Im Fach verschieden, in Zahlen vereint

Eine erste Anlaufstelle für Studierende bei Finanzfragen: Das Studierendenwerk am Reckhammerweg . (Foto: mehu)

Die 21. Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) hat viele Zahlen hervorgebracht. Prototypische Studierende sind 24,7 Jahre alt. 86 Prozent werden von den Eltern finanziert. Eines geht aus der Erhebung jedoch klar hervor: Das Geld reicht nicht mehr. Schon gar nicht für die durchschnittlich 18 Prozent BaföG empfangenden Studierenden. Das zeigt: Die Politik muss handeln. Zahlen über Studierende aus Nichtakademiker*innenfamilien sucht man vergebens. Das stößt auf Kritik.

In Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Bildung und Forschung , dem DSW, der Verband der 58 Studierendenwerke in Deutschland und dem Deutschen Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung wurden im Sommer 2016 insgesamt 400.000 Studierende erstmals online befragt. Herausgekommen ist ein repräsentativer Überblick darüber, wie Studierende ihren Lebensunterhalt finanzieren, welche Fächer sie studieren und was sie für Abschlüsse anstreben. Doch Studierende sind differenzierter als es Zahlen ausdrücken können. Das weiß auch Dieter Timermann, seit 2012 Präsident des DSW:„Es gibt nicht den einen Studenten und die eine Studentin, das zeigt die Studie klar. Die Studierendenschaft von heute ist vielfältig und pluralistisch, wie unsere Gesellschaft auch“, äußerte er sich im DSW Journal 2/2017.

Kostendruck steigt, Kritik wird lauter

Aus der Erhebung geht deutlich hervor, dass die Studierenden einem immer höheren Kostendruck ausgesetzt seien. 86 Prozent der Studierenden erhalten finanzielle Unterstützung der Eltern. Die Unterstützungsleistung ist von 261 Euro aus der letzten Erhebung 2012 auf 309 Euro gestiegen. Gleichzeitig müssen immer mehr Studierende nebenher arbeiten gehen. Etwa 61 Prozent haben einen Nebenjob, der durchschnittlich 385 Euro einbringt. Timermann sieht auch einen Zusammenhang zum BAföG: „Weil das BAföG nicht ausreicht, kompensieren das die Studierenden mit vermehrter Erwerbstätigkeit und die Eltern müssen sie stärker unterstützen.“

Anfang Juni dieses Jahres hat das Berliner Institut für Bildungs- und Sozialökonomie im Auftrag des DSW eine Studie veröffentlicht, in der genau darauf hingewiesen wird, dass sogar der aktuelle BAföG-Höchstsatz von 735 Euro die Lebenskosten der Studierenden nicht mehr deckt. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert unter dem Motto „BAföG rauf – und zwar schnell“ schon seit langem eine rasche Angleichung des BAföGs an diese gestiegenen Kosten. Andreas Keller, stellvertretender GEW-Vorsitzender, erklärte Anfang Juni auf der Homepage des Hamburger Verbandes, dass gerade noch 15 Prozent aller Studierenden Leistungen nach dem BAföG erhalten würden. Viele Studierende aus finanzschwachen Elternhäusern brächen ihr Studium vorzeitig ab, weil das BAföG die gestiegenen Lebenshaltungskosten nicht decken würde. Insbesondere die Wohnungsmieten seien aus dem Ruder gelaufen: Die BAföG-Wohnpauschale liegt bei gerade mal 250 Euro – damit ließe sich in kaum einer Hochschulstadt eine Studierendenbude finanzieren. Im Hinblick auf die aktuelle Sozialerhebung kritisiert auch der freie Zusammenschluss von StudentInnenschaften (fzs) die BaföG-Sätze und hat einen Vier-Punkte-Plan veröffentlicht. Endlich Zeit für Studium und Engagement – Soziale Situation von Student*innen verbessern lautet der Titel der Forderungen. Janek Heß, Vorstand des fzs, findet deutliche Worte: „Die Zahl der erwerbstätigen Studierenden nimmt zu, die der BAföG-Empfänger*innen ist weiter gesunken. Die Sozialerhebung weist somit nach, dass der finanzielle Druck auf Student*innen wächst. Finanzierungssorgen und psychische Erkrankungen nehmen weiter zu. In einem ersten Schritt muss hierzu das BAföG erhöht und erweitert werden.“ In dem Schreiben wird auch auf die Mietpauschale eingegangen und eine Erhöhung gefordert. Zudem soll der Regelsatz um 6,5 Prozent ansteigen, dann läge der Höchstsatz bei 782 Euro. Ein großes Defizit sieht der fzs in den Studienberatungen. Diese müssten intensiviert werden, vor allem in dem Zeitraum zwischen dem Schulabschluss und dem Beginn eines Studiums. Den möglichen Studierenden sollte schon vor Beginn ihres Studiums mögliche Berufsaussichten aufgezeigt werden, damit gegebenenfalls auch darüber nachgedacht wird, ob ein Studium überhaupt in Frage komme. Abschließend fordert der fzs flexiblere Studien- und Lebensplanungen und ein Abrücken der straffen Stundenplänen und teilweise noch vorhandenen Anwesenheitspflichten.

Kritik an der 21. Sozialdatenerhebung äußert auch die Organisation Arbeiterkind. de. Sie bemängeln, dass keinerlei Zahlen über Studierende aus Nichtakademiker*innenfamilien zu finden seien. Arbeiterkind.de unterstützt Menschen, die als erste aus ihrer Familie ein Studium aufnehmen, also Studierende der ersten Generation (akduell berichtete). Katja Urbatsch, Gründerin und Geschäftsführein von Arbeiterkind.de erklärt: „Studieninteressierte, die keine Vorbilder in ihrer Familie haben, schöpfen zu selten ihre Potenziale aus. Das Informationsdefizit, welches dazu führt, dass zu wenig über Finanzierungsmöglichkeiten, Stipendien, Studienorganisation und ‐ablauf bekannt ist, muss behoben werden.“

Und an der UDE so?

