Wissenschaftlicher Hokuspokus?

Homöopathie und Alternativmedizin erfreuen sich immer größerer Beliebtheit, obwohl naturheilkundliche Medizin mit dem Vorwurf konfrontiert wird, nicht wissenschaftlich zu sein. Trotzdem hat sich an der Medizinischen Fakultät der Universität Duisburg-Essen (UDE) ein Institut für Naturheilkunde etabliert. Am Wochenende vom 17. bis zum 19. August lädt es zu einem Intensivkurs „Integrative Gastroenterologie“. Brisant dabei: Das Institut erhält  von Interessengruppen finanzielle Unterstützung.

Der Lehrstuhl für Naturheilkunde und Integrative Medizin ist auch in den Kliniken Essen-Mitte tätig. (Foto: fro)

Drei Tage sollen Medizinstudierende und Assistenzärzt*innen auf einer Veranstaltung vom Lehrstuhl für Naturheilkunde und Integrative Medizin der UDE naturheilkundliche Therapiemöglichkeiten bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen und Reizdarmsyndromen nähergebracht werden. Neben den typischen Behandlungsmethoden bei CED – wie Magen- und Darmspiegelungen, Medikamentenvergabe, Operationen und Ernährungsberatung – sollen auch Naturheilkundeverfahren vorgestellt werden. In einem Informationsflyer für Patient*innen heißt es: „Die integrative Medizin beruht auf einer Kombination aus der etablierten sogenannten Schulmedizin und Verfahren der wissenschaftlich anerkannten Naturheilkunde und der Mind-Body-Medizin.” Auf der Tagung werden auch Qigong, Wickel und Güsse sowie Pflanzenheilkunde angesprochen. Sie sollen bei der Heilung unterstützen.

Mind-Body-Medizin bedeutet, dass neben der Schulmedizin auch sogenannte „Ordnungstherapien” zum Einsatz kommen, die Stress abbauen und zu einer gesünderen Lebensführung beitragen sollen. Besonders bei Darmerkrankungen ist Stress ein Faktor, der die Krankheiten ausbrechen lassen oder verschlimmern kann. Die Kombination von Schulmedizin und stressabbauenden Methoden sei daher ratsam. Naturheilkunde geriet in der Vergangenheit vor allem dann in die Schlagzeilen, wenn sie von nicht ausgebildeten Therapeut*innen als Ersatz für Schulmedizin angewendet wurde und Patient*innen deshalb im schlimmsten Fall starben – das ist in Essen nicht der Fall.

“Die Hauptgefahr von alternativen Therapieverfahren ist deren unkritische Anwendung, insbesondere durch medizinische Laien”, schreibt auch Jost Langhorst, Leitender Arzt des Bereichs Integrative Gastroenterologie der Klinik Essen-Mitte, in der Fachzeitschrift Journal für Gynäkologische Endokrinologie. Was er nicht erwähnt: Auch die Naturheilkunde-Abteilung der Essener Kliniken wendet Therapiearten an, die nicht nachgewiesen wirksam sind oder gar den Pseudowissenschaften – also nicht wissenschaftlichen Verfahren – zugerechnet werden. Zu letzterem gehört das Schröpfen, bei dem mit einem Glas und Hitze ein Unterdruck auf wissender Haut erzeugt wird. Auch zur Neuraltherapie – dem Spritzen eines lokalen Betäubungsmittels, das sich im vegetativen Nervensystem ausbreiten soll – gibt es nicht genügend Studien, um eine Wirksamkeit nachzuweisen. Trotzdem wird sie laut Informationsflyer ebenfalls in Essen angewandt. Wenn keine Wirksamkeit nachgewiesen werden konnte, sprechen Naturheilkundler*innen stattdessen oft von einer „positiven Wirkung”, um die Behandlungen dennoch anpreisen zu können.

