Deutschland, deine Stammtische

 

Auf sie mit Gebrüll? Wie geht man mit den AfD-Stammtischparolen nach der Wahl um? (Foto: probek/flickr.com/ CC BY-NC-SA 2.0)

Er ist urdeutsch, so ein Stammtisch. Lange Zeit trafen sich dort vor allem die Männer, um zu trinken und Entscheidungen zu treffen. Andere Dorfmitglieder wurden meist ausgeschlossen. Aber ein Stammtisch steht heute auch für eine politische Diskussionskultur, die Zusammenhänge vereinfacht und zu Parolen greift. Frischestes Beispiel: Die politische Debatte vor der Bundestagswahl 2017. Mehr Kneipendiskussion als konstruktiver Diskurs. Ein Gedankenexperiment.

Stell dir vor, die politische Debatte findet in einer Gastwirtschaft statt und die Parteien sitzen an Stammtischen. Hier die CDU/CSU, dort die SPD, da die FDP, daneben die Grünen und die Linke sowie rechtsaußen die AfD. Alle mit einem kleinen Wimpel und Bier auf den Tischen. In der Mitte des Raumes stehen alle, die nicht in einer Partei sind. Die Stammtische versuchen, die Gäste für sich zu gewinnen.

Der erste Blick geht Richtung AfD – denn sie ist die derzeit lauteste Partei in Deutschland. Gezielte Provokation, Stimmungsmache durch gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit und immer wieder brüllt wer „Merkel muss weg!“ – das zieht. Einige Gäste fühlen sich an den AfD-Stammtisch gelockt: durch einfache Sprache, emotionale Debatten und Lösungen, die für ein herbeifantasiertes deutsches Volk stehen. Immer mehr Menschen setzen sich also dazu, obwohl dort auch Neonazis ihr Bier trinken und andere Gäste von hier aus massiv beleidigt werden.

Die Frage ist: Was machen die anderen Parteien? Die CDU/CSU jedenfalls sieht ihr Bier schal werden – da kommt ein Horst auf die Idee: „Lasst uns die gleichen Themen besetzen, aber anders!“ Lange wird über eine „Obergrenze“ gestritten, der Stammtisch zerlegt sich beinahe, weil die Vorsitzende das anders sieht. Am Ende wird es nichts bringen: Über eine Million Menschen hat die CDU bei der Bundestagswahl an die AfD verloren. Spätestens jetzt sollten Konservative merken, dass wenn man Rechten das gleiche oder ein ähnliches Bier anbietet, sie sich noch lange nicht dazu setzen.

Dann sind da noch SPD, Linke und Grüne: Sie versuchen gegen die AfD zu argumentieren und über eigene Themen zu sprechen. Wirkliche Stiche können sie dadurch neben der CDU/CSU und AfD aber nicht machen, die sind einfach lauter. Die FDP ist schon smarter – ihr Stammtischschild sieht modern aus und der Vorsitzende wird von vielen als charismatisch angesehen. Aber auch sie besetzte gewisse Themen rechter als es frühen Liberalen lieb sein dürfte und ignoriert die Rechten sonst weitestgehend.

Rumbrüllen war noch nie konstruktiv

Was nimmt man jetzt als Beobachtende des Spektakels vom Tresen aus mit? Zum einen, dass rückwärtsgerichtete Ideen, verpackt in laute Parolen, noch immer die Menschen anziehen. Zum anderen, dass man die AfD nicht nachahmen kann, ohne Teile der eigene Runde zu verlieren. Und darauf zu achten, eigene Argumente am eigenen Tisch parat zu haben, die neben der Provokation gehört werden. Ohne selbst rumzuschreien.

Jetzt spricht die CDU davon, AfD-Wähler*innen zurückgewinnen zu wollen. Also noch mehr Übernahme der Parolen, noch mehr rechte Politik in bürgerlichen Kleidern. Was gegen rechtsaußen aber tatsächlich wirken könnte, ist, wenn sich die Parteien über folgendes einig würden: Neonazis haben im Jahr 2017 in einer Diskussion nichts verloren. Gewisse Dinge – etwa Menschenrechte – sollten nicht mehr zur Debatte stehen. Man muss diejenigen, die vom pöbelnden Stammtisch beleidigt und diskriminiert werden, als gleichberechtigt wahrnehmen. Aber für all das muss man ja versuchen die eigenen egoistischen Interessen und Vorurteile abzubauen.  Noch ist die AfD jedenfalls nur einer der Stammtische und nicht die ganze Kneipe – auch wenn viele mit dem Tisch rechtsaußen schon liebäugeln.