Die Stadt, die ihnen zusteht

Die Polizei räumte die neun Besetzer*innen unter fadenscheiniger Begründung schon nach wenigen Stunden. (Foto: Andreas Larson)

Eigentlich gibt es ist in der Strauss-Siedlung im Duisburger Stadtteil Neudorf keinen Wohnraummangel. Die meisten Häuser hier stehen leer. Das städtische Immobilienunternehmen Gebag vermietet den Wohnraum jedoch nicht mehr, weil die Modernisierung bevorsteht. Neun Menschen besetzten deshalb am Samstag, 16. September, ein Haus in der Siedlung. akduell-Redakteur Dennis Pesch hat sich mit Marlon Klezko* und Kathrin Fröbel*, zwei der Besetzer*innen, zum Interview getroffen.

akduell: Die letzte Hausbesetzung in Duisburg ist einige Jahre her. Was hat euch dazu bewegt, ein Haus in der Strauss-Siedlung zu besetzen?

Marlon: Es gibt dort seit Jahrzehnten Leerstand und einen Prozess der Mieterverdrängung. Weite Teile der Siedlung sollten ursprünglich abgerissen werden, was aber verhindert werden konnte, unter anderem wegen des Denkmalschutzes.

Kathrin: Das Haus, was wir besetzt haben, sollte zwar nicht abgerissen werden, aber die links und rechts davon.

akduell: Das Haus sollte nicht abgerissen werden? Obwohl Polizei und Gebag behaupten, es sei baufällig und einsturzgefährdet?

Kathrin: Baufällig ist das Haus bis zu unserer Besetzung nie gewesen. Die Gebag und auch der WDR waren am Samstag erneut drin, obwohl es so stark einsturzgefährdet sein soll. Ein ähnliches Argument wurde schon 2011 in Duisburg-Laar benutzt, als dort eine ehemalige Hauptschule besetzt wurde. Damals hieß es aufgrund des Brandschutzes sei eine Nutzung der Schule als Kulturzentrum nicht möglich. Drei Jahre zuvor wurde dort noch ganz normal unterrichtet. Das scheint also eine Strategie zu sein.

Marlon: Die Polizei muss entweder Gefahr im Verzug feststellen oder eine akute Bedrohung der Besetzer*innen und die wäre gegeben wenn es einsturzgefährdet ist. Also wurde das offiziell so deklariert.

akduell: Viele Aktivist*innen besetzen eher private Gelände. Warum habt ihr ein Gebäude der Gebag besetzt, wenn die Anzeige direkt raus geht und damit auch die Handhabe der Polizei da ist?

Kathrin: Es ging uns um die Siedlung. Da muss man schon in Kauf nehmen, dass das Gebäude der Gebag gehört.

Marlon: Nicht nur in Kauf nehmen: Die Gebag ist die Instanz, die aktiv diese Mieter*innenverdrängung betreibt, also die Sanierung initiieren wird. Die Mieten werden steigen und finanziell schwache Mieter*innen werden beiseite geschoben. Deshalb ist die Institution Gebag an sich schon ein politischer Gegner.

akduell: Duisburg hat nicht so ein großes Problem mit mangelndem Wohnraum, wenn man an umliegende Großstädte wie Düsseldorf denkt. Warum habt ihr das Haus dann besetzt?

Kathrin: Es gibt ja trotzdem ein Problem mit der Verdrängung und auch eine Wohnungsnot, was bezahlbaren Wohnraum betrifft.

Marlon: Es geht gar nicht so sehr um den Status Quo der Strauss-Siedlung, sondern um das, was da entstehen soll. Es geht um den generellen Prozess von Verdrängung durch profitorientiertes Agieren von Vermieter*innen. Die Besetzung muss auch, neben dem konkreten Bezug zur Strauss-Siedlung, als exemplarischer Akt gegen dieses Phänomen verstanden werden.

akduell: Was hat euch die Besetzung gebracht? Wie waren die Reaktionen darauf?