Menschen, die an chronisch entzündlichen Darmerkrankungen leiden, haben in der Schulmedizin oft wenige Behandlungsmöglichkeiten:  Sie können entzündungshemmende Mittel, Cortison oder Präparate, die die Leistung des Immunsystems verringern – das statt Krankheiten von außen ihren eigenen Körper angreift – einnehmen. Neben den Symptomen der Krankheit sind es vor allem die Nebenwirkungen dieser Medikamente, die einige Betroffene dazu treiben, an hoch spekulativer Forschung teilzunehmen. 2012 wurden so zum Beispiel auch Patient*innen in Essen Eier des Schweinepeitschenbandwurms eingesetzt, um die Darmerkrankung Morbus Crohn zu behandeln. Während sich die Klinik über die „positive Wirkung” freut, ist die Methode wissenschaftlich nicht als wirksam erwiesen.

Obwohl die als unwissenschaftlich kritisierte Alternativmedizin Raum an der UDE bekommt, brüstet sich die Universität in ihren Leitprinzipien damit, Studierende nach  wissenschaftlichen Qualitätsstandards auszubilden. Die Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP) bemängelt zum Beispiel, dass moderne Erklärungen für Krankheiten außer Acht gelassen würden und indische Heilkunst Ayurveda – die in Essen auch einbezogen wird – im Allgemeinen kaum mit schulmedizinischen Erkenntnissen vereinbar sei. Mittlerweile seien Ayurveda und andere naturheilkundliche Praktiken auch im europäischen Raum angekommen. Aber während im indischen Raum staatlich reglementierte Universitätsstudien für die Tätigkeit eines praktizierenden Lehrmeisters befähigen, gibt es in Deutschland keine einheitliche Regelung. Neben Ärzt*innen und Heilpraktiker*innen bieten auch medizinisch vollkommen ungeschulte Masseur*innen oder Kosmetiker*innen Ayurveda-Behandlungen an.

Finanzierung durch Interessengruppen

Zum Teil findet an der UDE nicht mal eine Reflexion der Forschungen statt: 2010 wurden in Essen 28 Patient*innen therapiert, die an einer chronischen Verengung des Wirbelkanals im Lendenbereich leiden. Behandelt wurden sie mit einem aggressiven Pflaster, das mit Cantharidin – ein Inhaltsstoff der spanischen Fliege – angereicht war und Verbrennungen zweiten Grades erzeugte, wie Thomas Rampp, Oberarzt in der Abteilung für Naturheilkunde und Integrative Medizin, gegenüber der Süddeutschen Zeitung (SZ) sagte. Innerhalb von zwei Wochen habe der subjektiv empfundene Schmerz der Patient*innen nachgelassen. Ob die Symptome nach einem Monat oder einem Jahr wieder auftraten, weiß man nicht. Auf weitere Untersuchungen habe man verzichtet, äußerte sich Rampp gegenüber der SZ.

Inhaber des Lehrstuhls für Naturheilkunde und Integrative Medizin an der UDE ist Gustav Dobos, der eine Stiftungsprofessur für die Alfried Krupp von Bohlen- und Halbach-Stiftung inne hat, die der Universität Drittmittel zur Verfügung stellt. Diese Vorgehensweise wird kritisiert: Durch den Einbezug von Interessengruppen und Unternehmern könne der wissenschaftliche Diskurs interessengeleitet verschoben werden. Weitere Drittmittel erhält Dobbos von der Karl-und-Veronica-Carstens-Stiftung sowie von der Erich-Rothenfußer-Stiftung, die zum Teil auch die Kliniken Essen-Mitte fördert, an denen der Lehrstuhl für Naturheilkunde der UDE tätig ist. Beide sind namhaft auf dem Flyer zur Veranstaltung zu finden und bezuschussen oder finanzieren Forschung und Behandlung mit alternativer Medizin oder Komplementärmedizin aus den Bereichen der Naturheilkunde.

