„Ich mag das Leben im Internet lieber als das unten auf der Erde“

Im Gespräch: Die Autorin Stefanie Sprengnagel (Foto: lenz)

Hetzkampagnen und Hasskommentare in Netz und Print, feministischer, anti-rassistischer Aktivismus und zur Seite getretene Babykatzen. Über dies und mehr konnten wir Anfang Juni mit Stefanie Sargnagel (eigentlich Sprengnagel) reden. Die 31-jährige Autorin, Künstlerin und Aktivistin, die im letzten Jahr die Publikumskategorie des Bachmannpreises gewann, las am 12. Juni im Düsseldorfer zakk aus ihren Büchern Binge Living und Fitness.

von Gastautor Magnus Bartels

Sprengnagels Stil bewegt sich irgendwo zwischen Tagebuch, Briefroman und Statusupdate auf Facebook. Für Vice besuchte sie zum Beispiel zusammen mit Martin Witzmann – mit dem sie auch schon ihren vielbeachteten Bericht zu den Bayreuther Festspielen für Die Zeit verfasste – ein Formel Eins Rennen in Spielberg, Österreich. Danach druckte sie in ihrem Buch den SMS-Austausch ab, der sich ereignete, als Sprengnagel (völlig indifferent gegenüber der Formel Eins) bereits abgereist war und Witzmann (glühender Verehrer von Lewis Hamilton) noch alleine an der Strecke übernachtete. Sie schreibt über die verrücktesten Vorkommnisse bei ihrer früheren Arbeit im Call-Center der Telefonauskunft, regt sich über prätentiöse Kunststudent*innen auf und lässt ganz allgemein an ihrem Leben teilhaben. Durch ihre Aktivität auf Facebook lässt sich ihr Werk kaum auf drei Bücher eingrenzen. Es wächst mit jedem neuen Statusupdate. Beispiel gefällig?

Mit 18 fand ich Freetekno-Partys total scheiße. Mir waren das zu viele Drogen und vor allem diese hängengebliebenen 30-Jährigen, die vor den Boxen herumgefreakt sind, haben mich total deprimiert. Jetzt steh ich plötzlich total auf Freetekno-Partys“.

Das Publikum der Lesung ist überraschend gemischt, so richtig eingrenzen lassen sich Sprengnagels Themen ebenfalls nicht. Gesellschaftskritisches, allerfeinster Fäkalhumor, präzise Alltagsbeobachtungen. Und immer fühlt man sich, als wäre man befreundet mit ihr – als würde die Privatperson mit der literarischen Figur Stefanie Sargnagel verschwimmen. Sie rappt selbstgeschriebene Punchlines und erklärt den Düsseldorfer Piefkes österreichische Eigenheiten des Deutschen anhand ihrer eigenen Schas (Fürze). Die Pointen sitzen, auch beim Publikum.

Babykatzengate

Aber nicht nur auf der Bühne, auch in den Medien ist die Autorin präsent. Im Januar diesen Jahres unternahm Stefanie Sprengnagel mit zwei befreundeten Autorinnen eine Reise nach Marokko. Unter anderem, damit sie an ihrem vierten Buch arbeiten konnte. Die Künstlerinnen erhielten dafür Unterstützung in Form von 1500 Euro vom österreichischen Ministerium für Kunst und Kultur. Soweit, so unspektakulär.

Der literarische Reisebericht, der später im Feuilleton des Standard erschien und in dem sich die Künstlerinnen saufend und kiffend an Einheimische ranmachen – während sie Babykatzen in die Gosse treten – war für den Chefredakteur des größten österreichischen Boulevardblatts, der Kronen Zeitung, allerdings ein Dorn im Auge und er sah sich genötigt, seinen Leser*innen davon zu berichten, dass er die Satire nicht verstand. Weitere Medien wie der Wochenblick und sogar der ehemalige Bundespräsidentschaftskandidat Norbert Hofer verbreiteten die Mär der tierquälenden Alkoholikerinnen, die Steuergelder verschwendeten.

Die Hasskommentare, Vergewaltigungs- und Todeswünsche ließen nicht lange auf sich warten.
 Sprengnagel ist sich sicher, dass es sich um eine gezielte Kampagne handelte. Teilen der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) sei wohl ein positiver Beitrag im „Kulturmontag“ des ORF über eine Störaktion der Burschenschaft Hysteria aufgestoßen. Burschinnen, unter ihnen Sprengnagel, entrollten auf dem Wiener Akademikerball – der größten Feier für schlagende Burschenschaften und national gesinnte Eliten – relativ unbemerkt ein eigenes Banner aus und verbreiteten davon ein Video im Netz.

Die von Sprengnagel mitbegründete, nach eigenen Aussagen, „älteste Burschenschaft Österreichs“, bietet ausschließlich Frauen* Zugang und hat sich auf die Fahne geschrieben, unsere Gesellschaft in das „Goldene Matriarchat“ zu führen. 25.000 Menschen folgen den Burschenschafterinnen dafür auf Facebook. Für das Erreichen ihres Zieles begruben die Mitglieder der Hysterie bei einer ihrer Aktionen auch schonmal vorsorglich das Patriarchat (wie hier bei Vice zu sehen ist).

