Leo Fischer ist tot!

Nicht zu verwechseln mit der rechten Politikerin Erika Steinbach: Leo Fischer. (Foto: Titanic, mit Genehmigung von Leo Fischer)

Die Kalenderwoche 32 begann für den ehemaligen Chefredakteur der Titanic, Kolumnisten und Bundestagskandidaten der Partei Die Partei, Leo Fischer aufregend. Die Redaktion des Zeit-Magazin war an ihn herangetreten und hatte ihn eingeladen, ihren Twitter- Account @ZEITmagazin als Gastkolumnist für eine Woche zu betreuen. Den wechselnden Tweet-Leiharbeiter*innen wird freie Hand gelassen, was den Content ihrer Tweets angeht und das Magazin kündigte Fischer mit folgenden Worten an: „Satire darf alles!“ Am Ende war Mehmet Scholl tot, eine Atombombe explodierte in Nord Korea und das Experiment Leo Fischer als Twitterkolumnist wurde vom Zeit-Magazin abgebrochen. In seinem letzten Interview sprachen wir mit ihm über Julian Reichelt, Satire und Erika Steinbach.

akduell: Satire darf in Deutschland ja bekanntlich alles. Was hatte die Redaktion des Zeit-Magazins an der Qualität deiner Tweets auszusetzen, weswegen wurden sie entfernt und du ausgesperrt?

Leo Fischer: Zunächst hieß es, ich dürfte eigentlich alles – solange ich mir bewußt machte, daß ich immer auch fürs Zeit-Magazin spreche. Auch Titanic-Beiträge seien kein Problem. Ich sollte nur meine eigenen Beiträge mit dem Kürzel (lf) kennzeichnen. Entfernt wurden zwei Beiträge, in denen ich aktuelle Eilmeldungen parodierte: „Mehmet Scholl ist tot“ und „Lichtblitze über Pjöngyang“. Dies geschah auf ausdrücklichen Hinweis von Bild-Chef Julian Reichelt, der seine Zeit-Kollegen auch noch im Detail dirigierte: „Dieser [Tweet] ist noch nicht gelöscht.“ Dieser Aufforderung kamen sie nach, ohne nur eine Sekunde mit mir Rücksprache zu halten. Wenige Minuten später war auch das Paßwort des Accounts geändert, wiederum ohne Rücksprache.

akduell: Denkst du die Redaktion war sich im klaren darüber, was „Titanic-Beiträge“ sein könnten? Es scheint, als hätte sie jahrelang keine Ausgabe durchgeblättert.

Fischer: Ich fürchte, man hat sich da einfach in der Adresse geirrt. Schließlich kam das Zeit-Magazin in unserem Heft auch nie besonders gut weg.

Ein Tweet des Anstoßes von Satiriker Leo Fischer. (Screenshot: Twitter.com)

akduell: Julian Reichelt ist ja nun auch eine Speerspitze im bundesrepublikanischen Kampf gegen sogenannte „Fake News“. Kritisierst du es, dass die Redaktion des Zeit-Magazins seinem Beispiel folgte und die Hinweise ernst nahm?

Fischer: Über die Eilfertigkeit der Zeit-Kollegen bin ich wirklich überrascht – ich hätte da mehr hanseatischen Stolz vermutet. Daß sich ausgerechnet Reichelt – der jetzt zum Angriff auf Asylbewerber bläst und den rechtsnationalen Affen Zucker gibt – erfolgreich als das Gewissen des Internets ausgibt, ist peinlich genug, das er auch als solches ernst genommen wird, einfach lächerlich. Die Beschäftigungsverhältnisse für Journalisten in Deutschland sind allerdings so prekär, daß wahrscheinlich auch Zeit-Redakteure nicht auf Springers Schwarze Liste geraten wollen.

akduell: Wie hältst du dich denn über Wasser jetzt – nachdem du aus deinen Pflichten als Twitter- Gast-Kolumnist entlassen wurdest?

Fischer: Ich sammele weiter auf Patreon, dem Portal für gescheiterte Künstler und irrlichternde Politclowns. Außerdem kolumniere ich weiter für Titanic, Konkret, das Neue Deutschland und die Jungle World. Und ich lasse mir die Haare wieder von Mutter schneiden, das hilft auch.

akduell: Hättest du vielleicht vorher den Faktenfinder der ARD zu Rate ziehen sollen um deine Meldungen zu verifizieren? So hätte die Entlassung vielleicht verhindert werden können. Ich meine, die Redaktion einer großen deutschen Tageszeitungen zahlt doch sicherlich gut, wenn man ihr ihre Arbeit abnimmt.

