Rassismus geht uns alle an

Wenn Pädagog*innen Rassist*innen werden – Fereidooni blickt auf die Auswirkungen im Lehrer*innenzimmer. (Foto: caro)

 

Unter dem Titel „Rassismus im Lehrer*innenzimmer“ lud am Mittwoch, 28. Juni, das Internationale Referat des AStAs zum Vortrag Karim Fereidoonis, Juniorprofessor für Didaktik der sozialwissenschaftlichen Bildung an der Ruhr-Universität Bochum, ein. Fereidooni stellte seine Studie zu Diskriminierungs- und Rassismuserfahrungen von Referendar*innen und Lehrer*innen vor, die er im Rahmen seiner Dissertation durchführte. Hierbei als auch in der anschließenden Diskussion betonte er: Rassismus geht uns alle an. 

Zu Beginn übte Fereidooni Kritik an dem Begriff „Migrationshintergrund“. Statt einzelne Individuen wahrzunehmen, pauschalisiere der Terminus und klammere die unterschiedlichen Migrationsursachen aus. Auch müsse man sich die Frage stellen, wie lange jemand als Person mit Migrationshintergrund bezeichnet werde. Oft diene es auch „als Füllwort für meistens negative Dinge“, so Fereidooni. Daher positioniert sich der Wissenschaftler für die Selbst- und gegen die Fremdbezeichnung und nutzt den Begriff in seiner Arbeit mit einfachen Anführungsstrichen

Indirekt, witzig, harmlos? 

Für seine Studie führte Fereidooni zunächst Pre-Interviews durch, anhand derer er einen Fragebogen konzipierte und diesen im quantitativen Teil seiner Untersuchung von 159 Referendar*innen und Lehrer*innen mit Migrationshintergrund ausfüllen lies. Danach führte er im qualitativen Teil der Studie Interviews mit zehn Personen – fünf mit und fünf ohne eigene Erfahrungen rassistischer Diskriminierung. Anschließend verglich er die Ergebnisse des quantitativen und qualitativen Teils. Im Fokus standen unter anderem die diskriminierungsrelevanten Differenzkategorien Geschlecht, Alter, Berufserfahrung und Unterrichtsfächer, sowie die rassismusrelevanten Differenzkategorien Herkunft, Sprache und Religion. Ausgehend von den Ergebnissen der Fragebögen, erfolgten Diskriminierungen zum Großteil indirekt, etwa in Form von Witzen und Anspielungen – und zur Zeit des Referendariats. Entgegen der Vermutung Fereidoonis waren die Diskriminierenden nicht vorwiegend Schüler*innen, sondern Kolleg*innen und Vorgesetzte. Gleichzeitig haben Mitglieder dieser Personenkreise aber auch am häufigsten Hilfe geleistet. 41 Prozent der Befragten gaben an, öfter als drei Mal und weniger als sieben Mal Diskriminierung erfahren zu haben. Generell wirkten sich die Erfahrungen negativ auf den Gemütszustand der Betroffenen aus. Je religiöser, je älter, und je akzentbehafteter die Sprache, desto öfter erfuhren die Befragten Rassismus.

Verallgemeinerungsfähig seien allerdings nur vier Punkte Fereidoonis Arbeit. Der Zusammenhang von Geburtsland und Diskriminierung: So seien vor allem Menschen aus Nicht-EU-Ländern betroffen. Der Beruf der Mutter spielt dabei beispielsweise eine große Rolle: Diejenigen, „dessen Mütter als Hausfrauen, ungelernte Arbeiterinnen oder Beamtinnen arbeit(et)en“, erführen häufiger Diskriminierung.Auch hinsichtlich der Muttersprache gibt es Unterschiede: Während Italienisch, Spanisch und Griechisch einen „Bildungswert genießen“, so Fereidooni, empfänden Personen mit Russisch oder Türkisch als Muttersprache öfter Diskriminierung. Zuletzt zeige sich auch bei Betroffenen eine erhöhte Interviewbereitschaft.

Werde ich diskriminiert?

