UDE ernennt neuen Mercator-Professor

In diesem Jahr geht die Mercator-Professur an Alfred Grosser. Der Publizist und Politologe ist bekannt für sein Engagement für die deutsch-französische Verständigung, wird aber auch immer wieder wegen seiner Ausführungen zu Israel kritisiert.

Alfred Grosser kommt an die UDE. (Foto: Das blaue Sofa/Club Bertelsmann/flickr.com, CC BY 2.0)

Seit 1997 vergibt das Rektorat der Universität Duisburg-Essen die Mercator-Professur, die „das wissenschaftliche Vermächtnis des berühmten Duisburger Kartographen und Universalgelehrten aus dem 16 Jahrhundert“ wach halten soll. Die Professur verpflichtet zu insgesamt zwei Vorträgen – in Duisburg und in Essen. Die Grundidee sei, „Weltoffenheit und debattenanregende Beiträge zu wichtigen Zeitfragen“. In der Vergangenheit kamen so schon Persönlichkeiten aus Bereichen wie Politik, Kultur und Wirtschaft an die UDE, wie etwa Margarethe von Trotta. Mehrfach standen Mercator-Professor*innen aber auch in der Kritik, wie etwa Alice Schwarzer und Peter Scholl-Latour.

Rektor Ulrich Radtke freut sich über die Ernennung Grossers: „Ich freue mich sehr darüber, dass Alfred Grosser den Ruf angenommen hat. Er ist ein großer Europäer, der sich sehr um die deutsch-französische Verständigung verdient gemacht hat. Er verknüpft historische Erkenntnis mit kluger Weitsicht und lädt dazu ein, sich für die europäische Idee zu engagieren.“ Mit Grosser bliebe erneut die Grundidee der Professur gewahrt.

Für ein vereintes Europa

Als Sohn deutscher Jüd*innen wuchs Grosser in Frankreich auf, erlebte aber als Kind selbst noch die Verachtung gegenüber Jüd*innen. Nach seinem Studium der Germanistik und Politikwissenschaft wählte Grosser zunächst eine Karriere in der Wissenschaft – lehrte am Institut d’études politiques de Paris und war Studien- und Forschungsdirektor an der Fondation nationale des sciences politiques. Erfolge feierte Grosser danach vor allem als Publizist und Autor und wurde für seine Arbeit mehrfach ausgezeichnet – zuletzt 2014 mit dem Henri-Nannen-Preis für sein publizistisches Lebenswerk.

1975 erhielt Grosser den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. In seiner Laudatio erklärte Paul Frank: „Sein leidenschaftlicher Wille, immer das Recht – oder das Unrecht – beider Seiten zu sehen, das der Deutschen und der Franzosen, der Gläubigen und der Ungläubigen, der Europäer und der Amerikaner, seine Überzeugung, daß man die Fähigkeit haben müsse, sich mit den Augen des anderen zu sehen, kurz, sein Wille zur Gerechtigkeit, sie hängen wohl mit seiner Herkunft zusammen.”

Die Universität freut sich, dass Grosser aktuelle Themen ansprechen werde, „die uns alle angehen: nämlich die politische und gesellschaftliche Entwicklung eines vereinten Europas sowie die Deutschlands und Frankreichs im Besonderen“, so Ulrike Bohnsack von der Pressestelle. Im Hinblick auf die Vorträge Grossers betont Bohnsack, das Publikum sei eingeladen, „rege mitzudiskutieren und sich (…) auszutauschen”. Am 18. Oktober wird sich Grosser im LX Audimax in Duisburg ab 18 Uhr mit dem Thema „Was ist Europa: Gestern, Heute, Morgen“ beschäftigen. In Essen wird er am 22. November ab 18 Uhr im neuen Audimax über „Wahlen: Hoffnungen und Wirklichkeit – Deutschland und Frankreich 2017“ referieren. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung ist auf der Uni-Homepage möglich.

Zwischen Israelkritik und Antisemitismus

Aufmerksamkeit erlangt Grosser auch immer wieder wegen seiner Haltung zu Israel. In der Welt heißt es, Dieter Graumann, ehemaliger Präsident des Zentralrats der Juden, werfe Grosser vor, er „werde nicht müde, die Lage der Palästinenser mit den Gräuel von Auschwitz zu vergleichen“. Und damit also NS-relativierende Aussagen zu treffen. Seine Meinung fasste Grosser unter anderem 2007 in seinem Aufsatz „Warum ich Israel kritisiere“ zusammen. Dort bemängelt er unter anderem, dass kritische Äußerungen im Bezug auf Israel ungern gesehen werden. Offen steht er auch zu Martin Walsers Aussage, sobald Deutsche sich kritisch zu Israel äußern, würde die ‚Auschwitz-Keule‘ rausgeholt.

In einem Stern-Interview von 2007 erklärt Grosser seine Kritik: „Solange Palästinenser an der Mauer gedemütigt werden, solange ein palästinensischer Staat unmöglich ist, weil die Siedlungen und die Straßen nur für Israelis sind, solange eine territoriale Kontinuität unmöglich ist, wird Israel nicht in Frieden leben. Auf Dauer kann man mit Gewalt allein nicht regieren.“ Seiner Meinung nach fördere die Politik Israels den Antisemitismus. Kritiker*innen sehen darin die Gefahr, Antisemitismus zu legitimieren und rationalisieren. Dass Kritik an Israel oftmals mit Antisemitismus gleichgesetzt werde, kann Grosser nicht verstehen: „Ich habe immer gegen Antisemitismus gekämpft. Und ich werde es immer tun! Aber Israelkritik per se mit Antisemitismus gleichzusetzen – das ist falsch und führt in die Irre.“ Einen Konflikt zwischen der Grundidee der Mercator-Professur, dem Uni-Slogan „Offen im Denken“ und der Israelkritik Grossers sieht die Universität nicht. „Offen im Denken heißt, dass man die Meinungsfreiheit eines jeden respektiert und andere Meinungen als Anregung zum Reflektieren nimmt“, so Bohnsack.