106 Minuten bedrückende Spannung

Dunkirk: In der Essener Lichtburg zu sehen (Foto: Lukas Müller)

Keine Stimmen, kein Geschrei. Nur Donnern, dass sich von Anfang an in das Mark der Kinobesucher_innen bohrt und die Panik der eingekesselten Soldaten langsam in den Kinosaal hineinträgt. So fühlt sich Christopher Nolans neuer Film Dunkirk an, der die Evakuierung Dünkirchens während des Zweiten Weltkriegs aus britischer Sicht nacherzählt. Kann der Film den Vergleich zu anderen Werken des Genres bestehen und wie sieht es bei der Debatte um seine Inhalte aus? Eine Rezension von Gastautor Lukas Müller.

Nach den üblichen Trailern und Werbebotschaften fallen die Vorhänge, der Film wird eingelegt. Als sie sich wieder öffnen, zeugt das kaum wahrnehmbare Flackern der Bilder davon, dass wir in das analoge Zeitalter zurückgekehrt sind. Vor dem Film noch ein kurzer Einspieler: Bilder von Celluloidbändern, die sich durch die Rollen eines Projektionsgerätes winden und vor seiner Linse entlang flitzen – alles untermalt von Ennio Morricones The Exstacy of Gold, einem Stück, dass Gedanken an die Glanzzeiten des epischen Kinos in Hollywood in den 60er Jahren heraufbeschwört und zugleich mit seiner Lautstärke Stimmung für das Kommende macht.

Warten auf den Untergang

Laut, fast schon ohrenbetäubend, geht es in der Hauptvorstellung weiter. Der Film öffnet mit einigen Momenten fast absoluter Stille, in denen ein paar alliierte Soldaten ziellos durch die Straßen wandern. Beinahe sofort wird sie jedoch durch das Donnern feindlicher Maschinengewehre zerstört – so laut, dass man das Gefühl bekommt, selbst in der Schusslinie zu stehen. Nachdem der letzte überlebende Brite die Flucht durch die französischen Linien an den Strand überstanden hat, öffnet sich das Sichtfeld zu einem bedrückenden Panorama und auch hier finden wir wieder fast absolute Stille. Kommuniziert wird nur über Blicke und Gesten, in denen dennoch das Grauen und die Verzweiflung schnell zum Vorschein kommen. Gruppen britischer Infanteristen stehen in Reih und Glied. Sie warten auf Schiffe, von denen nichts zu sehen ist. Sie warten ohne Murren auf ihr Schicksal, aber gleichzeitig auch ohne große Hoffnung; denn der Feind kann jeden Moment zuschlagen.

So geschieht es dann auch – die gespannte Stille wird wieder plötzlich unterbrochen. Dieses Mal ist es das Heulen deutscher Sturzkampfbomber, die aus dem Himmel herabstoßen und ihre Bomben auf die schutzlosen Menschen am Strand abwerfen, nur um Momente später wieder in den Wolken zu verschwinden.

Nach diesem Muster gespannter, drückender Stille unterbrochen durch brutale Lautstärke nimmt der Film seinen Lauf. Die Briten können nicht handeln, sind zunächst nur passive Teilnehmer an diesem Geschehen, und die Deutschen kommen als ein gesichtsloses, klinisches Böses daher, das fast schon wie eine höhere Gewalt sporadisch zuschlägt und jede Hoffnung im letzten Moment vereitelt. Die nur knapp umrissenen Protagonisten, die in den drei sich chronologisch aufeinander zubewegenden Handlungssträngen des Filmes agieren, sind dabei fast die einzigen, die diese Ohnmacht zu brechen versuchen. Da ist zum einen der Soldat am Boden (Fionn Whitehead), der Sisyphos gleich verzweifelt versucht, dem Strand zu entfliehen und immer wieder scheitert. Da sind die Piloten (insbesondere Tom Hardy) in ihren Jägern, die vergeblich versuchen, Frankreich zu erreichen und auf ihrem Weg immer wieder britische Schiffe verteidigen müssen. Und da ist schließlich die Crew (Mark Rylance als Vater und Kapitän) einer kleinen Wochenendjacht, die auf eigene Faust verbissen die belagerten Soldaten auf der anderen Seite des Kanals erreichen will. Die Schauspieler leisten durchweg hervorragende Arbeit und verschwinden dabei fast gänzlich hinter ihren Rollen. Hier werden keine liebenswerten Protagonisten, tragischen Antihelden oder theatralischen Bösewichter gezeigt – alles ordnet sich der methodisch vorangetriebenen Darstellung der Ereignisse unter.

Die Art und Weise, wie diese Stränge ineinandergreifen, ist beachtlich. Die Handlung wirkt chaotisch und unberechenbar, aber die Zuschauer_innen können ihr dennoch folgen. Getragen wird das Ganze durch eine hervorragende Kameraführung, die auf schnelle und zitterige Bilder verzichtet und stattdessen auf überlegte Einstellungen und viele panoramaartige Totalen setzt. Untermalt wird alles von einem evokativen Soundtrack, der die Spannung und den Zeitdruck, den die Charaktere auf der Leinwand spüren, unnachgiebig auf das Kinopublikum überträgt und manchmal in das Feuer der Geschütze überzugehen scheint. Es gibt keine Pause, keine Ruhe, nur das Fortschreiten auf ein Ende – an dem hoffentlich Erlösung wartet.

