher Formen, obwohl nur Frauen* gemeint sind, wenn etwa von „Menstruationsanfängern“ die Rede ist. Teilweise werden die Begriffe Vulva und Vagina durcheinander geworfen.

Ebbe und Blut – ein Buch, dass sich auch Menschen jenseits der 20 durchaus ins Regal stellen können. Auf den Couchtisch oder neben die Toilette gelegt, ergeben sich daraus vielleicht sogar interessante Gespräche mit unerwarteten Wendungen bei der nächsten WG-Party.

Ebbe & Blut – Alles über die Gezeiten des weiblichen Zyklus
von Luisa Stömer / Eva Wünsch
erschien am am 29. April 2017
Gräfe und Unzer, 24 Euro