Ein kurzes Durchatmen

Aufwändige Inszenierung am Berliner Platz, im Vordergrund Sternfahrer*innen (Foto: dav)

Ganz entspannt mitten auf der Hindenburgstraße in Richtung Universität laufen? Oder einfach am Berliner Platz quer über die Kreuzung? Was an den meisten Tagen ein waghalsiges Unterfangen darstellt, war am vergangenen Sonntag, 2. Juli, ganz ungefährlich. Wegen des Tags der Bewegung im Rahmen der Grünen Hauptstadt Essen waren große Teile der Innenstadt für Autos
gesperrt.

Gespenstische Leere auf der Hindenburgstraße um 11:45 Uhr. Kein motorisiertes Fahrzeug weit und breit. Und trotzdem sind hier einige Flitzer unterwegs, allerdings in Holzkisten. Bei einem Seifenkistenrennen konkurrierten Junior*innen und Erwachsene um Plätze auf dem Siegerpodest. Auch wenn der Start aufgrund des schlechten Wetters etwas holprig verlief und sich neben den Eltern der Fahrer*innen kaum Besuchende an die Rennstrecke verirrten. Aufgrund der nassen Straße gab es außerdem auch immer wieder längere Pausen zwischen den Rennen.

Rauschbrille und Evag-DVD

Deutlich belebter war es da schon in der Gegend um den Berliner Platz. Entlang der Straße hatten verschiedene Vereine, Organisationen und Firmen Infostände und interaktive Spiele organisiert. An diversen Ständen ließ sich basteln, malen oder Gummibärchen abstauben. Bei der Essener Polizei konnte man sich eine Rauschbrille aufziehen, die einen Volltrunkenen Zustand simuliert. Mit der Brille auf der Nase musste man dann einen Hindernisparcours überwinden. Bei der Sparkasse durften riesige Sparschweine bemalt werden, bei 1.000 Herzen für Essen gab es einen Blutdruckmess-Marathon und die Essener Verkehrs AG (Evag) hatte einen abgedunkelten Bus aufgefahren, in dem Kinder ein Dschungelabenteuer erleben konnten. Außerdem gab es ein digitales Glücksrad, bei dem man auf einem Tablet einen Knopf drückte und dann der gewonnene Preis auf dem Bildschirm erschien. Und während eine Frau vor mir eine Popcornmaschine gewann, hielt ich wenig später eine Evag-DVD in den Händen. Das nächste Schrottwichtelgeschenk für Weihnachten ist gesichert.

Vor dem Cinemaxx stand das Kunstprojekt der Grünen Lunge von Künstler*innen des Pappelapapp-Kollektivs, welches auch bei der Eröffnung der Grünen Hauptstadt im Grugapark stand. Damals sollten alte Plastiktüten in die Lunge gesteckt werden, bis sie nicht mehr atmen konnte. Beim Tag der Bewegung wurden aus den alten Plastiktüten mit Sand und Federn dann Indiacas gebastelt.

Spektakel am Berliner Platz

Highlight des Tages der Bewegung war sicherlich eine spektakuläre Inszenierung auf der Grünfläche des Kreisverkehrs vor dem Einkaufszentrum Limbecker Platz. Unter dem Titel Moving Green schwebten Schausteller*innen in Engels- und Pferdekostümen an einem Kran in etwa 20 Metern Höhe. Dazu sang eine Sängerin ein Opernstück und immer wieder regneten glitzernde Papierfetzen vom Himmel. Das Ganze wurde eingebettet in die rund 1.000 Radfahrenden der Sternfahrt, an deren Spitze der Essener Oberbürgermeister Thomas Kufen (CDU) radelte sowie zusammengeschweißte selbstlaufende Metalltiere, die von ihren Erschaffern als Herde begleitet wurden.

Kurz darauf bedankte sich Kufen bei allen Helfenden und den vielen Freiwilligen. Und er versichert: „Alles biologisch abbaubar“, womit er sich auf den Konfettiregen während der Inszenierung bezieht. Weiter führte Kufen aus, dass Essen zwar schon recht grün sei, aber es auch noch Potenzial für Verbesserungen gibt. Auf von Naturschützer*innen geäußerte Kritik an den Projekten und der Umsetzung der Grünen Hauptstadt ging er nicht ein. Deutliche Worte der Kritik fand allerdings sein Nachredner vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club. Er kritisierte den mangelhaften Ausbau von Radwegen, das ständige Halten von Autos auf ihnen und forderte eigene Ampelschaltungen für Radfahrende.

Immerhin für den Tag der Bewegung wurden über drei Kilometer Straße für den Autoverkehr abgesperrt. Dass die Verbannung der Autos aus der Innenstadt im Jahr der Grünen Hauptstadt nur einmal stattfinden soll, ist aufgrund der zahlreichen Besucher*innen schade. So bleibt der Tag der Bewegung lediglich ein viel zu kurzes befreites Durchatmen für die ansonsten nicht so ganz so Grüne Hauptstadt. [dav]