Schulfach Wirtschaft: Beschränkte Bildung

In einigen Jahren sollen Schüler*innen in NRW im Fach Wirtschaft unterrichtet werden. (Foto: fro)

Vergangene Woche tagte das Kabinett vom nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU) . Seine neue schwarz-gelbe Landesregierung strebt einige Änderungen an, vor allem in der Bildungspolitik. So möchte die Regierungskoalition neben Studiengebühren für Nicht-EU-Ausländer*innen (akduell berichtete) unter anderem das Fach Wirtschaft verpflichtend an Schulen einführen. Dabei handelt es sich um ein streitbares Konzept.

„Wir wollen Schülerinnen und Schüler besser auf eine selbstbestimmte Lebensgestaltung und einen erfolgreichen Berufseinstieg vorbereiten“, heißt es im gemeinsamen Koalitionsvertrag für die nächsten fünf Jahre. Seit Langem wird für einen stärkeren Bezug zur Lebensrealität und eine intensivere Aufklärung über wirtschaftliche Prozesse und auch Versicherungen geworben. Ökonomische Bildung sei ein unverzichtbarer Bestandteil der Allgemeinbildung. „Christdemokraten und Freie Demokraten werden daher an allen weiterführenden Schulen das Schulfach Wirtschaft etablieren, in dem unter anderem Kenntnisse unserer Wirtschaftsordnung ebenso wie Aspekte der Verbraucherbildung vermittelt werden“, führen die Regierungsparteien aus.

Was und wie Schüler*innen konkret ökonomische Bildung erfahren werden, steht also noch nicht fest. Bis zur endgültigen Einführung hat das Ministerium für Schule und Bildung des Landes NRW unter der neuen Bildungsministerin Yvonne Gebauer (FDP) noch etwas Zeit, einen Kernlehrplan auszuarbeiten. Frühestens 2020 sollen alle Schüler*innen im Fach Wirtschaft unterrichtet werden. Die Zeit werde man laut Koalitionsvertrag nutzen, um aus den Erfahrungen anderer Bundesländer und Schulen, an denen bereits jetzt das Fach unterrichtet wird, Grundlinien zu formulieren. Vor allem an Baden-Württemberg möchte man sich bei der Ausgestaltung orientieren. Dort wurde die Einführung des Faches schon vor Jahren von Rot-Grün beschlossen, seit 2017 findet der Unterricht mit fünf Stunden wöchentlich statt. Kritiker*innen wie Lobby Control warnten vor fehlendem oder einseitigem Unterrichtsmaterial, das nun verstärkt Verwendung finden werde. Bislang würden arbeitgebernahe Initiative den Markt dominieren und Schüler*innen eine plurale ökonomische Bildung verwehren (akduell berichtete).

Einseitiger Blick

Dabei ist bereits die Idee an sich, Wirtschaft als eigenständiges Schulfach einzuführen, problematisch. Schließlich erhebt das Fach den Anspruch, gesellschaftliche Phänomene lediglich aus ökonomischen Gesichtspunkten heraus erklären und bewerten zu können. Eine Themenreihe über die Griechenland-Krise und ihrer Ursachen würde bei rein ökonomischer Betrachtung zum Beispiel die sozialen und politischen Folgen für das Land außer Acht lassen oder sie relativieren. Und die entspringen zum Teil ökonomischen Überlegungen: Das neoklassische Mantra, Einsparungen im öffentlichen Sektor würden den Staatshaushalt entlasten und die Wirtschaftskraft des Landes beflügeln, bewahrheitete sich trotz immer stärkerer Sparmaßnahmen nicht. Die Folgen der nur marginal schrumpfenden Schuldenstandsquote sind verheerend. Im Bereich der Sozial- und Rentenversicherungen legt Griechenland den Bürger*innen drastische Sparmaßnahmen vor, die wiederrum von der Troika – eine Kooperation aus Europäischer Zentralbank, Europäischer Kommission und Internationalem Währungsfond – als Bedingung für weitere Kreditzahlungen gefordert wurden. Dabei kann auch die politische Legitimation der Troika kritisiert werden. Schließlich entscheidet sie über Angelegenheiten, die die Hoheitsrechte des griechischen Staates untergraben. Diese Aspekte im Unterricht außen vor zu lassen, wäre im Sinne einer umfassenden Bildung nicht zielführend.

Das Beispiel Griechenland zeigt anschaulich, warum Themen nicht bloß aus ökonomischer Sichtweise betrachtet werden sollten. Denn auch politikwissenschaftliche und soziologische Fragestellungen müssen berücksichtigt werden. Ökonomische Bildung verstärkt ins Curriculum aufzunehmen, ist ein sinnvolles Vorhaben. Doch existiert bereits ein Fach, das genau diese Aufgabe interdisziplinär erfüllen soll: Sozialwissenschaften. Das Fach speist sich aus Politikwissenschaften, Soziologie und Wirtschaftswissenschaften und ermöglicht einen multikausalen Blick auf verschiedene Themen.

Derzeit gibt es im gesellschaftswissenschaftlichen schulischen Feld ein ziemliches Wirr-Warr: Manche Schulen bieten nur Politik an, andere ergänzen ihr Angebot durch Wirtschaft und Sozialwissenschaften, wieder andere lehren ihren Schüler*innen das Kombifach Politik/Wirtschaft – und allesamt beinhalten wirtschaftswissenschaftliche Themenschwerpunkte, sowohl hinsichtlich des Wirtschaftssystems als auch Grundlagen des individuellen Wirtschaftens. Statt mit dem Schulfach Wirtschaft ein separates Fach einzuführen, das Thematiken lediglich aus einer ökonomischen Perspektive beleuchtet, würde Sozialwissenschaften eine umfassende Bildung fördern. Eine Stärkung dieses Faches wäre eine sinnvolle Alternative.