Besser ein Spatz in der Hand, als eine Taube unterm Dach?

Ruh-ruh! Freudig am Plustern, manchmal flattrig unterwegs – seit einiger Zeit auch in der UDE. (Symbolbild: lenz)

Fleißigen Bibliotheksnutzer*innen dürfte es bereits längst aufgefallen sein: Seit mehr als zwei Monaten leben Tauben im Vorraum der Bibliothek für Geistes- und Gesellschaftswissenschaften am Essener Campus. Wie kamen sie dorthin, was macht den Ort für sie so lebenswert und schauen sie einer rosigen akademischen Karriere oder doch einer düsteren Zukunft dank Zwangsexmatrikulation entgegen? Es folgt ein Bericht über den universitären Alltag aus den Augen eines der dort ansässigen gefederten Tiere.

Ein Stück Maiswaffel. Damit begann mein neuer Lebensabschnitt. Die seitdem vergangene Zeit kann ich an meinen zwei Krallen nicht mehr abzählen. Eine junge Studentin knabberte gedankenverloren an Maiswaffeln, sie war auf dem Weg zur Bibliothek. Ich folgte ihren Krümeln, dank einer angehobenen Bodenplatte schloss die Eingangstür hinter ihr nicht ganz. Ein besonders großer Brocken landete im Foyer, ich eilte hinterher. Ein völlig neuer, vollkommen unerschlossener Raum öffnete sich mir.

Dank der Lernwilligen – wie ich später durch Gespräche der Studierenden erfuhr war gerade Prüfungszeit – muss ich mir nun keine Gedanken mehr über meine Nahrungsbeschaffung machen. Nüsse, Schokolade, Brötchen, Bananen, Fleischwurst. Ständig lassen die jungen Dinger etwas fallen! Ruh-ruh. Und da hinten in der Ecke steht auch noch so ein großer Kasten, aus dem sich die Menschen Essen holen. Vielleicht schaffe ich es da mal hinein.

Nass werde ich hier auch nicht mehr. Einen schönen Schlafplatz habe ich mir über den Köpfen aller Menschen mitten im Kabelgewirr unter der Decke eingerichtet. Von dort oben kann ich sie auch alle gut beobachten: Alte Menschen, junge Leute, gehetzt Rennende, auf Freund*innen Wartende. Am meisten sehe ich vor kleinen blinkenden Rechtecken erstarrte Menschen. Nur ihre Daumen bewegen sich noch. Tipp, tipp, tipp. Manchmal halten sie es sich auch ans Ohr und sprechen – mit sich oder dem Rechteck? Das habe ich noch nicht so ganz verstanden. Rucke di guck, rucke di guck.

Wenn ich jemanden unsympathisch finde oder einfach einen schlechten Tag habe, lasse ich meiner Verdauung von den Deckenlampen aus freien Lauf. Das darauf folgende Gekreisch und Gefluche heitert mich immer auf. Doch wie sich jetzt zeigt, war das keine gute Idee: Anscheinend wurde sich über mich und meine Exkremente beschwert und nun werden wir vom Kammerjäger bedroht. Meine Freundin Stevie ist ihrer Taktik schon auf den Leim gegangen. Sie hat sich anfüttern lassen und wurde mit einem Netz geschnappt und herausgetragen. Ich wollte ihr eigentlich hinterher fliegen, doch meine Angst davor, auch gefangen genommen zu werden, war zu groß. Was aus ihr geworden ist? Ich weiß es nicht.

Buch auf, Buch zu. Aus der Tasche raus und wieder hinein. Und tipp, tipp, tap auf den leuchtenden Geräten. Die Luft ist stickig, kein Wind weht. Wie vermisse ich doch die sanften Brisen und harten Essener Stürme – danach steht keine Feder mehr wie zuvor! Ruh-ruh. Abenteuer, ja, das fehlt mir hier. Vielleicht schließe ich mich einer anderen Gruppe an. Es kursieren Gerüchte darüber, dass im Gebäude R09 im vierten Stock ebenfalls ein paar Tauben ansässig sind. Das Treiben hier ist auf Dauer auch zu viel, so ungemütlich.

Bevor die Uniformierten kommen, fliege ich vielleicht mal wieder aus. Ich könnte mich der schlauen Truppe bei der Krabbelburg anschließen – die haben ihre beiden Nester einfach auf den Zaun gebaut, der uns davon abhalten sollte, dass wir uns dort draufsetzen. Da haben sie die beiden Vogel-Familien aber sehr unterschätzt! Doch langsam scheinen die Menschen zu begreifen, dass wir nicht einfach irgendein Federvieh sind. Neulich habe ich Johann Massarek vom Gebäudemanagement der Uni hier vorbei gehen sehen. Mit einem Kollegen unterhielt er sich über die Krabbelburg-Tauben. „Letztendlich studieren sie an der Uni, sind also nicht ganz so dumme Tauben“, sagte Massarek zu ihm. Recht hat er. Und dann ging es natürlich wieder einmal darum, wie gefährlich wir seien. Krankheiten sollen wir verbreiten, dass ich nicht lache. Also, ich putze jeden Tag mein Gefieder. Das hält natürlich jeder Vogel unterschiedlich, aber wir werden alle über einen Kamm geschert.


Fedrige Fakten: Was passiert nun mit den Tauben?

Die von den Tauben verursachten Verschmutzung wurden von der Reinigungsfirma der Universität Duisburg-Essen gemeldet. Die Schädlingsbekämpfungsfirma Parasita hat einen Rahmenvertrag mit der Universität und wurde damit beauftragt, sich um die Problematik der in den Universitätsräumen lebenden Tauben zu kümmern. Es wurden zwei Nester im Vorraum der Bibliothek R09-R13 und im Kita-Bereich entfernt. Tauben dürfen in Deutschland nicht getötet werden, sondern müssen lebend gefangen werden. Laut Aussage von Parasita werden sie eine Woche lang angefüttert, mit Netzen gefangen und dann 80 Kilometer außerhalb der Stadt wieder frei gelassen. Diese Aktion wurde bereits zwei mal in den letzten acht Wochen durchgeführt. Ob die aktuell im Bibliotheksvorraum lebenden Tiere dorthin zurückgekehrt sind oder es sich um andere Tauben handelt, ist unklar. Es wurde jedoch ein Mann auf dem Essener Campus gesichtet, der Tauben dort angefüttert haben soll. Johann Massarek vom Gebäudemanagement bittet darum, das zu unterlassen und weist darauf hin, dass das Sicherheitspersonal an der Universität darauf aufmerksam gemacht wurde und solches Verhalten ansprechen wird.  In der Nähe der Krabbelburg stellen die Tauben wegen möglicher Übertragung von Krankheiten ein besonderes Problem dar, so Massarek.