Keine wehrlose Puppe

Autorin Lana Lux schreibt in Kukolka über Zwangsprostitution und Menschenhandel. (Foto: Lana Lux/Instagram)

Auf den Trümmern der Sowjetunion wird Samira geboren. In Freiheit lebt sie vorläufig nicht. Wohlstand wird für sie schnell zu einer Utopie. Ihre Betrachter*innen bezeichnen sie als „bildschön“. Trotzdem ist es die falsche Schönheit, denn sie führt zu ihrer Ausgrenzung. Minimal kann sie daraus einen Nutzen ziehen ─  und schon bald tun es Dritte. Lana Lux, 30, nannte die Hauptfigur ihres gleichnamigen Romans Kukolka, was aus dem Russischen mit Puppe übersetzt wird. Sie schreibt täglich und immer ganze Absätze. Ganz gleich, ob es Gedichte, WhatsApp-Nachrichten oder To-do-Listen sind. Aber 375 Seiten für den Aufbau-Verlag Roman sind eine neue Herausforderung für sie. Gastautorin Britta Rybicki hat das Stationendrama gelesen und mit Lana Lux im Interview gesprochen:

akduell: Für den lockeren Einstieg: Mit welchen drei Worten würdest du deine Hauptfigur Samira beschreiben?

Lana Lux: Feuer, Leder und Smaragd.

akduell: Erzähl mir von Kukolka.

Lana Lux: Wir befinden uns im Jahr 1996, als die fünfjährige Samira beginnt, ihre Geschichte zu erzählen. Sie lebt in einem ukrainischen Waisenhaus und lernt dort früh, sich anzupassen. Ihre beste Freundin Marina wird von einem Paar aus Deutschland adoptiert. Ein Paket, das Marina ihr kurze Zeit später schickt, zeigt Samira ihr neues paradiesisches Leben. Von da an träumt sie von Wohlstand und einer Familie; sie begibt sich auf die Reise nach Deutschland.

akduell: Und dann beginnt ihr Kampf ums Überleben.

Lana Lux: Sie landet direkt auf der Straße und begegnet Rockey, der ihr Arbeit anbietet. Arbeiten bedeutet: Klauen, betteln und vorsingen. Als sie erwachsener ist, wird sie zum Objekt seiner pädophilen Begierde. Eher zufällig verliebt sie sich mit zwölf Jahren in den schönen Dima, der sie schließlich mit einem falschen Pass nach Berlin bringt. Endlich ist sie ihrem Traum näher: Sie hegt große Hoffnung auf ein Treffen mit Marina und malt sich ein gutes Leben mit ihrem Liebsten aus.

akduell: Doch Dima hat ganz andere Pläne für sie, stimmt´s?

Lana Lux: Mit dreizehn führt er sie an die Prostitution heran. Sie versucht sich zu wehren, doch er setzt sie unter emotionalen Druck. Zwei Jahre später ist sie kaum noch sie selbst. Dima verkauft sie an eine Agentur, die menschenverachtende Dienstleistungen erzwingt. Ihr ungebrochener Lebenswille hilft ihr – mehr verrate ich aber nicht.

akduell: Kukolka war wie ein Horrortrip für mich: Ich hab geweint, gehofft und war angeekelt. Ist Samiras Geschichte wahr?

Kukolka – Debütroman von Lana Lux. (Foto: BRIT)

Lana Lux:  Samira ist eine fiktive Romanfigur. Für mich ist sie aber real. Drei Jahre lang hat sie mich begleitet, drei Jahre lang sah ich die Welt aus ihren Augen. Es ist also kein Portrait, sondern eine universelle Geschichte, die viele Prinzipien des Lebens in sich birgt. Auf den ersten Blick geht es um Menschenhandel und Zwangsprostitution. Auf den Zweiten um Abhängigkeit, Liebe, Stigmatisierung, Sexualität, Moral, Machtgefälle, Normen und Werte.

akduell: Eine ganze Weile wart ihr also wie miteinander verschmolzen. Hast du ihr denn deine Eigenschaften geliehen?