Alles für die große Leinwand

Als reines Kino-Erlebnis zieht dieser Film alle Register – er fesselt das Publikum und hinterlässt, zumindest audiovisuell, einen bleibenden Eindruck. Das Zusammenspiel von Ton und Bild ist nahtlos und offensichtlich auf die große Leinwand ausgelegt. Die Vorstellung im 70mm-Filmformat unterstreicht das Gesamtwerk durch die feinen Textur- und Farbtonunterschiede nachträglich und ist sicherlich die beste Art und Weise, Dunkirk zu erleben. Betrachtet man ihn also als Rückgriff auf das Kino von früher, als eine Art Hommage, dann muss gesagt werden: Sehr gelungen.

Auf der inhaltlichen Ebene schleichen sich allerdings einige Probleme ein. Der Ausgang der Story wird nicht überraschen – es ist schließlich überall nachzulesen, wie die Evakuierung Dünkirchens ausgeht und Nolan – der bisher vor allem für seine komplex strukturierten Blockbuster bekannt war – bleibt sich treu und begeht nicht den Fehler, über fiktive Einzelschicksale oder Liebesgeschichten wie in Michael Bays Pearl Harbor, einen artifiziellen Spannungsbogen aufzubauen. Dennoch gibt es einige Misstöne in seiner Symphonie des Grauens.

An einigen Stellen schwillt der Soundtrack plötzlich zu melodramatischen Höhen an und der Film kippt in eine patriotisch-schmalzige Stimmung. Auch ein paar Momente, in denen die Rettung in letzter Sekunde in bester Actionfilmmanier gelingt und aus einem Bootsbesitzer für einen Moment fast schon ein stoischer Actionheld wird, hätten nicht sein müssen. Dankenswerterweise gibt es nur wenige solcher Momente, aber sie unterwandern dennoch die Botschaft, die der Film haben könnte – auch wenn er sich in dieser Hinsicht vergleichsweise bedeckt hält: Er ist weder ein bombastisches Heldenepos wie Spielbergs Saving Private Ryan, noch eine nihilistische Reise in die psychologischen Untiefen des Krieges wie Coppolas Apocalypse Now. Er beeindruckt mit Bild und Ton, aber er regt nicht unbedingt zum Nachdenken an.

Ausgeblendete Beiträge

Neben einigen historischen Ungenauigkeiten ist für eine inhaltliche Kritik des Filmes weiterhin die Frage nach der Repräsentation der Soldaten im Film zentral. Die Franzosen und ihre Kolonialtruppen, die ohne Rücksicht auf das eigene Leben den Perimeter um die Stadt gehalten und damit die Evakuierung überhaupt erst ermöglicht haben, werden nahezu vollständig ausgeblendet – der Heroismus gehört fast ausschließlich den Briten. Und auch wenn auf britischer Seite nur eine kleine indische Logistikkompanie in Dünkirchen anwesend war, wäre zumindest ihre Erwähnung wünschenswert gewesen.

Sicherlich wäre es ebenso falsch gewesen, britische Commonwealth-Truppen einfach dort hinzu zu erfinden, wo keine gab – damit ist niemandem wirklich gedient. Aber es ist ebenso falsch, den Mythos des heroischen angelsächsischen Briten, der ganz allein und ohne Hilfe von außen im Angesicht der Übermacht eine Stiff upper lip (Britisches Wortbild für stoisches Weitermachen)  bewahrt und somit siegt, noch weiter zu stärken – er ist ohnehin schon stark genug.

Es stellt sich also im Anschluss dahin ein Stück weit auch die Frage, warum Filmemacher_innen und Studios sich weiterhin dazu entscheiden, die immer selben Schauplätze und Protagonisten zu zeigen, wenn es doch sicherlich noch andere Schauplätze und Gruppen gibt, deren Taten es sich lohnen würde, auf Film zu verewigen. Angefangen von den indischen und australischen Truppen, die in El Alamein mit gegen die Wehrmacht gekämpft haben, bis hin zu den unzählbaren Leistungen von Frauen, die weltweit in Industrie, Aufklärung oder direkt hinter der Front in Lazaretten mitgewirkt haben. Es bleiben viele Schauplätze unbeleuchtet – mal  abgesehen davon, dass kaum ein Film wirklich zu zeigen versteht, was Krieg für alle Beteiligten zuallererst bedeutet: Leiden, Verlust und Schmerz.

Fazit: Als cineastisches Erlebnis lohnt es sich auf jeden Fall, sich diesen Film im Kino anzusehen – im Idealfall in einer der Analog-Vorstellungen und auf einer möglichst großen Leinwand. Wer weniger Interesse an einer bildgewaltigen Erzählung hat und sich eher eine charaktergetriebene Geschichte wünscht, ist woanders besser aufgehoben.