Fischer: Der Faktenfinder wird bekanntlich leider nur aktiv, wenn Gefahr besteht, daß Israel irgendwo zu gut wegkommen sollte, das muss man verstehen. Über das Honorar beim Zeit-Magazin gebietet mir der Anstand zu schweigen – sagen wir es so: Für ein Magazin, dessen Anzeigenseiten bis zu dreißigtausend Euro kosten, hat es mich doch überrascht.

akduell: Das Thema #Dieselgate wurde schnell zur Nebensache als Nachrichten deiner Entlassung auf Twitter auftauchten. Denkst du der mediale Aufruhr um deine Person könnte die Bürger*innen zu sehr von wichtigeren Themen ablenken?

Fischer: Bestimmt. Aber gilt nicht auch das Sprichwort der Sioux: Eine Gesellschaft bemisst sich daran, wie sie mit ihren Schwächsten und ihren Satirikern umgeht. Diese Weisheit sollten wir ruhig wieder etwas näher an uns heranlassen.

akduell: Ein Software-Update rettet die deutsche Autoindustrie. Denkst du ein ähnliches Update könnte die deutsche Satire-, Medien- und Kulturlandschaft retten?

Fischer: Rettung würde ja bedeuten, es hätte schon einmal eine solche Landschaft in bewahrenswerter Qualität existiert. Im Gegenteil denke ich, sie wäre überhaupt erst herzustellen. Mit dem derzeit agierenden Personal kann das natürlich nicht gelingen. Nun hört man aber, daß immer mehr Bots die Aufgaben von Autoren und Redakteuren übernehmen. Vielleicht werden uns also die Maschinen retten, so wie in dem Film Terminator.

akduell: Politiker*innen sagen ja bekanntlich immer die Wahrheit. Thomas de Maizière zum Beispiel. Der wollte Ende letzten Jahres noch ein Abwehrzentrum gegen Desinformation einrichten. Sollte es vielleicht auch ein Abwehrzentrum für unpassende Satire geben und wer könnte dessen Chef werden?

Fischer: Julian Reichelt ist offenkundig unausgelastet, er scheint sich jedenfalls ununterbrochen auf Twitter aufzuhalten. Und durch ein Bild mit Gurke, in welchem er sich unserem Titanic-Model Zonen-Gaby annäherte, erwies er sich überdies als echter Satire-Connaisseur.

Bild.de-Chef Julian Reichelt äußert Kritik an Fischers Tweets. (Screenshot: Twitter.com)

akduell: Apropos Politiker*innen. Du bist selbst Bundestagskandidat der Partei Die Partei in Frankfurt. Seitdem deine Kandidatur feststeht, ziert eine Hommage an Erika Steinbach deine Social-Media-Profilbilder. Möchtest du die Lücke, die sie in Berlin hinterlässt, mit neuem Leben füllen?

Fischer: Über Jahrzehnte hinweg haben die Frankfurter Erika Steinbach in den Bundestag gewählt – aus Gründen, die ihnen wahrscheinlich selbst nicht ganz klar waren. Zudem wäre es einfach schade, wenn mit Steinbach die letzte Abgeordnete verschwände, die noch einen positiven Wehrmachtsbezug aufweist und die Grenzen Deutschlands auch nicht in Stein gemeißelt sieht. Auch das gehört zu unserer bunten Republik dazu.

akduell: Twitter ist unter hippen jungen Politker*innen wie dir, Peter Altmaier, Donald Trump und der eben genannten Steinbach, sehr beliebt. Wie holst du deine Community immer wieder ab – Stichwort Authentizität – und was grenzt dich von Low-Energy Performern ab?

Fischer: Man darf nie in Muster verfallen, muß sich in jeder Kalenderwoche neu erfinden. Hier habe ich den Learnings der Business-Gurus Dax-Werner und Startup-Claus viel zu verdanken. Und: Man darf im Internet auch Schwäche zeigen. Ich tweete zum Beispiel bewußt immer dann, wenn ich betrunken bin. Einfach, um zu zeigen, daß meine Ideen auch dann noch funktionieren.

akduell: Titanic-Chefredakteure gehen nach ihrer Tätigkeit oft interessante Wege. Einer sitzt im europäischen Parlament, ein anderer ist zum Feind nach China übergelaufen. Was hat die Zukunft für dich „in petto“?

Fischer: Ich möchte eigentlich, daß alles so bleibt, wie es ist. Das sage ich auch als Frau und Konservative. Oder, um es mit Hermann Dose zu sagen: Hoffnung ist von gestern, the future is NOW!

Kurz nach dem Interview wurde das Büro der Titanic in Pjöngyang von einer Atombombe getroffen. Leo Fischers letzte Tweets können auf http://www.twitter.com/leogfischer nachgelesen werden.