Lana Lux: Auch wenn es erst mal so scheint, aber meine Migration aus der Ukraine nach Deutschland verbindet uns nicht. Ich wollte nämlich überhaupt nicht nach Deutschland. Uns verbindet wohl eher der Blick auf die Dinge. Ein gewisser Pragmatismus und eine Art Zähigkeit ─ egal was kommt. Ich habe viele unangenehme Dinge im Leben erfahren, die ich hier nicht erklären möchte. Im Nachhinein betrachtet waren sie furchtbar, sie waren damals allerdings meine Realität ─ und dadurch irgendwie normal“. Diese vermeintliche Normalität verbindet uns.

akduell: Es heißt: Ideen und Inspirationen entstehen  an den ungewöhnlichsten Orten: Unter der Dusche, am Strand in Australien, in der Eiseskälte der Alpen, im Stau oder ausgelaugt auf dem Heimweg. Wann wusstest du, dass du diese Geschichte aufschreiben willst?

Lana Lux: Es passierte während einer Schreibübung zum Thema Kinderbücher, die ich im Rahmen eines VHS-Kurses besuchte. In wenigen Minuten malte ich mir ihre Figur vor meinem inneren Auge aus ─ sehr plastisch. Von da an ließ sie mich nicht mehr los: Für die ersten beiden Romanteile, die in der Ukraine spielen bediente ich mich meiner Erinnerung, für den Rest informierte ich mich intensiv über Prostitution, Zwangsprostitution, Pädophilie, Gewalt und Menschenhandel. Irgendwann gab es dann kein Zurück mehr. Die Geschichte musste geschrieben werden. Ihre aktuelle Dringlichkeit ist mir erst im Schreibprozess bewusst geworden. Ich habe das Gefühl, dass die Geschichte sich eher mich ausgesucht hat und nicht umgekehrt.

akduell: Gefühlt steht auf jeder zweiten Seite das Wort „Zigeunerin“. Nicht nur ein Schimpfwort, sondern vom NS-Regime zur Stigmatisierung verwendet. Deswegen schämt man sich fremd, sobald man es liest. Wie fühlt sich diese Zuschreibung für Samira an?

Lana Lux: Es ist auch in diesem Zusammenhang eine Beleidigung, eine Fremdzuschreibung und Stigmatisierung. Nirgends ist gesagt, zu welcher Ethnie Samira wirklich gehört. Im Laufe der Zeit nimmt sie diese Identität unhinterfragt an: Sie nennt sich in einem Gespräch selber Zigeunerin. Als ihr Gegenüber sie dann fragt, was diese Zuschreibung eigentlich bedeute, antwortet sie bloß: „Keine Ahnung, Mann, die Leute sagen es mir halt, also werden die es schon wissen.“Es geht also vielmehr darum, wie Merkmale in den Köpfen vieler Menschen Klischees erwecken. Menschen mit dunkler Haut sind Zigeuner. Klischees, die letztlich zu Vorurteilen heranreifen. Zigeuner haben das Klauen im Blut. Und wie diese schließlich als Stigmatisierung in ihnen selbst weiter wirken. Das Individuum wird kriminell. Um eine Möglichkeit zu nennen.

akduell: Hollywood sagt: Gute Geschichten brauchen ein Happy End. Kukolka hat – nun ja, ich will nicht spoilern – aber ein sehr spezielles Ende. Ist ein Roman ohne Happy End überhaupt erlaubt?

Lana Lux: Ich glaube ein Ende muss authentisch sein. Zu der Geschichte passen. Im Fall von Kukolka war dieses Ende ein „realistisches“ Happy End. Ein unrealistisches Happy End hätten weder ich noch Samira ausgehalten. Das hätte die Realitätsnähe des Romans zunichte gemacht. Ein realistisches Ende ohne „Happy End“ hätten vermutlich die Leser*innen nicht ertragen ─ und Samira nicht überlebt.