Digitalisierung ohne Absprache

Vermeintliche Digitalisierung des Semestertickets – unpraktisch für Studierende. (Foto: lys)

Zuerst Studierende, dann alle Pendelnden? Der Verkehrsbund-Rhein-Ruhr (VRR) strebt laut Aussagen gegenüber Studierendenvertretenden bis 2020 eine allgemeine Ticketreform zu Gunsten des Smartphones an, von der Studierende an der Universität Duisburg-Essen (UDE) bereits seit Ende letzten Jahres betroffen sind. Im Namen der Digitalisierung gibt es das Semesterticket seitdem nur noch als App auf dem Smartphone oder als ausgedruckte PDF-Datei, also als QR-Code. Der Allgemeine Studierendenausschuss (AStA) positionierte sich dagegen für das Ticket auf dem Studierendenausweis.

Seit Oktober 2016 werden an der UDE keine Studierendenausweise mehr ausgestellt, die das Semesterticket zur Nutzung des gesamten Nahverkehrs in NRW direkt auf der Chipkarte enthalten. Der AStA der UDE schreibt auf seiner Homepage jedoch, dass „der PDF-Ausdruck und die Ticket-App immer wieder Probleme bereiten“. Vielen Studierenden sei es passiert, dass der QR-Code in Bussen oder während Kontrollen in der Bahn nicht scannbar war. Situationen, in denen das vorkam, werden seit einiger Zeit als Fallbeispiele unter semesterticket@asta-due.de gesammelt, um Druck auf das Studierendensekreteriat und die Verkehrsbetriebe auszuüben, die für die Erstellung der Tickets verantwortlich sind.

Gespräche und keine Handlung

Zum Gespräch zwischen der Studierendenvertretung, der Via – dem Verkehrsgesellschaftsverband der Städte Essen und Mülheim – und Universitätsverwaltung am 11. Juli erklärt AStA-Vorsitz Gerrit Tapper (Unabhängige Demokraten) in der öffentlichen Asta-Sitzung vom selben Tag: „Da wurde uns von Seiten der Verkehrsbetriebe ganz klar gemacht: Es wird keinen Weg zurück zum Ticket auf der Chipkarte geben.“ Begründet wurde die Entscheidung mit dem Vorhaben des VRR, alle Tickets bis 2020 auf das Smartphone anzupassen. „Es wurde gesagt, dass der alte AStA ja der Umstellung des Tickets auf das Smartphone zugestimmt hätte. Ich habe mehrfach gesagt, dass das eine Lüge ist“, beschreibt Tapper weiter das Gespräch.

Der Aussage, der vormals amtierende AStA habe der Umstellung zugestimmt, widerspricht auch die damals AStA-tragende Liste und jetzige Opposition Grüne Hochschulgruppe (GHG). Die GHG verweist darauf, dass nach Drängen der Via und des Studierendensekreteriats dem Smartphone-Ticket als ergänzend zugestimmt wurde. Zum weiteren Vorgehen des jetzt amtierenden AStA gegen die gänzliche Umstellung erläutert Tapper: „Wir sehen jetzt keinen anderen Weg mehr als einen Rechtsanwalt einzuschalten. Schließlich ist die Studierendenschaft ja Vertragspartner.“ Ein offizielles Statement zu den Ticketverhandlungen außerhalb der AStA-Sitzung wurde bisher nicht veröffentlicht.

Auf der Homepage der Via ist ebenfalls nichts zum Semesterticket zu lesen, der Vertrag zum Semesterticket wurde laut Angaben der VRR-Homepage ende Februar 2015 geschlossen. Dort steht außerdem, dass „die Studierenden Anregungen und Wünsche eingebracht [hatten], welche in den neuen Vertrag aufgenommen […] wurden.” Dazu gehörte die Integration der Fahrradmitnahme und die Erhöhung des Beitrags um 3,90 Euro bis 2019. Auch an anderen Stellen wird betont, dass die Studierendenschaft mitgestalten könne und dass jeder Vertragspartner das Recht besäße, Abstimmungen gegen Angebote vorzubringen. Der VRR berichtet von weitestgehend positiven Abstimmungsergebnissen, was eventuell mit der Kooperation, die bereits im Aushandlungsprozess stattfand, zusammenhing.
Das Vorgehen der Via, bei der App-Entwicklung die Studierendenschaft nicht zu Rate gezogen zu haben, wurde bereits kurz nach der Einführung von studentischen Vertretungen kritisiert (akduell berichtete). Zukünftig streben VRR und Via eine komplette App-Offensive an. Der VRR nennt es „digitale Entwicklungen nutzen, um Fahrgästen den Zugang und die Nutzung […] erleichtern“. Angesichts zerfledderter ausgedruckter QR-Codes, Stress mit Kontrolleur*innen oder Nachzeigestellen, wenn der Akku leer ist oder kein Ausdruck zur Hand, scheint die Digitalisierungsoffensive nicht praktikabel, das Statement ironisch und studentische Partizipation wie eine Imagekampagne.