Poetisch gegen die Einsamkeit

Können Bäume betrunken sein? Mit dieser und anderen Fra-
gen beschäftigt sich der Roman Betrunkene Bäume. (Foto: rat)

Die Semesterferien stehen kurz vor der Tür. Und auch wenn viele Studierende sich in den kommenden Wochen noch durch Prüfungen und Hausarbeiten kämpfen müssen, sollte zwischendurch Zeit für ein bisschen Entspannung sein. Dabei wollen wir helfen – und stellen euch in den nächsten Ausgaben ein paar Kulturperlen vor. Tipp dieser Woche: Der Debütroman Betrunkene Bäume von Ada Dorian.

Eine Kleinstadt im tiefsten Sibirien: Der Obdachlose Wolodja kämpft gemeinsam mit seiner Laika-Hündin im arktisch-kalten russischen Winter ums Überleben. Da vermittelt ihm ein Bekannter ein ungewöhnliches Job-Angebot: Er soll einen deutschen Wissenschaftler durch die Wälder Sibiriens begleiten. „Bring ihn wohin er will, zeig ihm was er sehen will“ – so lautet der Auftrag.

Nach diesem kurzen Exkurs nach Sibirien geht es zunächst in die Großstadt Berlin. Dort lebt Rentner Erich alleine in seiner Wohnung. Der 80-jährige, alte Mann ist fast erblindet, hat oft Probleme sich aufrecht zu halten und ist eigentlich auf fremde Hilfe angewiesen – lehnt diese jedoch strikt ab. Trotz der gelegentlichen Besuche seiner Tochter ist Erich einsam und isoliert. Dann zieht die Oberstufenschülerin Katharina gegenüber ein. Auch sie ist einsam und isoliert. Ihr Vater hat die Familie verlassen, um in Russland zu arbeiten. Als Erich und Katharina sich schließlich treffen, scheinen sie zunächst nicht allzu viel gemeinsam zu haben. Nach und nach wird beiden jedoch klar, dass sie voneinander profitieren könnten. Aus dieser gegenseitigen Nutznießer-Schaft entwickelt sich bald eine ungewöhnliche Freundschaft, die beiden die Chance bietet, der Vereinsamung zumindest ein wenig zu entkommen.

Vielschichtiges Erzählnetz

Schon der Titel des Buches Betrunkene Bäume, macht neugierig. Diese Neugier wird im Verlauf der gesamten Geschichte aufrechterhalten. Ob- wohl die Handlung auf den ersten 200 Seiten mehr oder weniger dahin plätschert, schafft es Dorian, die Spannung nie einschlafen zu lassen. Im Gegenteil: Durch ihre poetisch, malerisch, fast metaphorische Sprache erzeugt die Schriftstellerin Charaktere und Orte, die einen nicht loslassen. Sie kreiert Bilder im Kopf, die wie ein Film vor dem inneren Auge ablaufen. Sowohl die Dialoge als auch die Hauptcharaktere selbst sind so realistisch gezeichnet, dass ihr Schmerz, Kummer und ihre Einsamkeit beinahe greifbar sind und man als Leser*in regelrecht mitfühlen muss.

Es ist besonders die Neugier daran, was hinter den betrunkenen Bäumen steckt, die wiederkehrenden Fragen rund um Erichs Vergangenheit, seine Beziehung zu Sibirien und die Zukunft Katharinas, die die Geschichte in raschem Tempo voranschreiten lassen. Dabei springt die Handlung immer wieder zwischen verschiedenen Erzählsträngen hin und her. Zunächst zwischen Erich und Katharina, später zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Doch am Ende fügt sich alles zusammen und formt eine Geschichte, die sich über mehrere Jahrzehnte entwickelt hat und bis in das Hier und Jetzt reicht. Eine simple Erzählstrategie, die Betrunkene Bäume, aber erst zu dem macht was es ist: ein erstklassiger Roman.

Und auch wenn manche Erzählstränge ins Leere laufen, so macht gerade das auch den Reiz des Romans aus: Nämlich die Lücken mit der eigenen Fantasie zu füllen. Allen voran auch deshalb, weil der Text so wunderbar poetisch geschrieben und ruhig erzählt ist. Nicht umsonst erklärte Klaus Kastberger, Jurymitglied des Ingeborg-Bachmann-Preises, dass Betrunkene Bäume „ein wunderschöner, ein perfekter Text“ sei. Und auch, wenn Dorian (bisher) keinen Preis erhalten hat, lässt sich sagen: Betrunkene Bäume ist ein rundum gelungenes Debüt.