G20 in Hamburg – und jetzt?

Mit Seifenblasen gegen die Polizei – friedlicher Protest bei G20 in Hamburg. (Foto: dpe)

Hussam Al Zaher, Chefredakteur von Flüchtling Magazin, floh vor etwa 15 Monaten vor dem Bürgerkrieg in Syrien nach Deutschland. Als Journalist beobachtete er am vergangenen Wochenende die Proteste gegen den G20-Gipfel in Hamburg. akduell-Redakteurin Sarah Dannehl sprach mit ihm über seine Sicht auf die Geschehnisse, wie sie sich von denen in Syrien unterscheiden und seine Kritik an der Politik.

akduell: Wie hast du den G20-Gipfel erlebt?

Al Zaher: Was dort passiert ist, war sehr besonders. Für mich ist es sehr toll, dass ich die Freiheit habe, Demonstrationen zu beobachten. Leider waren es keine normalen Demonstrationen. Mit den Politikern ist es halt schwierig: Die Politik verursacht selbst Krisen auf der Welt, für die sie dann versucht, Lösungen zu finden. Andererseits können wir nicht ohne Regierungen leben, sie organisieren unser Leben. Sie machen eben schlechte und gute Sachen.

akduell: Was waren deine Erwartungen an den G20-Gipfel? Was wünschst du dir von den Regierungen – insbesondere im Bezug auf dein Herkunftsland Syrien?

Al Zaher: Ich habe Erfahrungen gesammelt, auch weil ich Politikwissenschaften studiert habe. In Syrien ist das Problem, dass jeder gegen jeden Krieg führt. Russland gegen USA, Iran gegen Saudi-Arabien, die Türkei gegen die PKK. Der Krieg kann nicht beendet werden, ohne dass sich alle Länder zusammensetzen und mit Syrien eine gemeinsame Lösung finden. Leider glaube ich nicht daran. Aber ich hoffe, dass wir bald überall in Frieden leben, doch das wird nicht einfach.

akduell: Viele Menschen sehen den G20-Gipfel kritisch. Du auch? Und wenn ja, warum?

Al Zaher: Weil die Politik erneut nichts gemacht hat und man das Gefühl hat, dass mehrere Präsidenten verrückt sind. Es gibt aktuell viele politische Krisen auf der Welt, zum Beispiel Trump und was er auf Twitter schreibt, was in der Ukraine passiert, der Krieg in Syrien, der IS, Terror, Rechtsextreme, der Klimawandel und die Flüchtlingskrise. Überall gibt es Probleme. Die Politiker haben sich zwar getroffen, aber am Ende gibt es wieder keine Lösungen. Bei insgesamt 192 Ländern auf der Welt, verstehe ich nicht, warum sich dann nur 20 davon treffen? Warum gibt es heute immer noch Armut auf der Welt? Warum gibt es heute immer noch Menschen, die den Hungertod sterben? Warum gibt es heute immer noch viele Länder, in denen die Menschen keine Freiheiten haben dürfen? Jeden Tag gibt es nur politische Probleme, aber es gibt keine Lösungen.

akduell: Die Flüchtlingspolitik gehört zu den Themen, die behandelt werden sollen. Was denkst du, sollte sich verbessern beziehungsweise anders gemacht werden?

Al Zaher: Das ist ein schwieriges Thema. Ich frage mich: Warum empfangen viele Länder keine Geflüchteten? Jetzt haben wir mit Trump noch ein Problem mehr, weil er sagt, die USA dürfen keine Geflüchteten mehr aufnehmen, weil sie Terroristen seien. Sehr viele Länder wollen inzwischen keine Geflüchteten mehr empfangen. Und wohin sollen die 60 Millionen Geflüchteten weltweit? Sollen sie am Krieg zugrunde gehen? Was sollen sie tun? Sie haben ihre Länder verlassen und kaum Chancen auf eine friedliche Zukunft.

akduell: Was hältst du von länderübergreifender Zusammenarbeit und wie sollte sie aussehen?

Al Zaher: Wir alle sind ja in erster Linie Menschen. Unsere Nationalitäten sind zweitrangig. Das ist, woran ich glaube. Und: Wir Menschen können immer miteinander arbeiten, aber wir brauchen eine Sprache, mit der wir miteinander reden und diskutieren können.

akduell: Hamburg treffen friedliche sowie gewaltbereite Demonstrierende und erhöhte Polizeipräsenz aufeinander – nimmst du diese Situation als bedrohlich wahr?

Al Zaher: Ich frage mich in solchen Situationen: Was ist im Vorfeld passiert? Und warum ist es passiert? Ich habe gesehen, dass Menschen Sitzblockaden organisiert haben. Sie waren friedlich und hatten Spaß, aber dann kam die Polizei und die Atmosphäre ist angespannter geworden. Gleichzeitig gab auch ein paar jüngere Demonstranten, die sehr gewaltbereit waren. Sie hassen die Polizei. Warum? Ihr Verhalten war natürlich falsch. Ich selbst bin gegen Gewalt, aber wir müssen uns mit diesen jungen Menschen zusammensetzen und diskutieren.
Für mich war es sehr besonders, weil ich mich erinnert habe, was in Syrien passiert ist. Ich habe verglichen, was die Polizei hier und die in Syrien tut und da gibt es große Unterschiede. In Syrien kann man nicht ohne Angst leben und demonstrieren. Hier hatte ich keine Angst, denn mit der Freiheit muss man keine haben. Journalisten bekommen Polizeischutz, und die Polizei selbst hat immer Kameras dabei. Die Menschen wissen im Nachhinein besser, was genau passiert ist.

akduell: Wie hast du die Demonstrierenden und wie die Polizei vor Ort wahrgenommen?

Al Zaher: Es waren ganz unterschiedliche Demonstranten unterwegs. Ich habe normale und aggressive Demonstranten gesehen. Bei der Polizei war das ähnlich. Das sind eben auch Menschen, es gibt gute und schlechte. Aber im Gegensatz zu Syrien gibt es hier Gesetze, die uns alle schützen.

akduell: Was hat dich dazu bewegt, Veranstaltungen gegen G20 zu besuchen?

Al Zaher: Ich glaube, dass sich bei den Politikern der G20 nicht viel bewegt hat dieses Wochenende. Deswegen war es für mich interessanter, zu beschreiben, was auf den Demonstrationen passiert ist, weil das Resultat davon ist, dass es jetzt eine große Diskussion in Deutschland darüber gibt, was dort geschehen ist und warum.

akduell: Kannst du Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Form des Protests und dem Umgang des Staates mit dem Protest in Deutschland und Syrien feststellen?

Al Zaher: In Syrien haben wir Angst vor der Polizei. Eine Verhaftung ist für uns gleichbedeutend mit einem Todesurteil. Wir dürfen nicht öffentlich über Politik sprechen, wir haben keine Partei, die uns zuhört. Das einzige was wir in Syrien haben, ist Angst und mit der kann man nicht leben. Hier hingegen gibt es Freiheit. Und was mir aufgefallen ist: Viele Deutsche sind aktiv in der Gesellschaft und sie kämpfen für ihre Freiheiten.