Die Ergebnisse der Sozialerhebung zeigen eine bundesweite Übersicht. Konkret auf die Universität Duisburg-Essen (UDE) lassen sich diese nur bedingt übertragen. Das weiß auch Melanie Wessel vom Studierendenwerk Essen Duisburg, fügt aber hinzu: „Demnach trifft die Erhebung teilweise auf die UDE zu, aber natürlich stimmt diese nicht in allen Punkten mit der Lebensrealität Studierender der UDE überein.“ Im Herbst soll eine Erhebung speziell für NRW veröffentlicht werden. Aber Wessel stimmt dem Ergebnis der Erhebung durchaus zu: „Ja, der wirtschaftliche Druck hat in den vergangenen Jahren zugenommen. Durch das Bachelor- und Mastersystem und dem damit einhergehenden straff getakteten Studienalltag wird es für Studierende zunehmend schwieriger, neben dem Studium zu arbeiten. Erschwerend kommt hinzu, dass die Lebensunterhaltungskosten in den letzten Jahren immer weiter gestiegen sind. Selbst BAföG-Empfänger, die den Vollsatz erhalten, müssen sich oftmals etwas hinzuverdienen, da der Bedarfssatz zu niedrig ist.“ Dadurch ändert sich auch das Beratungsangebot des Studierendenwerks, wie Wessel erklärt: „Die soziale Beratung hat sich in Punkto Finanzierung insofern entwickelt, dass mittlerweile komplette Finanzierungskonzepte für ein Studium erarbeitet werden müssen. Das hat Auswirkungen auf die Beratungsarbeit, die mit dieser anspruchsvollen Aufgabe viel stärker als früher in Anspruch genommen wird.“

Dennoch sieht sich die UDE in einer besonderen Rolle. Das liegt zum Teil auch an dem Standort Ruhrgebiet. Universität der Potenziale heißt das Diversity-Papier der UDE. Gleich zu Anfang steht dort: „Aufgrund ihrer Verankerung im durch den Strukturwandel geprägten Ruhrgebiet und aufgrund der spezifischen Zusammensetzung ihrer Studierendenklientel sieht sich die Universität Duisburg-Essen einem besonderen bildungspolitischen Anspruch verpflichtet. Im Rahmen des Diversity Managements setzt die UDE daher einen Fokus auf die Themen Bildungsaufstieg, Leistungsheterogenität und Potenzialentfaltung.“ 2011 kamen etwa 50 Prozent der Studierenden der UDE aus Nichtakademiker*innenfamilien. Die Zahl der Deutschlandstipendien sind an der UDE mit etwa 300 im bundesweiten Vergleich hoch.

Alternative: Stipendium?

Aus der Sozialerhebung geht auch hervor, dass fünf Prozent der Studierenden ihr Studium mittels eines Stipendiums finanzieren. Aber wieso ist diese Zahl so vermeintlich niedrig? Wessel vom Studierendenwerk Essen-Duisburg relativiert: „Fünf Prozent ist nicht zwangsläufig eine niedrige Zahl, wenn man bedenkt, dass laut der Erhebung nur rund 18 Prozent aller Studierenden BAföG erhalten.“

Der Gedanke, dass man für ein Stipendium außerordentlich gute Leistungen erbringen müsse, ist unter Studierenden weit verbreitet. Rilana Decker koordiniert an der UDE das Deutschlandstipendium. In Zusammenarbeit mit dem BMBF und privaten Förder*innen werden jährlich BAföG und einkommensunabhängig, Stipendien vergeben. Es werden jährlich 3600 Euro ausgezahlt, also 300 Euro monatlich, wobei das BMBF und die privaten Förder*innen sich die Summe jeweils zu 50 Prozent teilen. Für den Förderzeitraum 2016/2017 gibt es 334. „Die Zahl variiert, es kommt dabei darauf an, wie viele Private Förderer sich finden lassen”, erklärt Decker auf Anfrage der akduell. Das gängige Klischee, dass man außerordentliche gute Leistungen im Studium haben muss, bestätigt auch Decker. „Die Kriterien für ein Stipendium sind nach wie vor gute Leistungen im Studium, politisches und soziales Engagement.” Sie betont aber auch: „Generell sollten die Studierenden keine Scheu haben sich zu bewerben.” Das Stipendienangebot habe, zumindest an der UDE, in den letzten Jahren deutlich zugenommen, so Decker. Auch Unternehmen wie der Essener Chemiekonzern Evonik bieten Stipendienan. Für Firmen ist es auch attraktiv, Studierende während ihrer Ausbildung zu fördern, um sie ans Unternehmen zu binden.

Einmal jährlich veranstaltet die UDE unter dem Namen „Stip Stip Hurra“ einen Informationstag über das Stipendienprogramm der Universität, der am 22. Juni stattfand. Für alle Interessierten kann man sich unter www.uni-due.de/de/studium/foerderwerke über die verschiedensten Förder*innen informieren. Dennoch sollte das Stipendium nicht die einzig verbleibende Alternative sein, wenn man sein Studium nicht mehr finanzieren kann. Es führt kein Weg daran vorbei, dass die Politik spätestens nach der Bundestagswahl im September die BAföG-Sätze an die Lebensrealität der Studierenden anpasst. Und die lautet nun mal, dass die Kosten für Miete und Lebensmittel steigen und in den Metropolen förmlich die Mieten explodieren. Da liegen wir im Ruhrgebiet noch im finanziellem Mittelfeld. [mehu]