Israelbild: Einseitig und tendenziös

Das Junge Forum DIG Ruhr lud zu einem Vortrag über das Israelbild in Schulbüchern. (Foto: fro)

Der Nahost-Konflikt polarisiert. Daher sei es besonders wichtig, Schüler*innen ein differenziertes Bild zu vermitteln, findet Politikwissenschaftler Jörg Rensmann, der am vergangenen Donnerstag, 20. Juli, auf einer Veranstaltung des Jungen Forums Deutsch-Israelische Gesellschaft (DIG) Ruhr über das Israelbild in deutschen Schulbüchern referierte. Es bestünde nämlich Reformbedarf: Insgesamt erführen Jugendliche eine einseitige Perspektive.

Eigentlich ist die Sache recht klar: Lehrer*innen und Schulbuchautor*innen müssen alle Seiten beleuchten und dürfen keinen Standpunkt privilegiert darstellen. Das schreibt ihnen der Beutelsbacher Konsens vor. Und trotzdem: Gerade wenn es um Israel und den Nahost-Konflikt geht, finden sich viele einseitige und undifferenzierte Schulbuchtexte.

Bei der Analyse von 20 Mittel- und Oberstufenbücher – vor allem der Fächer Geschichte und Geographie – fiel ihm besonders ein tendenziöser Sprachgebrauch auf, der ein negatives Israelbild vermittle. „Dabei müssen Sachtexte neutral geschrieben sein“, wendet Rensmann ein. Formulierungen wie „Israels Geschichte ist eine Geschichte von Kriegen“ würde den Schüler*innen das Bild eines kriegstreibenden Staates vermitteln. Statt den Prozess des Nahost-Konflikts chronologisch und ausdifferenziert zu schildern, implizierten deutsche Schulbücher die alleinige Schuld Israels am andauernden Konflikt. Auch über die israelische Gesellschaft und ihr politisches System würden Schüler*innen wenig erfahren. In den ausgewählten Texten handele es sich vor allem um Soldat*innen, ultraorthodoxe Juden und Siedler*innen.

Während Schüler*innen durch tendenziöse Sprache eine antiisraelische Sichtweise vermittelt bekämen, verschweige man ihnen andererseits wichtige Informationen über den Konflikt, erläutert Rensmann an einigen Beispielen. Zwar werde der Sechstagekrieg von 1967, im Rahmen dessen Israel auf die Sperrung der Straße von Tiran durch Ägypten erfolgreich mit einem Präventivschlag reagierte, erwähnt. Dass auf das von Israels Feinden abgelehnte Friedensangebot die drei Neins von Khartum folgten, die keinen Frieden, keine Verhandlungen und keine Anerkennung Israels fordern, werde Schüler*innen jedoch nicht erklärt. Im Zuge des Sechstagekrieges werde auch die UN-Resolution 242 nur verkürzt dargestellt. Der Sicherheitsrat forderte den Rückzug Israels „aus besetzten Gebieten“, nicht aber aus „den“ oder „allen“ Gebieten. Eine Frist sah die Resolution des Sicherheitsrates eben- falls nicht vor. Dabei seien diese Details essentiell, meint Rensmann.

Weitere Verzerrungen oder gar historische Tatsachenverdrehungen seien im Bezug auf Mohammed Amin al-Husseini, dem Großmufti von Jerusalem, festzustellen. Für die Ausbreitung des modernen Antisemitismus im arabischen Raum spielte er eine entscheidende Rolle. Er sympathisierte mit der Vernichtungsideologie der Nationalsozialisten, betrieb für das Deutsche Reich antisemitische Propaganda in arabischer Sprache und war Mitglied der Schutzstaffel (SS). In einem Schulbuch wird seine Rolle verfälschend beschrieben: „Das Deutsche Reich instrumentalisierte ihn und er geriet in den Sog der Nazi-Ideologie.“ Dass er auch nach dem Zweiten Weltkrieg in Ägypten seinen Antisemitismus weiter propagierte, verschweigt der Text allerdings.

Ein anderer problematischer Schulbuchtext sieht in der Hamas keine rein terroristische Organisation, da sie sich um soziale Belange von Palästinenser*innen kümmere – eine totale Verharmlosung, findet Rensmann. „Palästinensischer Terror wird in Schulbüchern nicht ausreichend thematisiert“, führt er fort. Und wenn er Erwähnung fände, werde er als Reaktion auf Unzufriedenheit und die israelische Politik rationalisiert.

Mittlerweile hätte sich die Darstellung des israelischen Staates gebessert, sagt Rensmann – auch international. Vor allem in Tunesien sei ein deutlich positiveres Israelbild in Schulbüchern zu finden als noch vor einigen Jahren. Dennoch mangele es noch an einer differenzierteren Darstellung des regionalen Umfeldes und der Interessen verschiedener Konfliktparteien. Statt Israel als Aggressor darzustellen, sollten Schulbücher einen sprachlich nüchternen, wertneutralen und ausdifferenzierten Überblick liefern, der keine Fakten zugunsten einer Seite auslässt – und damit gegen den Beutelsbacher Konsens verstößt.