Festivals: Reine Männersache?

Fast jedes Festival hat sie: Große Plakate zur Ankündigung der auftretenden Acts. Jetzt ein Gedankenexperiment: Wie voll wären diese Plakate, wenn man Bands, die nur aus männlichen Mitgliedern bestehen, wegstreichen würde? Das hat etwa Puls, der digitale Jugendkanal des Bayrischen Rundfunks, 2015 vorgemacht. Und heraus kam: Kaum bis gar keine. Beim diesjährigen Campusfest im „Duisterwald” des Allgemeinen Studierendenausschusses (AStA) am 7. Juli (akduell berichtete) würde das Ergebnis ähnlich ausfallen. Auf der Bühne stand bei 15 Bands nur eine Frau. Was war da los?

Alidaxo mit Backgroundsängerin Joyce auf dem Duisburger Campusfest. Die einzige Frau auf den Bühnen. (Foto: mac)

„Die Welt ist aus Plastik und ich wickel mich damit ein“, singen die Mitglieder von Alidaxo auf der kleinen Bühne beim Campusfest. Mit auf der Bühne steht eine Frau, Backgroundsängerin Joyce. Sie gehört neben DJ und Schlagzeuger zur Live-Band, performte laut Alidaxo bei zwei Songs auf der Bühne mit. Abseits der Stages machten laut Kulturreferat noch eine Stelzenläuferin und eine weibliche Theatergruppe Stimmung beim Campusfest. Im Vergleich: Auch 2016 stand beim „Pie in the Sky“-Campusfest mit der Künstlerin Coely beim Tagesprogramm nur eine Frau auf der Stage, 2015 waren es bei der „Rummelburch“-Ausgabe zumindest noch mehrere Künstlerinnen* gewesen.

„Einen detaillierten Kriterienkatalog hatten wir für die Auswahl nicht. Oberste Priorität hatte für uns die Berücksichtigung der Wünsche der Studierenden, die uns angeschrieben haben, um bestimmte Bands live sehen zu können. Wir haben uns an viele Bitten der Studierendenschaft gehalten“, erklären das für den Duisterwald verantwortliche Kultur- und Öffentlichkeitsreferat des AStAs auf Nachfrage der akduell. Viele Bands hätten abgesagt.

Vorwürfe statt Reflektion

Wie viele es gewesen seien, vor allem auch FLT*I (Frauen*-, Lesben, Trans* und Inter), könne wegen der hohen Anfragen nicht mehr nachvollzogen werden. Auch könne keine Zahl der Frauen* auf der Bühne genannt werden, weil dies beim Nachfragen „ohne die Intimität dieser Personen zu verletzen, nicht möglich“ sei. Alle Anfragen seien aber gleich behandelt worden, betonen die AStA-Mitglieder mehrfach. Außerdem sei es „reduzierend und diskriminierend, wenn man den Frauen* oder eventuellen trans*inter-Menschen, die aufgrund der äußeren Merkmale nicht erkennbar und auf dem Campusfest waren und dieses aktiv mitgestaltet haben, keinerlei Wertschätzung und Wahrnehmung entgegenbringt.“

Kein Kriterienkatalog, kein gezieltes Nachfragen beim Booking, das eine geschlechtergerechte Bespielung der Bühnen möglich machen würde. Kritik hat der AStA vor allem für die Fragen der akduell mit Verweis auf die Künstlerinnen* abseits der Stages übrig: „Diese Frauen erfahren durch die akduell eine Degradierung, die wir als empörend empfinden, weil sie für ihre Arbeit nicht gewürdigt, gar wahrgenommen werden. Auf die akduell-Frage, wie die Überrepräsentation von als männliche gelesenen Künstlern auf der Bühne mit einer nicht diskriminierenden Studierendenvertretung vereinbar sei – könne man erst gar keine Stellung beziehen, da sie vorwerfend vorgreife, so der AStA.

