Sexismus auf Alpha

200 Millionen Dollar wurden für den US-Film Valérian (im Originalcomic: Valérian und Laureline) aufgebracht, der seit Ende Juli in deutschen Kinos zu sehen ist. Basierend auf einem französischen 21-Folgen-Comic, ab 1967 veröffentlicht, hat Regisseur Luc Besson bis 2017 gewartet, damit die technischen Neuerungen der Filmindustrie den Ansprüchen der Sci-Fi-Welt um die Stadt der tausend Planeten genügen. Eine feministische Kritik des 3D-Dramas.

Figuren in Kinofilmen dienen noch immer als Vorbilder, so auch Laureline und Valérian. (Foto: mllu92/flickr.com/CC BY-SA 2.0)

Die Zuschauenden tauchen vorab auf Muel ab, dem Sandplaneten der „Pearls“: Silberne Menschenwesen mit Diademen tragen goldene Perlen in Körben am Strand herum und glitzern, wenn sie sie berühren. Ihre glänzende Idylle am Meer wird kurzerhand von Unbekannten zerbombt, die Protagonistin der Pearls, Lihö-Minaa, stirbt. Die Kinobesuchenden landen mit dem Schwall der glitzern-zerberstenden Prinzessin direkt im Kopf des erwachenden Valérian (Dane DeHaan). Gerade pausiert er mit Laureline (Cara Delevigne) in einer programmierten Welt, die an die Karibik erinnert, beweist seine körperliche Überlegenheit und wirft Laureline auf eine Strandliege. Die persönliche Story der beiden Föderalagenten ist schnell erzählt: Valérian, eigentlich Aufreißer, will Laureline heiraten, sie hält ihn für zu unreif. Mehr Zeit bleibt vorerst nicht, weil sie den Urlaubsort für einen Auftrag verlassen müssen.

Mittlerweile befinden sich die Protagonisten in einem Raumschiff Richtung Alpha, der Stadt der tausend Planeten, wo Menschen die Überhand besitzen. Die beiden treffen sich mit einem hohen General der Föderation, er spricht von einer wirtschaftlichen Rezession und Handlungsbedarf. „Gentleman, Laureline, viel Glück“, lässt er zu der größtenteils männlichen Crew verlauten und gibt Laureline in Care-Arbeit-Manier den Transmutator, ein kleines Monster um darauf aufzupassen, das auch schon auf dem Planeten der Pearls zu sehen war. Das Monster besitzt die Fähigkeit, was immer es isst, zu duplizieren. Von Pilotin Laureline tönt: „Mit dir müsste ich mal auf Shoppingtour gehen”, was nicht die einzige stereotype Drehbuchanweisung bleibt. „Das ist nicht schön, ich brauche eine  Maniküre”, oder “jetzt hat er mir mein Kleid versaut”, sind – neben ganzen Szenen in denen sie erschrocken oder besorgt gucken muss – nur Fragmente. Die im Netz vieldiskutierte Frage nach der schauspielerischen Leistung Delevignes muss einen sexistischen Rahmen berücksichtigen.

Action und Feminismus?

Die Story ist eingeleitet und die Action beginnt: Der Auftrag Valérians und Laurelines ist vorerst, auf einen Commander aufzupassen. In einer riesigen Sandwüste, von bunten Wolken umrahmt, springen beide auf das Raumschiff, Laurelines Kleid fliegt dabei hoch. Sie gehen durch bunte Dimensionsportale und enden in Paradise Alley – einer Las-Vegas-Cyber-Markthalle, wo sie als Touristen verkleidet jemanden aufspüren sollen. „Du hältst Wache, ich werf mich ins Getümmel“, sagt Valerian zu Laureline und beschreibt den darauffolgenden Action-Plot perfekt. In einer riesigen interstellaren Baustelle liefert sich Valérian eine Verfolgungsjagd mit einem schleimigen Händler, riesige Murmeln bersten in Hologrammen, Laureline sitzt in Bikini-Kleid im Raumschiff und gibt Koordinaten durch. Die Kugeln Valérians treffen den unbekannten Angreifer erst, als er in die rote Zone geht: feindliches Gebiet, er gilt als verloren. Laureline erhält vom General den Auftrag, im Föderationsgebiet zu bleiben. Sie emanzipiert sich, übergeht den Befehl und sucht in der roten Zone Valérian, während um den General und die Pearls immer mehr Seltsamkeiten aufkommen.

