kurzgefasst: Agent*in im Kreuzfeuer

Agent*in steht für Anti-Gender-Networks Information. Die Erstellung einer digitalen Sammlung über antifeministische Kampagnen, Organisationen, Ideologien und Akteur*innen sowie Begriffserklärungen – das hatten sich die 180 ehrenamtlichen Beteiligten an Agent*in auf die Fahne geschrieben. Keine drei Wochen war Agent*in – ein Online Lexikon-Projekt der Gunder-Werner-Institut der Heinrich Böll-Stiftung – im Internet, als es nach starker konzeptueller Kritik wieder vom Netz genommen wurde. Ein vorübergehender Zustand – die Redaktion möchte weiter daran arbeiten.

In die Kritik geraten ist es dadurch, dass es auch zu einzelnen Personen wie etwa Beatrix von Storch (AfD) oder den Autor Harald Martenstein Einträge gibt: Eine Art digitaler Pranger? Kritiker*innen kommen aus rechten sowie linken Lagern – die taz, die Süddeutsche Zeitung (SZ), Spiegel online, vice, der Tagesspiegel, Junge Freiheit und ze.tt berichteten etwa negativ über das Projekt. „Bedauerlicherweise hat die gewählte Form die gesellschaftspolitische Auseinandersetzung zu Antifeminismus überlagert“, so äußert sich Agent*in auf Facebook und deren stillgelegter Internetseite.

„Das ist auch eine Strategie – diese Art der Auflistung –, die man eher zum Beispiel von rechten Seiten kennt. Bedienen Sie sich da nicht der Mittel Ihrer Gegner?“, fragte auch der WDR 3 Kultur am Mittag-Moderator am 4. August im Gespräch mit Andreas Kemper, einem der drei federführenden Organisator*innen hinter Agent*in. Der Soziologe Kemper weist den Vorwurf von sich: „Nein, wir haben wie gesagt keine Auflistung, sondern ein Online-Lexikon, wo mit der Kategoriensuche genau wie bei Wikipedia – oder, um ein politisches Wiki zu nehmen, Lobbypedia – auch Personen über die Kategoriesuche gefunden werden können.“

Margarete Stokowski (Spiegel online, früher taz) zieht den Vergleich zu Wikimannia, einer Plattform von Maskulisten, die dort abschätzige oder auch beleidigende Einträge zu Feminist*innen veröffentlichen. Stokowski findet deutliche Worte: Was bringt dann diese merkwürdige Diskurssimulation im Geiste einer Grundschul-Klowand, auf der steht, wer alles doof ist?“ und wirft wichtige Fragen auf. Was passiert beispielsweise, wenn sich ein*e Autor*in weiterentwickelt? Oder nicht klar einzuordnen ist? Stecken sie dann für immer in der Antifeminismus-Schublade fest?

„Wir schreiben ja über Netzwerke und über Netzwerke kann man nicht schreiben, wenn man Personen völlig außen vor lässt. Und wir schreiben über Ideologien und auch Ideologien kann man nicht darstellen, wenn man die Personen, die diese Begriffe benutzen und weiterverbreiten, außen vor lässt“, erläutert Kemper weiter die Gründe ihres Vorgehens. Valide Argumente, ein „mulmiges Gefühl“ – so beschreibt es Kathleen Hildebrand von der SZ – bleibt jedoch.