„Ich habe eher den Eindruck es wäre da überhaupt nicht drauf geachtet worden. Klar, dass Frauen*-Bands absagen, das kann immer mal passieren. Dann hätte man aber eine Stellungnahme dazu verfassen können“, sagt Ellen Meister aus dem Autonomen Frauen*referat im AStA der UDE. Ihre Referatskollegin Merve Taskin hat sich dagegen mit dem AStA abgesprochen: „Das war deren erstes Mal. Die waren eben im Stress, wussten nicht wie es geht und haben es dann versucht. Mit der Erfahrung wird es einfacher.“ Sie sagt, dass die Autonomen Referate als Expert*innen bei der Findung der Bands hätten aushelfen können. Allerdings hatte der AStA dort gar nicht angefragt. Taskin bleibt dabei: „Ich würde nicht sagen, dass sie gar nicht drauf geachtet haben.“

„Ich finde nicht, dass es eine Entschuldigung ist, dass man etwas das erste Mal macht“, hält Meister dagegen, die auch Vertreterin der Gleichstellungsbeauftragten aus der Gruppe der Studierenden ist. Vor allem nicht, wenn man eine Band einlade, die Männersache – A Cappella mit Eiern heiße. „Auch wenn das witzig klingen soll – es ist eben trotzdem Sexismus. Und das obwohl der AStA gesagt hat, dass Sexismus auf dem Campusfest nichts zu suchen hat“, so die Frauen*referentin weiter. Ein Campusfest repräsentiere eben auch die Uni und die stünde für Gleichstellung.

Männer als Akteure – Frauen* als Freundin?

Meister hat dagegen eine Erklärung dafür, warum es so viele Männer auf die Festival-Bühnen schaffen: „Es sind wohl die gleichen Gründe, aus denen Frauen* auch in sämtlichen anderen Bereichen unterrepräsentiert sind: Wir haben ein gesellschaftliches Bild, in denen Männer die Akteure sind.” Frauen* müssten auf der Bühne auch mehr geben als Männer, um überhaupt als Künstlerin* wahrgenommen zu werden – nicht nur als Anhängsel: „Ich habe Freundinnen*, die in Bands spielen und oft gefragt werden, ob sie die Freundin des Sängers oder Drummers seien“, so Meister.

Und wenn Frauen* mal auf der Bühne stünden, dann häufig als Sängerin: „Wobei da nicht nur das Können, das Machen, im Vordergrund steht, sondern auch das Aussehen. Das verstärkt nur den Sexismus“, so die Frauen*-Referentin. Tatsächlich sind Namen wie Rihanna, Beyoncé oder Katy Perry bekannt – als Sänger*innen. Und auch die großen Pop-Girlbands setzen meist nur auf Körper und Stimme. Bands, die komplett aus Frauen* bestehen wie The Go-Go’s, Beyond Pink, Le Tigre oder die Toten Crackhuren im Kofferraum sind bei weitem nicht so bekannt – wobei es auch Ausnahmen wie etwa die Dixie Chicks gibt.

Schaut man sich die großen deutschen Festival des Sommers 2017 an, spielten und spielen bei Rock am Ring (Rammstein, Die Toten Hosen, System of a Down), dem Hurricane Festival (Green Day, Linkin Park, Casper) und dem Deichbrand (Placebo, Kraftklub, Billy Talent) durchweg Männer als Headliner die Instrumente. Sie sollen die Massen bewegen. Immer wieder bestätigen Booker*innen in Interviews, dass bislang vor allem Männer die Fans vor die Bühne bringen.

Daran wird sich solange nichts ändern, bis FLT*I-Bands bekannter werden. Frauen*referentin Meister schlägt deshalb genau den umgekehrten Weg vor. Man sollte vor allem solche Bands für Festivals buchen: „Bei einem Festival, wo nur Männer spielen, würde es den meisten gar nicht auffallen. Weil das normal ist. Aber das ist falsch. Dieser Bruch könnte die Leute zum Nachdenken bringen.“ Für die Zukunft verweist sie auch auf Räume, in denen sich FLT*I ausprobieren können.
Damit es Frauen*, Lesben, Trans und Inter auch ohne repräsentierende Vorbilder auf die Bühne zieht, gibt es in feministischen Zusammenhängen nämlich eben solche FLT*I-Festivals. „Letztes Jahr haben wir mit einer feministischen Gruppe im AZ Mülheim das Reclaim-the-Stage-Festival organisiert. Mit Musikworkshops, Songwritingworkshops – nur für FLT*I. Damit Frauen* sich auch eben mehr trauen aus sich raus zu kommen. Weil es denen einfach von der Gesellschaft schwerer gemacht wird“, so Meister.