Welche Zukunft Männer* im Matriarchat haben? Laut Sprengnagel braucht sich kein weißer cis-Mann zu fürchten, denn unter ihrer Ägide könnten Männer endlich ihren Fähigkeiten entsprechend handeln und behandelt werden. Sehen konnte man das erst vor kurzem beim Simmeringer Frühschoppen der Burschenschaft in Wien. Dort wurden eigens für die männliche* Besucherschaft Aktivitäten wie Gesichter schminken oder Bücher zum Ausmalen bereitgestellt.

In Schnellroda Rotwein trinken und über Bücher Philosophieren

Auch mit ihrer Burschenschaft ist Sprengnagel Teil von antifaschistischen Protesten gegen FPÖ und weitere Rechte. Dabei gerät sie immer wieder mit Figuren der österreichischen Identitären Bewegung (IB) – vornehmlich im Netz – aneinander. Unter anderem hatte ein Posting über die Identitäre Alina Wychera dazu geführt, dass sie, nach eigener Einschätzung aufgrund von hunderten Meldungen, für eine Woche von Facebook gesperrt wurde.

Sprengnagel sieht in der IB vor allem eine neue Marketingstrategie der Neuen Rechten. Sie seien „PR technisch sehr geschickt“ und suchten mit ihrer Strategie des Gesichtzeigens absichtlich Öffentlichkeit, um auch einen gewissen Schutz zu bekommen. Denn: „Wenn du dich versteckst, machst du dich ja noch krimineller als du eh schon bist“, so Sprengnagel. Natürlich dürfe man sie nicht unterschätzen, aber trotzdem seien sie auch in Österreich noch eine sehr kleine Gruppe. Sprengnagel sagt zu den Identitären:

Sie wollen so intelligente Boheme sein, die ihr Gesicht in der Öffentlichkeit zeigen und in Schnellroda [Anm. d. Red: Das Rittergut des neurechten Publizisten Götz Kubitschek] Rotwein trinken und über Bücher philosophieren. Dafür finden sich einfach nicht so viele Leute.“

Warum nun gerade sie von großen Teilen der österreichischen Rechten als eine solche Reizfigur gesehen wird, ist ihr selbst nicht ganz klar. So wundert sich Sprengnagel meist über die Reaktionen, denn sie selbst sieht sich nicht als besonders bedrohlich: „Ich mache Witze und das macht auch Spaß. Und mit Witzen kann man auch ein bisschen subversiv sein, aber ich habe jetzt nicht das Gefühl, dass ich ein arger Gegner bin für die, aber dann hat man das Gefühl, vielleicht ist Witze machen nicht so schlecht, wenn‘s die Leute so trifft.“ Es gebe ihr dann doch ein „Gefühl vom Macht“. Zudem habe sie auch schon immer Witze über die andere politische Seite gemacht. Witze über Gender Studies hätten allerdings bei den Leuten nie solche Reaktionen ausgelöst.

Die hasserfüllten Reaktionen, die sie oft aufgrund ihres Aktivismus und ihrer Äußerungen auf Facebook bekommt, scheinen sie allerdings nicht sonderlich zu verschrecken. „Ich finde es verurteilenswert, aber ich kann das alles nicht ernst nehmen, wenn ich sehe, dass mir Leute Drohungen und Hassbotschaften schicken, die ihre Familie als Profilfoto haben.“ Etwas anderes wäre es für sie, wenn ihr etwas ähnliches auf der Straße passieren würde – aber von Klagenfurt bis Wien „sind alle immer sehr nett zu mir“ und überhaupt bekäme sie sowieso viel mehr positive Nachrichten und Rückmeldungen als Hassbotschaften.

Facebook als „live Literatur“

David Bogner (Vice) bezeichnete Sprengnagel bereits im Jahr 2013 als „Österreichs wichtigste Autorin des 21. Jahrhunderts. An dieser Einschätzung dürfte sich bis heute nicht viel geändert haben. Eher wurde sie durch den Gewinn der Publikumskategorie des Ingeborg Bachmann-Preises noch bekräftigt. Für die Autorin hat sich nach eigener Aussage dadurch aber an ihrem Alltag und ihrem Leben nicht viel geändert. Die große Aufmerksamkeit kam bereits Ende 2014, als sie mit Fitness Erwähnung in allen großen, deutschsprachigen Feuilletons fand. Und sowieso sei sie dem Literaturbetrieb nie sonderlich nah gewesen, sondern eher mit der Wiener Musikszene verbunden, als dass sie sich in Schreibwerkstätten oder auf Buchmessen heimisch fühlen würde.

Wer sich dafür interessiert, Literatur live auf Facebook zu lesen, der sollte Stefanie Sprengnagel folgen. Mit jedem Statusupdate wächst ihr Werk weiter.


Stefanie Sprengnagels neues Buch „Statusmeldungen“ erscheint am 21. Juli 2017 im Rowohlt Verlag. Zu sehen ist sie in NRW wieder am 22. Oktober 2017 mit ihrer gleichnamigen Lesung. Weitere Termine sind im Oktober in München, Stuttgart, Frankfurt, Hamburg und Berlin, Leipzig und Nürnberg geplant.