No, go to Hochfeld!

Urban Games: Eine Menschenkette formt sich um eine Baum-Insel in Duisburg-Hochfeld. (Foto: lys)

„Urban Games eignen sich die Räume der Stadt an, spielen mit diesen Räumen herum und funktionieren sie um, indem sie sie zu Spielfeldern machen“, heißt es zu „Urban Games” Hochfeld bei Facebook. In Unklarheit darüber, was wirklich auf einen zukommt, finden sich etwa 30 Personen vergangenen Samstag, 22. Juli, ab 17 Uhr an der Haltestelle Platanenhof ein – mitten in Duisburg-Hochfeld.

Als No-Go-Area Deutschlands betitelt, gibt die Refugee Support Gruppe mit dem Urban Game ihr explizites „Go!“ für den Stadtteil. Daniel Parlow, Mitorganisator und Urban-Game-Designer, erklärt, was jetzt der Plan ist: Gruppen von drei bis fünf Personen finden sich zusammen, geben sich einen Namen und nehmen sich eine Mappe. Darin sind Fotos von Objekten in Hochfeld (Stromkästen, kleine Grünflächen, bestimmte Mauern oder Passagen) zu sehen. Möglichst viele davon sollen innerhalb von eineinhalb Stunden gefunden und Menschenketten darum gebildet werden – für jedes Objekt gibt es, abhängig vom Schwierigkeitsgrad, fünf bis 100 Punkte. Als Beweis wird die Menschenkette fotografiert, das Bild via App an die Spielleitung versendet. Daraufhin ist der Ort „verbrannt“ – keine andere Gruppe hat dann mehr die Möglichkeit, Punkte für dieses Objekt zu be- kommen. Daniel verweist darauf, dass es sinnvoll sein könnte, sich vorab eine Strategie zu überlegen.

Fusion und Vorurteile

Meine Gruppe, die Partysanen, schlendert los und fusioniert zuerst temporär für eine Baumkonstellation, dann dauerhaft mit den Kickrollern – die Kick-Partysanen sind geboren, um sich den Sieg einzufahren (ein Kasten aus Limo und Bier sowie ewiger Ruhm). Kurzerhand verfestigen sich die Rollen in der Gruppe: Zwei Personen mit Smartphone machen Fotos und geben neue Informationen durch, zwei übernehmen die Mappen mit den Objekten, eine Ortskundige kümmert sich um Navigation und der Rest sich darum, die Leute anzusprechen. Das ist nämlich der Clue an dem Spiel: Je großräumiger das Objekt, das von Menschen umstellt, umlegt oder umkniet werden muss, desto mehr Punkte. Wir schaffen es, einen Haufen Leute vom Brückenplatz zu mobilisieren, die dort sonst Bier trinken und legen uns um eine Grünfläche vor einem Café mit Menschen, von denen ich eigentlich gedacht hätte, sie wären Teil der Duisburger Mafia. Verbinden mit ausgestreckten Armen Spiegel in einer Passage, und kassieren Bonuspunkte für den Security-Mitarbeitenden, den wir überreden konnten mitzumachen. Als Endpunkt ist der Rheinpark gesetzt, beim Streifen dorthin durch Gassen und Straßen fällt mir die schöne Architektur Hochfelds auf, formiert aus Jugendstil-Häusern, im Erdgeschoss versetzt mit kleinen Cafés oder türkischen Bäckereien. Im Rheinpark muss uns dann eine grillende Großfamilie helfen, mit Hand und Fuß einen Gemeinschaftsgarten zu umzingeln. Schließlich enden wir im Herzen des Rheinparks, wo Volxküche, Musik und Siegerehrung auf uns warten. Blues tönt vom DJ-Pult, die ersten Biere werden geleert und die Erst- bis Drittplatzierten erhalten Pokale, bestehend aus besprühten Backsteinen. Wir haben den goldenen Backstein nicht gewonnen und wünschten wir hätten uns für Bonuspunkte mehr angestrengt, eine Mauer nur mit Bärtigen zu umstellen.

Wozu der Spaß?

Game-Designer Daniel erzählt zur Organisation des Spiels: „Die Be Neighbours [Anm. de. Red.: Nachbarschaftsinitiative in Duisburg-Hochfeld] sind auf mich zugekommen, wir haben dann gemeinsam das Spiel entwickelt.“ Und weiter: „Die ganze Spielmechanik ist so ausgelegt, dass die Spielenden mit Passant*innen, Anwohnenden und auch den anderen Teams kommunizieren und zusammenarbeiten müssen. Gleichzeitig wird der Blick bewusst auf eher unauffällige Objekte im Stadtteil gelenkt.“ Was politische Forderungen hinter dem Spiel sein könnten, erklärt Daniel so: „Keine abstrakte Forderung; nehmt euch die Stadt und nutzt sie, lasst euch nicht verdrängen, schafft Freiraum, hinterfragt die Besitzverhältnisse, die Zugangsbeschränkungen und die Nutzungsformen.” Ich zumindest frage mich, wie Städte sonst noch zweckentfremdet werden können, wieso ich noch nie auf die Idee kam, nach Hochfeld zu gehen und weswegen man sich eigentlich nicht mit seinen Mitmenschen unterhält.