Das Netzwerk Psiram, das sich um Aufklärung rund um Verschwörungstheorien, Pseudowissenschaften und Esoterik bemüht, sieht die Ziele der Drittmittelbereitstellung der Karl-und-Veronica-Carstens-Stiftung wie folgt: „Die Vorstellung der Carstens-Stiftung ist es, dass eine neue Ärztegeneration heranwächst, die der Homöopathie aufgeschlossener gegenübersteht und sie verfolgt langfristig das Ziel, die Homöopathie an den medizinischen Fakultäten zu festigen und schließlich die Institutionalisierung der Homöopathie an den Universitäten zu erreichen.“ Das versuche sie, indem sie „pseudowissenschaftlichen Methoden einen wissenschaftlichen Anstrich und ein universitäres Ansehen verleihe“.

Pflanzen und Tigerknochen

Problematischer sind auch ayurvedische Medikamente. Sie sind in Deutschland zwar nicht als Arzneimittel zugelassen, können aber als Nahrungsergänzungsmittel oder aus dem Ausland bestellt werden. Sie enthalten aber oftmals Schwermetalle wie Quecksilber und Blei, weshalb Ärzt*innen von der Einnahme ayurvedischer Medikamente abraten. Vor zwei Jahren musste beispielsweise eine Frau in Hamburg behandelt werden, die mit einer lebensbedrohlichen Quecksilberbelastung eingeliefert worden war. Der Quecksilbergehalt eines ihrer Medikamente lag um mehr als das 500.000-fache über der zulässigen Norm.

Ein weiterer Schwerpunkt des Lehrstuhls für Naturheilkunde und Integrative Medizin ist die traditionelle Chinesische Medizin (TCM). Ebenso wie die traditionelle Indische Medizin geht auch die Alternativmedizin aus China bei Erkrankungen von einem Ungleichgewicht des Körpers aus, die sich in einer gestörten Qi-Struktur ausdrückt. Anders als in westlichen Ländern angenommen und praktiziert, spielt Akupunktur eine eher untergeordnete Rolle. Auch wenn größtenteils pflanzliche Substanzen für die Entwicklung der Alternativmedizin verwendet werden, ist ein Teil tierischen Ursprungs. Vom Aussterben bedrohte Tierarten wie Haie und Tiger fallen der Medizin zum Opfer. So werden Tigerknochen beispielsweise für Mittel zur Potenzsteigerung genutzt.

Auch TCM ist umstritten. Die Stiftung Warentest kam zum Beispiel zu folgendem Schluss: „Die Wirksamkeit der TCM  ist außer für Kopfschmerzen für keine andere Erkrankung belegt.“ Nur ein geringer Teil der Heilpflanzen, aus denen die Arzneimittel hergestellt werden, kommt aus kontrolliertem Anbau, weshalb auch dort verschiedene Schadstoffe wie Quecksilber, Blei oder Verunreinigungen mit krebserregenden Stoffen auftreten.

Alternative Wissenschaft ist im Kommen

Nicht nur an der UDE, sondern im gesamten Bundesgebiet etablieren sich Fakultäten und Institute an Universitäten, deren Wissenschaftlichkeit in Frage gestellt wird. An der Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder möchte ein Student Belege für das Hellsehen gefunden und mit verstorbenen Angehörigen gesprochen haben. Eine Erkenntnis, die im Rahmen seiner Masterarbeit vom Institut gelobt wurde und ihm einen akademischen Grad gebracht hat. Besonders im Bereich der Naturheilkunde und Homöopathie ist ein Anstieg unkonventioneller Lehrstühle zu verzeichnen – ebenso wie an der UDE auch mithilfe finanzieller Unterstützung von Interessengruppen, nicht selten die bereits benannte Karl-und-Veronica-Carstens-Stiftung. Studierenden wird innerhalb einer akademischen Ausbildung gelehrt, Akupunkturen durchzuführen, mit Heilsätzen und heilenden Klängen Linderung bei ihren künftigen Patient*innen zu verschaffen – obwohl die Wirksamkeit alternativer Medizin angezweifelt und die Wissenschaftlichkeit von Kritiker*innen negiert wird.

[mac/fro]