Nicht mit dem Grundgesetz vereinbar?

Für ein Medizinstudium braucht man Spitzenabi. Das Bundesverfassungsgericht beschäftigt sich derzeit damit, ob das rechtens ist. (Foto: fro)

Der Numerus Clausus (NC) ist gerade ein Fall fürs Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe. Dort soll am 4. Oktober entschieden werden, wie die Zukunft der Studienplatzvergabe in Fächern mit bundesweitem NC aussehen soll. Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen hatte geklagt, dass die jetzige Vergabe nicht mit dem Grundgesetz vereinbar sei.

Die Zulassungsbeschränkungen für Studienfächer mit bundesweitem NC könnten bald der Vergangenheit angehören. Das betrifft neben Medizin auch Tier- und Zahnmedizin sowie Pharmazie, für die sich Studieninteressierte über die Stiftung für Hochschulzulassung zentral bewerben müssen. Gegen die Studienplatzvergabe reichte das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen Klage ein. Die Abi-tur-Noten der einzelnen Bundesländer seien nicht vergleichbar. Dass es große Unterschiede gebe, betonte auch Josef Kraus, Chef des Deutschen Lehrerverbands, gegenüber dem Tagesspiegel. In Nordrhein-Westfalen hat sich einer Studie der Kulturministerkonferenz zufolge die Abitur-Note von durchschnittlich 2,66 im Jahr 2006 auf 2,47 im Jahr 2015 verbessert. Ob wirklich eine „Noten-Inflation“ – wie Kraus prognostiziert – vorliegt oder ob die Schüler*innen tatsächlich immer bessere Leistungen erbringen, ermittelt die Studie jedoch nicht.
Im Wintersemester 2014/15 bewarben sich 43.000 Studieninteressierte für Medizin auf 9.000 Plätze. Die Nachfrage steigt seit Jahren. Die Wartezeit beträgt derzeit 15 Semester – und damit länger als die angesetzte Regelstudienzeit. Daraus ergibt sich ein Widerspruch zum Artikel 12 des Grundgesetzes, heißt es vom Verwaltungsgericht Gelsenkirchen. Dort heißt es nämlich im Absatz 1: „ Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen.“ Sogar ein Abiturdurchschnitt von 1,0 sichert Interessierten nicht zwingend einen Studienplatz. An der Westfälische Wilhelms-Universität Münster wollten der Welt zufolge so viele Bewerbende mit einem 1,0er-Abitur Medizin studieren, dass gar die Anzahl der Punkte als Kriterium erhoben wurde. Weil die Studienplatzvergabe mittlerweile gut 80 Prozent der Studienplätze nur auf Grundlage der Abiturnote vergibt, hätten viele Studierende nicht die Chance, ihren Wunschberuf auszuüben, so die Argumentation des Verwaltungsgerichts.

Persönliche Auswahlverfahren an der UDE

An der Universität Duisburg-Essen werden persönliche Auswahlverfahren für das Fach Medizin durchgeführt. 20 Prozent der Studienplätze gehen an die Bewerber*innen mit den besten Abiturnoten, 20 weitere Prozent an Bewerber*innen auf der Warteliste und die restlichen 60 Prozent werden nach einem hochschuleigenen Auswahlverfahren verteilt. Laut Satzung sollen Bewerbende in einem 30-minütigem Auswahlgespräch begründen, wieso sie Medizin studieren wollen, inwiefern sie durch ihre Leistungskurse und außerschulischem Wissen aufs Studium vorbereitet sind oder schon berufliche Erfahrung mitbringen, welche Vorstellungen sie vom Beruf haben und wie viel sie über aktuelle gesundheitspolitische Probleme wissen.

Die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes wird für einen Großteil der Studiengänge jedoch keine Bedeutung haben. Fächer mit örtlicher Zulassungsbeschränkung, die die Universitäten auf Grundlage der Bewerber*innenzahl und der Kapazität errechnen, sind davon ausgeschlossen. Die Kritik am Selektionssystem Numerus Clausus bleibt aber erhalten. Denn schließlich sagt die Abiturnote nur wenig über das Interesse und die tatsächlichen Kompetenzen von Studieninteressierten aus.