Nahost-Veranstaltung: Antisemitische Stereotype und NS-Relativierung

Khaled Hamad und Moshe Zuckermann waren sich einig: Israelische Siedlungen verhindern den Frieden. (Foto: dpe)

Der Antisemitismus hat die Hochschulpolitik an der Universität Duisburg-Essen (UDE) eingeholt. Trotz aller Widerstände referierten Khaled Hamad und Moshe Zuckermann am Freitag, 21. Juli, zur „sozialen und politischen Lage in Palästina und Israel“ und es kam, wie die Recherchen im Vorfeld bereits erahnen ließen: Ein Abend mit antisemitischen Stereotypen, NS- und Terrorismus-Relativierungen und einer AStA-Vorsitzenden, die trotz Abwahl noch im Amt ist.

Auf dem Essener Campus im alten Audimax sprachen – gegen den ausdrücklichen Willen des Studierendenparlaments (StuPa) – die Referenten Hamad und Zuckermann. Hamad, eingeladen als Vorstandsmitglied der Deutsch-Palästinensischen medizinischen Gesellschaft und Zuckermann als Soziologe von der Universität Tel Aviv, boten allen Zuhörer*innen den Tenor, den sie erwartet hatten: Israel ist böse, Palästina ist gut.

Israelische Weltverschwörung

Bei der Veranstaltung zeigte vor allem Hamad, dass die Universität für ihn nur eine propagandistische Bühne war, denn er referierte gar nicht zum angekündigten Thema. Vielmehr gab er eine Art historischen Abriss über die Entstehung Israels, mit allen bekannten Mythen und Stereotypen. Glaubt man ihm, war die Gründung des jüdischen Staates eine humanitäre Katastrophe „für die Israel nie die Verantwortung übernommen“ habe. Seit 1948 habe es eine „systematische Enteignung der Palästinenser“ gegeben, deren Besitz „für israelische Siedlungen benutzt“ werde.

Israelis würden „lukrative finanzielle Privilegien“ genießen, der jüdische Staat sei eine „Apartheid” und würde die Palästinenser unter „Kollektivbestrafung“ stellen, indem man etwa die palästinensischen Steuereinnahmen kontrolliere, ihnen das Wasser und den Strom abstelle und etwa 1.800 Brunnen in den palästinensischen Autonomiegebieten zerstört habe. Hamad verwendete Israelis als Synonym für Juden und reihte ein antisemitisches Stereotyp ans nächste, wie etwa das von reichen, alles kontrollierenden Juden. Folgt man allen Aussagen Hamads, stehe den Palästinenser*innen ein übermächtiger, sich unaufhaltsam ausbreitender Staat Israel gegenüber, der alles tue, um die „palästinensische Herrschaft am Boden zu halten“.

Thema verfehlt, Terrorismus relativiert

Zuckermann hingegen begann in seinem Vortrag differenzierter, sprach einige Minuten über steigende Mieten in Israel und große mittelständische Proteste, die vor einigen Jahren bis zu 400.000 Menschen erreichten. Diese hätten gezeigt, dass man auf keinen Fall „über die Auswirkungen des Kapitalismus“ oder „die Besatzung“ reden wolle. Demnach sei es ein Problem der Bewegung gewesen, dass man nicht die „ökonomische Frage der Besatzung“ gestellt habe, weil mehr Geld in die Siedlungen in der Westbank investiert würde als in das Gesundheitswesen. Bis dahin vermittelte Zuckermann einen teils wissenschaftlichen Eindruck. Diese Ebene verließ er aber als er anschließend ausführte, dass Israel den Abbau der Siedlungen in der Westbank zu „mindestens 95 Prozent“ vorantreiben müsse, um Frieden zu schaffen und sich ansonsten auf dem „Weg in einen Apartheidsstaat“ befinde.