Kathrin: Na, in erster Linie Aufmerksamkeit. Wir wollten sie sowohl auf die Stadtpolitik im Allgemeinen, als auch auf die Siedlung im Speziellen lenken. Ich denke damit waren wir relativ erfolgreich, auch wenn die Stimmen zur Besetzung natürlich gespalten waren. Als wir aus dem Haus geführt wurden, haben wir Applaus bekommen und wir sind auch im Gespräch mit den Mieter*innen. Wir hoffen in Zukunft eine Initiative aufbauen zu können, in der wir mit den Nachbar*innen im Dialog bleiben, um die Siedlung für sie zu retten.

Marlon: Außerdem spricht die Gebag davon, die Mietpreise im Quadratmeterpreis unwesentlich anzuheben. Die Besetzung und damit die Aufmerksamkeit gibt der Gebag hoffentlich etwas weniger Spielraum die Mieten anzuheben.

akduell: „Unwesentlich erhöhen“ heißt?

Kathrin: Also in der WDR Lokalzeit Duisburg sagte der Geschäftsführer, dass die Mieten von 4,60 Euro pro Quadratmeter auf deutlich unter zehn Euro erhöht werden. Er hat uns andere Zahlen genannt und das war durchaus in höheren Segmenten, auch den Anwohner*innen gegenüber hat man andere Zahlen genannt. Eine Freifläche soll zudem ganz neu bebaut werden und einer Mieterin wurde dort jetzt eine Wohnung versprochen, die ungefähr gleich sein soll zu ihrer bisherigen. Bei 5,25 Euro soll der Preis liegen, das wäre jedenfalls angenehmer als sieben oder knapp zehn Euro pro Quadratmeter.

akduell: Wie seht ihr die Oberbürgermeister*innen-Wahl in Duisburg? Erhofft ihr euch von der Politik, dass eure Forderungen umgesetzt werden?

Kathrin: Definitiv erhoffen wir uns das, deshalb haben wir das Wochenende vor der Wahl ja ausgesucht, um ein Statement zu setzen. Wir haben auch auf ein Statement der Politik gehofft, und die Alte Feuerwache in Duisburg-Hochfeld war natürlich auch ein Grund für den Protest, da wir neben bezahlbarem Wohnraum nach wie vor auch Freiräume für Duisburg wollen.

Marlon: Es hat sich eben auch gezeigt, dass das Konzept mit der Stadt zu verhandeln überhaupt nicht von Erfolg gekrönt und auch nicht von gutem Willen seitens der Stadt gesegnet ist, weshalb wir uns für diese Protestform entschieden haben.

akduell: Was ist denn die Alternative zu einer Hausbesetzung?

Marlon: Die Alte Feuerwache in Duisburg-Hochfeld war mit EU-Geldern gefördert. Das Geld wurde zur Sanierung verwendet und ist dann verpufft, weil die Feuerwache niemals geöffnet hat und nie als soziokulturelles Zentrum fungieren konnte. Bekommt man solche Subventionen nicht, muss man das selber tragen. Das ist ein finanzieller, organisatorischer Großaufwand und so wird es einem auch schwer gemacht eigene Hausprojekte umzusetzen.

Kathrin: Zumal ein Hausprojekt auch ein privater Raum ist, den wir als Freiraum gestalten würden. Wir fordern aber städtischen Raum, der uns zusteht und von uns bespielt werden kann, ohne dass wir da unser Privatkapital einspeisen müssen. Von daher ist ein Hausprojekt zwar eine Alternative, es sollte aber nicht die einzige sein.

akduell: Warum braucht Duisburg denn überhaupt einen Freiraum?

Kathrin: Wir finden es wichtig einen Raum zu haben – abseits von kapitalistischen Interessen – an dem man verweilen, sich ausleben und kreativ werden kann, unabhängig von der ökonomischen Herkunft des Menschen.

Marlon: Duisburg ist geprägt von einer relativ einkommensschwachen Bevölkerung. Da geht es auch um Schnittstellen zwischen Kultur und Soziokultur. Kultur ist in Duisburg zwar punktuell vorhanden, aber mit Konsumzwang verbunden. Ein soziokulturelles Zentrum würde Möglichkeiten schaffen, ohne Konsumzwang, ohne Verortungen in Schichten, Klassen, Communities, übergreifender miteinander zu interagieren. Es gibt die Probleme, dass wir uns mit vielen Communities nicht vernetzen können, weil es einen physischen Ort braucht, um sich kennen zu lernen, den es aber nicht gibt.

[*Namen von der Redaktion geändert.]