David Lynch – Ein Künstler packt aus

Der heute 71-jährige Regisseur blickt auf ein spannendes Leben zurück, welches in seinem neuen Dokumentarfilm porträtiert und insziniert wird. (Foto: _titi/flickr.com/CC BY 2.0)

David Lynch ist vor allem durch Filme wie Blue Velvet (1986), Mulholland Drive (2001) und der Kultserie Twin Peaks (1990 bis 1991, 2017) bekannt. Seine Werke zeichnen sich häufig durch Surrealität, Melancholie und Düsternis aus. In den vergangenen Jahren wurde es auf der Leinwand eher still um ihn. Dafür ist nun der eineinhalbstündige Dokumentarfilm David Lynch: The Art Life, der das Leben des Ausnahmekünstlers vor seinem großen Durchbruch behandelt, erschienen.

Alles nur Show? Im Dokumentarfilm inszeniert sich Lynch selbst gern als eigenbrötlerischen Künstler. Er erzählt, wie ungern er das Haus verlässt, wie unheimlich ihm draußen alles vorkommt. Dabei zieht er ununterbrochen an seiner Zigarette und fährt sich geistesabwesend durch die Haare. Sehen wir hier wirklich hinter die Kulissen des berühmten Filmemachers? Oder sehen wir ihn doch nur so, wie er möchte, dass wir ihn sehen? Diese Frage bleibt bis zum Schluss unbeantwortet. Trotzdem ist es faszinierend, ihm beim Erschaffen eines neuen Kunstwerkes zuzusehen. Mal trägt er mit den bloßen Händen eine gräuliche Masse auf, mal bohrt er fluchend Löcher in die Leinwand. Bei seiner Arbeit erscheint er am natürlichsten.

Der Dokumentarfilm will den Zuschauenden einen Einblick in die Kindheit und in die Persönlichkeit des Filmemachers, Künstlers und Musikers geben und beleuchtet besonders seinen weniger bekannten Werdegang als Maler. In Deutschland wurde der Film nur in ausgewählten Kinos gezeigt; in NRW nur im Bochumer Casablanca und im Endstation Kino im Bochumer Bahnhof Langendreer. Das Besondere am Dokumentarfilm ist, dass hier nicht etwa Freund*innen, Familie und ehemalige Arbeitskolleg*innen zu Wort kommen, sondern nur Lynch selbst. Seine chronologisch erzählten Erlebnisse aus Kindheit und Jugend werden mit privaten Foto- und Videoaufnahmen unterlegt und durch Einblendungen seiner eigenen Kunstwerke unterbrochen.

Zwischen Farbe und Finsternis

In seiner frühen Kindheit war die Familie Lynch durch den Beruf des Vaters als Agrarwissenschaftler häufig gezwungen umzuziehen. Trotzdem erinnert sich der Regisseur an eine glückliche Kindheit. Als Teenager zog Lynch dann nach Virginia, wo er einen Großteil seiner Freizeit seiner großen Leidenschaft widmete: dem Malen. Als ein Schulfreund ihn eines Tages seinem Vater, dem Künstler Bushnell Keeler, vorstellt, erhält Lynch eine lebensverändernde Einsicht: Künstler*in zu sein, ist ein richtiger Beruf und das konnte er auch werden. Nach seinem Highschool-Abschluss besuchte er die School of the Museum of Fine Arts, brach das Studium jedoch nach einem Jahr ab. Da seine Eltern ihn nicht mehr finanziell unterstützten, hielt er sich einige Zeit durch Nebenjobs über Wasser und bewarb sich schließlich an der Pennsylvania Academy of Fine Arts in Philadelphia.

Seine Eindrücke von Philadelphia sollten später als Inspiration für viele seiner düstersten Bilder dienen. Die Dokumentation zeigt das zerstörte Industriegebiet, in dem sich auch die Kunsthochschule befand. Lynch kam die Stadt damals bösartig vor, geprägt von Angst, Krankheit, Korruption und Rassismus. Die unheimlichen Bilder werden von ebenso unheimlicher Musik untermalt. Während des gesamten Films und an dieser Stelle, steht der Sound sehr stark im Vordergrund. Das bedrohliche Gefühl spürt man am eigenen Leib, wenn die Bässe den Boden und die Sitze vibrieren lassen. Trotzdem gefällt es dem frühen Lynch auf der Hochschule – besonders die Gemeinschaft und das Künstler*innenleben in Philadelphia. Ende der sechziger Jahre wird dem Kunststudenten bewusst, dass ihm zur Perfektion seines Kunstwerks Bewegung und Ton fehlten. Daraufhin entstand 1968 sein vierminütiger Kurzfilm The Alphabet. Bushnell Keeler ermöglichte dem jungen Talent ein Stipendium für das American Film Institute (AFI), wodurch er sein zweites Projekt The Grandmother (1970) realisieren konnte. Wie sein erster Film zeichnet sich auch dieser durch verstörende Bilder aus. Bereits in seinen frühen Werken finden sich viele Motive, die auch in seinen späteren Filmen zu finden sind. The Grandmother öffnete ihm die Tür für das Center for Advanced Film Studies des AFI in Los Angeles. Noch im selben Jahr zog er mit seiner Familie nach Los Angeles um, wo er seitdem lebt und arbeitet.

Fakt oder Fiktion?

Der Dokumentarfilm erlaubt es dem Regisseur, sich selbst ganz nach seinem Geschmack zu inszenieren. Betont langsam und bedeutungsschwer erzählt er seine Geschichten. Einige Zeilen klingen wie geradewegs aus einem Drehbuch entsprungen. So beginnt er, eine Geschichte über seinen früheren Nachbarn zu erzählen, bevor er erst zögert und dann abbricht. „Ich kann diese Geschichte nicht erzählen“, sagt er leise nach einer Pause. Nur die bedrückenden und düsteren Bilder, untermalt mit dazu passender Musik geben einen Hinweis auf die Tragik der Ereignisse.

Die Kinobesucher*innen sind zum Teil Stammkunden des Endstation Kinos, zum Teil sind sie aber auch zum ersten Mal hier. Alle sind große Lynch-Fans und kennen sich gut mit seinen Filmen, aber auch mit seinen Projekten außerhalb von Hollywood aus. Für sie und alle Kenner*innen von David Lynch ist diese Dokumentation sicherlich interessant, gerade weil sie sich eben nicht mit seinen großen Erfolgen beschäftigt, sondern die weniger bekannten Details seiner Karriere beleuchtet. Lynch-Einsteiger*innen und Leute, die sich Analysen und Interpretationen seiner Filme erhoffen, werden hingegen enttäuscht. Solch eine Herangehensweise wäre vielleicht der übliche Weg gewesen, aber wer sich ein wenig mit Lynchs Werk auskennt, weiß, dass der übliche Weg nicht David Lynchs Weg ist. Eine Frage, die die Dokumentation leider unbeantwortet lässt: Hat der Malerberuf Lynchs Filmschaffen beeinflusst? Denn so wie ein Fotograf eine besondere Sicht auf Filme hat, hat ein Maler sicher auch eine besondere Perspektive.