Außerdem erklärte Zuckermann, handle es sich bei dem Konflikt nicht um einen ethnischen oder religiösen, sprach aber Minuten später darüber, dass jüdische Siedler*innen maßgeblich am Konflikt beteiligt seien, weil sie „teils fundamentalistische Einstellungen” vertreten. Weder er noch Hamad verloren Worte über die islamistische Terrorherrschaft der Hamas im Gaza-Streifen. Erst auf Nachfrage reagierte Zuckermann, relativierte aber islamistischen Terrorismus, Intifada und andere Anschläge. Man müsse schließlich „immer auch nach dem „Warum“ fragen, hieß es. Das habe auch mit der „israelischen Besatzung“ zu tun. Zudem wisse niemand in Israel, „was es heißt jüdisch und demokratisch zu sein“.

Parlamentarische Demokratie gebe es auch keine, weil mit „arabischen Parteien keiner eine Koalition eingehen“ würde. Nicht zuletzt verglich Zuckermann Ghettos im Nationalsozialismus mit der heutigen Situation der Palästinenser*innen im Gaza-Streifen, [Edit: als er auf die Frage nach dem Terrorismus der Hamas antwortete: „Terror entsteht nicht im Vakuum, Terror entsteht überall dort wo Menschen niedergeknechtet werden, überall dort wo Menschen verfolgt werden. Es kommt nicht von ungefähr, dass Ehud Barak, ehemaliger israelischer Ministerpräsident und Verteidigungsminister, gesagt hat: Wenn ich Palästinenser wäre, würde ich mich einer Widerstandsorganisation anschließen. Das ist auch was jüdische Terroristen gemacht haben, als sie damals versuchten die britische Mandatsregierung zu vertreiben. Das ist auch das was die Partisanen in den Ghettos gemacht haben.“]* Auch gebe es keinen Vernichtungswillen anderer Staaten gegen Israel, wie dem Iran immer vorgeworfen werde. Ob die Veranstaltung tatsächlich im Sinne eines universitären Diskurses stattgefunden hat, darf man nach vielen der geschilderten Äußerungen der Referenten stark bezweifeln.

Gescheiterte Interventionen

Selten wurde eine Veranstaltung an der Universität von tagelangen, hitzigen Debatten im Vorfeld begleitet, wie bei dieser. Seit der StuPa-Sitzung am Donnerstag, 22. Juni, Universität versuchte die hochschulpolitische Opposition aus Juso Hochschulgruppe (Jusos), Linker Liste (LiLi) und Grüner Hochschulgruppe (GHG) in die Veranstaltung zu intervenieren, ohne Erfolg. Wenige Recherchen hatten schon nahe gelegt, dass man sich mit den Referenten Zuckermann und Hamad Unterstützer der antiisraelischen Kampagne Boycott, Divestment, Sanctions (BDS) und im Falle von Hamad einen Verherrlicher von palästinensischem Terrorismus ins Haus holen würde (akduell berichtete).

Das veranlasste den AStA aus Internationaler Liste (IL), Liberaler Hochschulgruppe (LHG), Antihelden, Unabhängiger Demokraten (UD) und dem Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) zunächst nicht, die Veranstaltung abzusagen. Auch auf der AStA-Sitzung am 11. Juli hüllte sich die Studierendenvertretung in Schweigen – obwohl sie damit ihren eigenen Koalitionsvertrag untergrub, der eine politische Ausgewogenheit vor allem für das Thema Nahost versprach. Die wurde aber vom Referat für Hochschulpolitik zugesichert, hieß es von den Antihelden. Erst nach veröffentlichten Recherchen des Jungen Forums Deutsch-Israelische Gesellschaft Ruhr und dieser Zeitung spitzte sich die Situation zu.

In den Folgetagen distanzierten sich mit Ausnahme der IL alle im AStA vertretenen Listen, die LHG trat als Konsequenz sogar aus der Studierendenvertretung aus (akduell berichtete). AStA-Vorsitzende Nadine Bendahou (IL) beanstandete die StuPa-Sitzung, vermutlich um eine Absage der Veranstaltung zu verhindern (akduell berichtete). Die Sitzung fand trotzdem statt und die Parlamentarier*innen stimmten mehrheitlich für eine Absage des Vortrags, doch stehen derzeit alle Beschlüsse in einer schwebenden Wirksamkeit, bis das StuPa selbst die Frage der Beanstandung geklärt hat. So fand die Veranstaltung am Freitag also statt und öffnete antisemitischen Stereotypen an der Universität Tür und Tor.

*verlängerte Online-Version