Obwohl 40 Prozent der Befragten angaben, keine Diskriminierungserfahrungen in ihrem Berufsleben gemacht zu haben, sage dies nichts aus. Denn auch alle fünf Interviewpartner des qualitativen Teils der Studie, die sich diesen 40 Prozent zugehörig fühlten, schilderten eindeutig rassistische und diskriminierende Situationen. Dass sie diese nicht als solche bezeichneten, erklärte Fereidooni mit fünf Strategien: Blame the victim, Verharmlosung, Verleugnung, Unsicherheit und Eingeständnis. ‚Das war gar nicht so gemeint’, war das rassistisch?’ oder die vehemente Ablehnung der Opferrolle, weil man selbst bestraft habe, lauten die Begründungen, führte der Wissenschaftler aus.

In der anschließenden Diskussion ging es vor allem um sogenannte best practice-Strategien, das Kopftuch, interkulturelle Kompetenz und Neutralität. Wie man am besten mit (rassistischer) Diskriminierung umgehe, darüber kann der Referent basierend auf seiner Studie keine Aussage treffen, da zu wenige Personen befragt wurden und die Antworten hier sehr unterschiedlich ausfielen. „Es kommt auf den individuellen Fall an“, meint Fereidooni. Zwar sei rechtliche Hilfe eine Option, es gebe aber keine unabhängige weisungsbefugte Beschwerdestelle und die Beweisführung stelle oftmals ein Problem dar.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) forderte bereits 2015, es müsse mehr Lehrer*innen mit Migrationshintergrund an Schulen geben. Zwar sei dies grundsätzlich wünschenswert. Allerdings argumentiere man hier vor allem mit interkultureller Kompetenz, „was auch immer das sein mag“, meint Fereidooni. Den Personen werden zusätzliche Aufgaben, etwa Vermitteln, Dolmetschen und Integrieren zugeschrieben und daher nicht mehr als Individuum gesehen. In punkto interkultureller Kompetenz sei zudem zu sagen, dass es zwar toll sei, „wenn man sich bemüht, etwas zu lernen“. Jedoch würde in Trainings gelernt und Werkzeuge an die Hand gegeben, wenn jemand aus einem anderen Kulturkreis komme. Diesen gebe es aber nicht, weil er sich stetig wandele. Besonders bezogen auf Personen, die in dritter oder vierter Generation hier leben, meint der Wissenschaftler: „Ich kann nicht aufgrund der angenommenen Kultur Rückschlüsse auf das Verhalten ziehen.“

Gibt es Neutralität? 

Auf die Frage, ob er selbst Rassismus erfahren habe, gibt Fereidooni zu bedenken, dass man hierdurch den Wissenschaftler auf seine Betroffenheit reduziere und „scheinbar harmlose Fragen dazu führen können, dass Menschen sich unwohl fühlen“. Allerdings habe man ihm während seiner Arbeit auch vorgeworfen, nicht neutral sein zu können, weil er selbst Betroffener sei. Sein klares Statement: „Kein Mensch ist neutral.“ Daher gebe es auch keine wissenschaftliche Neutralität. Aus dem Publikum heißt es dazu: „Ich muss auch kein Tier sein, um mich für Tierrechte einzusetzen.“ Betroffenheit sei manchmal auch unsichtbar, führt Fereidooni aus. Heute gebe es Ausschreibungen, in denen es heißt, Frauen werden bei gleicher Eignung bevorzugt. Die Bevorzugung von Männern habe es – unausgesprochen – aber schon lange zuvor gegeben. Nicht weil der Mann besser war, sondern „weil der Habitus eine Rolle spielt“.

Immer wieder betonte Fereidooni, „Rassismus betrifft 100 Prozent unserer Gesellschaft“, da sie mit rassistischem Wissen aufgewachsen sei. „Es geht um Verantwortung, nicht um Schuld“, erklärt er weiter. Auch wenn es Unterschiede gebe zwischen dem heutigen Neo-Rassismus und dem biologischen Rassismus der Zeit des Nationalsozialismus, müsse man es „beim Namen nennen“. Aller ernüchternder Ergebnisse zum Trotz möchte Fereidooni den Lehramtsstudierenden im Publikum aber noch auf den Weg geben: „Glauben Sie nicht, dass sie in eine Horrorinstitution kommen. Sie machen auch positive Erfahrungen.“ [caro]