@lichtenhagen_92: Digitales Mahnmal in 140 Zeichen

Das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen. (Foto: Anne Roth/ flickr.com/ CC BY SA 2.0)

Vom 22. bis 25. August jähren sich die Pogrome auf Bewohner*innen des Viertels um das sogenannte „Sonnenblumenhaus“ in Rostock-Lichtenhagen zum 25. Mal. An jenem Wochenende belagerten tausende Menschen die Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber (ZASt). Erst wurden Roma angegriffen, dann flogen Steine, dann Brandsätze auf ein Wohnhaus für ehemalige Vertragsarbeiter*innen aus Vietnam, die sich auf das Dach flüchten konnten. Neonazis drangen in das Gebäude ein. Die Polizei zog sich zurück. Nur durch ein Wunder musste niemand sterben. Der Twitter-Account @Lichtenhagen_92 rekapituliert den Pogrom in Echtzeit – 25 Jahre später.


„Lichtenhäger Kessel brodelt – Anwohner fordern Schließung des Asylbewerberheims“, setzt sich in weißer Schrift von der Printseite der Norddeutschen Neuesten Nachrichten ab. Darüber twittert @Lichtenhagen_92: „Die #NNN @NNNonline vom 21.08.1992, Seite 11 #lh92 #Rostock #Lichtenhagen“. Stündlich werden in den kommenden Tagen Lokalzeitungen, Abendnachrichten, Polizei, Feuerwehr und antifaschistische Unterstützer*innen als Quellen zitiert, um das zu beschreiben, was während des rassistischen Pogroms 1992 in Rostock geschah.

Hinter dem digitalen Mahnmal steht der unabhängige Verein Soziale Bildung e.V. aus Rostock, der bisher in der politischen Jugendbildung aktiv war und vom Kulturamt der Stadt finanzielle Unterstützung erhält. Unter dem Projektnamen „Lichtenhagen im Gedächtnis“ soll die Erinnerung an den Pogrom erhalten werden, sagt Christoph Schützler vom Verein. Ziel der Tweets sei vor allem auch die Kritik an den damaligen Verantwortlichen: „Aus der Chronologie der Ereignisse ergibt sich sehr deutlich das Versagen von Politik, Verwaltung und Polizei. Durch den Account können wir zeigen, welche Fehler gemacht wurden und wer nicht gehandelt hat.“

Das Archiv hinter den Kurzmeldungen

Der Twitter-Account ist nur ein kleiner Teil der Arbeit. Im Peter-Weiss-Haus in Rostock legt der Verein gerade ein Archiv an, das 300 Dokumente aus der Zivilgesellschaft sowie 800 Presseberichte umfassen soll. Darin wird in Vor-, Ereignis- und Nachgeschichte unterschieden, bisher nicht erschlossene Materialien sollen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Aus diesem Archiv stammen die Meldungen und Schlüsselereignisse, die der Account @lichtenhagen_92 tweetet. In einem Raum neben dem Archiv soll außerdem politische Bildungsarbeit angeboten werden.

Der Verein geht durchaus kritisch mit dem eigenen Projekt um. Aus der Aufbereitung der Quellen entspringe keine historische Wahrheit: „Zum Einen wurden die Dokumente durch die Akteur*innen selbst teilweise erst im Nachhinein produziert (Protokolle, die z.B. durch die Polizei erst am Folgetag angefertigt wurden), zum Anderen bedeutet auch die Aufbereitung durch Dritte trotz der Einhaltung wissenschaftlicher Standards eine neue Kontextualisierung und keine „reine“ Wiedergabe vermeintlich objektiver Fakten“, steht auf der Homepage des Projekts Lichtenhagen im Gedächtnis. Mit den Tweets solle außerdem keine einheitliche und abgeschlossene Geschichte erzeugt werden, sondern sich im besten Falle Fragen zur Geschichte aufwerfen.

So sieht ein Tweet des Accounts @Lichtenhagen_92 aus. (Screenshot: twitter.com)

Noch keine Stimme von Betroffenen

Und noch etwas ist kritisch zu sehen: Weder beim Archiv noch beim Account wird die Betroffenenperspektive der damals angegriffenen Menschen in der ZASt und den angrenzenden Wohnhäusern wiedergegeben. „Wir haben versucht, direkt Betroffene mit einzubeziehen. Das ist leider nicht geglückt“, so Schützler von Soziale Bildung e.V.. „Es ist ein deutlicher Kritikpunkt von vielen Seiten, dass bisher zu wenig versucht wurde, auch Betroffenen Gehör zu verschaffen.“ Das hat in Rostock Tradition. Auf den öffentlichen Gedenkveranstaltungen der Stadt durften Betroffene in der Vergangenheit teilweise nicht mal das Wort ergreifen. Mitglieder der Minderheit der Roma, die mit zu den ersten Angegriffenen gehörten, wurden von Offiziellen gar nicht eingeladen. Ihre Perspektive hinterlässt eine Leerstelle.

Tatsächlich haben bisher nur wenige Überlebende über den Pogrom gesprochen. Aber es gibt auch Initiativen, die sich explizit mit dieser Perspektive auseinandersetzen wollen. So etwa Mai-Phuong Kollath – ehemalige Bewohnerin des in Brand gesteckten Hauses in Lichtenhagen – sie will die Betroffenen nochmal aufsuchen, um ihre Geschichten zu sammeln, erzählt sie der taz im Interview.

Die Tweets von @lichtenhagen_92 werden jedenfalls bundesweit im digitalen Gedächtnis bleiben. Nicht so wie die Gedenktafel von Aktivist*innen um Beate Klarsfeld, die 1992 von der Stadt Rostock entfernt wurde. Oder die stadteigene Gedenktafel am Rathaus, die wiederum 2012 mutmaßlich von Neonazis demontiert wurde. Jetzt nimmt die Stadt Rostock übrigens einen neuen Anlauf und stellt in dieser Woche gemeinsam mit dem Künstler*innenkollektiv Schaum fünf Stehlen als Mahnmale in der Stadt auf.

Der Rassismus und die rechte Gewalt in Deutschland sind trotz Mahnmalen geblieben. Laut Zahlen des BKA wurden im Jahr 2016 wieder 921 Angriffe auf Asylunterkünfte gezählt. Ähnlich wie in den Neunzigerjahren geht auch heute eine rassistische Stimmung durch das Land, die Politik reagiert wieder mit Asylrechtsverschärfungen. Wer dem Account @Lichtenhagen_1992 folgt, sieht gefühlt vier Tage lang dem rassistischen Pogrom vor 25 Jahren zu – im Netz statt im Fernsehen. Das sollte nun endlich einen bleibenden Eindruck hinterlassen: Dass so etwas eigentlich nicht geschehen darf. Weder 1992 noch 2017.