Nach kurzem Streit, weil Valerian nach erfolgreicher Rettung nicht dankbar genug war, streifen die beiden weiter durch Paradise Alley und werden von einem besoffenen Piraten ins Rotlichtmilieu des Planeten verfrachtet, wo Rihanna alias Bubble eine Show für sie tanzt. Als Zimmer- und Schulmädchen, Catwoman – ihre Fähigkeit ist Gestaltwandeln, ihr Lebenselexier die sexuelle Präsentation. In der Welt der Generäle, Schurken und Hierarchien, wo Befehle, Härte und Kampf die Normalität darstellen, sind Laureline und Bubble die einzigen Frauen und Personen, die Momente der Emotionalität in den Film einführen. Bubble weint, weil ihr „eine eigene Persönlichkeit“ erwehrt werde, da wo sie herkommt; Sie hätte nicht einmal einen gültigen Pass und fragt schließlich eindringlich, ob Valérian ihre Show mochte.

Silber auf Ruß

Auch das Ende des Films, das szenisch in einer rostigen Fabrik stattfindet, ist geprägt von diesem Muster. Valérian und Laureline treffen auf überlebende Pearls, die sich in der roten Zone versteckt halten. Das Letzte, was sie brauchen, um ein selbstgebautes Schiff anzutreiben, ist der Transmutator – das Monster, das ihre Perlen vervielfältigt. Valérian will es ihnen nicht geben, bezeichnet es als Regierungseigentum und versteht sich als Soldat, der nach Regeln spielt. Für Laureline hingegen sei genau das der Grund, ihn nicht zu heiraten: er verstehe nicht, dass Liebe mächtiger als alles sei, so wie das daraus resultierende Vertrauen in Menschen. Aus diesem Konflikt löst sich schließlich in einem Countdown um Leben und Tod das Rätsel um die Ermordung der Pearls, die Rolle des Commanders, einem Soldaten, der „den Tod einer Demütigung vorzieht“ und der fehlenden Dokumentierung der Auslöschung einer Rasse.

Teilweise weist der Film kritische Momente auf, zum Beispiel als Valerian Soldaten verprügelt, selbst Befehle bricht und sich seine mangelnde Fähigkeit, Schwäche zu zeigen, eingesteht. Auch, als Laureline sagt, verprügeln hätte Valerian von ihr gelernt; Im Kontext des Films jedoch verbleibt sie damit als Kronzeugin ihrer verschleierten Unterdrückung.

Aus dem Comic von Pierre Christin und Jean-Claude Mézière, der bildgebend für die heutige Science-Fiction-Welt bezüglich Planeten, interstellaren Hierarchiekonzepten, Technologien und dem Zusammenleben von Menschen und Aliens ist, wird in der Verfilmung ein Kriegsdrama, von wirtschaftlichem Zerfall angetrieben. Korruption und Soldatentum, eingebettet in eine Welt des Konsums, in der materielle Ungleichheit mit dem Manko einer „eigenen Persönlichkeit“ gleichgesetzt wird, vermag nur Laureline kurzzeitig aus der neoliberal-rationalen Welt auszubrechen – sobald sie in die männliche Actionwelt eintaucht, ist ihr das jedoch nur mit einhergehender Sexualisierung und „weiblichen“ Dialogfragmenten genehmigt. Als glorifiziertes Ziel und ewige Glücksbeschwörung gilt: die heterosexuelle Paarbeziehung in Form von Ehe, nachdem der Mann lernt (im Gegensatz zur Frau, der es nicht schwerfällt) monogam zu leben. Die Welten dahinter, eigentlich faszinierende Fiktion über Andersartigkeit, werden nur kurz angerissen und verschwimmen in der Präsentation männlicher Action und weiblicher Sexualität.