Ehe für alle: Dankt den Aktivist*innen

Mit Regenbogenflagge für gleiche Rechte: Die Aktivist*innen des CSD in Düsseldorf tanzten für Gleichstellung. (Foto: mac)

25 Jahre Aktivismus verdichten sich am Freitagmorgen des 30. Juni 2017 auf 38 Minuten Debattenzeit und eine Abstimmung im Plenarsaal des Bundestags. Danach ist klar: Die Ehe für alle wird im Bürgerlichen Gesetzbuch festgeschrieben. Voraussichtlich ab dem 1. November dürfen Menschen unabhängig vom Geschlecht die Ringe als Ehepartner*innen und nicht mehr nur als „Lebenspartner*innen“ tauschen. Am Ende könnte vor allem Angela Merkels (CDU) Aufhebung des Fraktionszwangs in die Geschichtsbücher eingehen. Dabei sollte man sich bei anderen Menschen bedanken: Den Aktivist*innen, die das ermöglicht haben. 

„Frau Merkel, das war erbärmlich, das war peinlich“, brüllt der homosexuelle SPD-Politiker Johannes Kahrs fast bei der Debatte um die Öffnung der Ehe für alle im Bundestag. Bevor er nach nur zwei Minuten Redezeit wutentbrannt seine Papierstapel auf den Tisch knallt, um dann mit einem tatsächlich gebrüllten „und ehrlich gesagt, Frau Merkel: Danke für nichts!“ den Redeplatz zu verlassen. Der vom Bundestagspräsidenten Norbert Lammert (CDU) eingeforderte Respekt in der Debatte löste sich an dieser Stelle zugegebenermaßen etwas in Luft auf. Dabei hatte der Hamburger Politiker Kahrs in seiner Wutrede noch einen wichtigen Satz gesagt: „Deswegen bedanke ich mich nochmal bei allen, die auf den CSDs, die an den Infoständen, in den Diskussionen dafür gearbeitet haben.“ Denn das könnte bei der derzeitigen Debatte tatsächlich untergehen.

Vierteljahrhundert Engagement

Die Schlagzeilen sind dieser Tage nämlich voll mit dem Namen der Bundeskanzlerin. Zumindest seit sie im Gespräch mit der Zeitschrift Brigitte sagte, dass es sich eher um eine Gewissensentscheidung handele und damit subtil die Aufhebung des Fraktionszwangs lostrat – um dann selbst gegen die Ehe für alle zu stimmen. Da setzen sich Menschen ein Vierteljahrhundert für eine Sache ein und am Ende wird darüber debattiert, was das für den kommenden Bundestagswahlkampf bedeuten wird. Einer dieser Aktivisten durfte am Freitagmorgen im Bundestag aber doch seine letzte Rede halten – Volker Beck (Grüne). Der Bundestagsabgeordnete sagte einen ebenfalls historischen Satz: „Die Phase der Toleranz ist beendet, die Epoche der Akzeptanz kann beginnen“. Nach der Abstimmung wurde er von Parteikolleg*innen mit Konfetti gefeiert. Beck steht sinnbildlich für viele Aktivist*innen: Er beteiligte sich an unzähligen Demonstrationen, Paraden und Aktionen für die Gleichstellung und die Menschenrechte von LGBT*IQ. Nicht nur in Deutschland, sondern auch international. Mit ihm taten das tausende weitere Menschen. Etwa auf den hiesigen Christopher Street Day-Paraden, die allsommerlich in über 50 Städten durch Deutschlands Straßen ziehen. Mit Musik und Tanz wollen sie die Gleichstellung aller Menschen unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung eben auch vor dem Gesetz erreichen. So forderte noch der CSD in Düsseldorf (akduell berichtete) mit den Worten „nicht reden, sondern handeln! Noch in dieser Legislaturperiode!“ eine freie Abstimmung im Bundestag. Es war eine Mischung aus Frust und Kampfgeist, die man bei den bunt gekleideten Menschen auf den Paraden und Demonstrationen beobachten konnte. Während 83 Prozent der Bevölkerung längst für eine Ehe für alle waren, mussten sie weiter mit Plakaten und Sprechchören dafür kämpfen.

Hartnäckigkeit zahlt sich aus

Am Ende hat sich der öffentliche Druck für die Aktivist*innen gelohnt – Grüne, SPD und FDP schlossen eine Koalition ohne die Ehe für alle aus und machten die Entscheidung Merkels, die Abstimmung als Gewissensfrage zu bezeichnen, damit in den Worten der Bundeskanzlerin, schon beinahe „alternativlos“. Weil die Eheöffnung eben ein Verdienst derer ist, die dafür auf die Straße gingen und sie immer wieder thematisierten, endet dieser Text auch mit dem Zitat von einem von ihnen. Der Kulturwissenschaftler und Schwule Jan Schnorrenberg (Grüne) schrieb nach der Abstimmung: „Dieser Tag gehört denen, die ihr Leben lang im Geheimen liebten. Die vor dem Gesetz niemals Witwer waren. Nie zusammen beerdigt.“ [mac]