Eine Essener Disco und die „Endlösung“

Party machen mit NS-Begriffen? Inzwischen hat sich der Betreiber des Essener Club Studio entschuldigt. (Foto: RiseUp by Tsui/wikipedia.org/CC BY-SA 3.0)

„Nun sind sie endlich da… die neuen Boxen, die Endlösung.“ So kündigte die Essener Disco Studio ihre neue Anlage auf der von über 37.000 Menschen gelikten Facebook-Seite an. Später titelte Der Westen, die Disco habe sich deshalb einen Shitstorm eingefangen. Den Shitstorm allerdings fing sich nicht die Disco ein, sondern ein kritischer Facebook-Nutzer, der auch den Zorn von Mitarbeitenden des Clubs auf sich zog.

„Endlösung der Judenfrage“ lautete der Wikipedia-Artikel, den ein kritischer User unter dem Post des Clubs Studio verlinkte, mit dem Hinweis darauf, dass der Begriff der Endlösung aus der NS-Zeit stammt und für den Genozid an den europäischen jüdischen Menschen steht. Auf viel Zustimmung traf er dabei allerdings nicht, wie die Kommentare im Anschluss zeigten. Schon der Club selbst gab sich reichlich geschichtsvergessen mit dem Verweis, dass man im Jahr 2017 lebe und niemand „Generationen später damit noch in Verbindung gebracht werden“ solle, obwohl das größte Verbrechen der Menschheit erst vor etwa 72 Jahren sein Ende fand.

Shoa-Verherrlichung und Schuldabwehr

Viel schlimmer jedoch waren Kommentare, bei denen der Club offenbar keine Notwendigkeit sah, sie zu kommentieren oder zur Anzeige zu bringen. „Jedem das Seine, oder?“, fragte Facebook-Nutzer Bernd Dobner, vermutlich in Anspielung auf das Schild am Haupttor von dem von Nazis errichteten Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar. Ein Nutzer mit dem Namen Ma Ma spielte augenscheinlich ebenfalls auf die Vernichtungslager an, als er kommentierte: „wird mal Zeit, Gas zu geben und mit den neuen Boxen ordentlich einzuheizen“.

Auch zwei Mitarbeiter des Clubs schalteten sich in die Diskussion ein. Thomas Hoppe etwa, der angibt, Betriebsleiter und Techniker des Clubs zu sein und sich offenbar mit Geschichte auskennt. Niemand vom Personal brauche einen „Persilschein“, schrieb er und spielte anscheinend darauf an, dass unter diesem Begriff während der Entnazifizierung Menschen von der nationalsozialistischen Gesinnung freigesprochen wurden. Ein Blick auf sein Profil lässt vermuten, welche politischen Ansichten ihm nahe stehen. Hoppe lässt nicht bei vielen Seiten einen Daumen da. Bei der AfD, der Spitzenkandidatin Alice Weidel oder bei neonazistischen Seiten wie „Keine weiteren Asylantenheime in Deutschland“ allerdings schon. Dass er die Schuldabwehr offenbar verinnerlicht hat, überrascht nicht, denn „Gott sei Dank“ schreibe man das Jahr 2017, kommentiert er und drückt seine Freude darüber aus, dass seine Generation „bedenkenlos und achtlos Wörter wie Endlösung im Wortschatz hat.“

Nur wenig dazu gelernt

Neben Hoppe ist da noch ein zweiter Mitarbeiter, Ahmet Sisman, der sich in die Diskussion einschaltete. Sisman gab sich anders als Hoppe, kommentierte unter dem Beitrag beschwichtigend und relativierend: „Man sollte alles immer im Kontext beurteilen und nicht sofort den ‚Hater‘ Modus einschalten“. In welchem Kontext der Begriff „Endlösung“ losgelöst vom Nationalsozialismus und dem Genozid an jüdischen Menschen dargestellt werden kann, erklärte Sisman allerdings nicht. So irritiert es auch nicht, dass Sisman nicht wenigen sogenannten israelkritischen Autor*innen bei Facebook regelmäßig den Daumen gibt. Darunter: Der Freitag-Herausgeber Jürgen Todenhöfer, Spiegel-Autor Jakob Augstein, das antisemitische linke Portal KenFM und nicht zuletzt Christoph Hörstel, der Gründer der verschwörungstheoretischen Partei Deutsche Mitte, die den modernen Antisemitismus quasi als Wahlprogramm veröffentlicht hat (akduell berichtete).

Dass sich Betreiber Andrej Buhonov mittlerweile entschuldigt hat und sagte, man würde sich „in aller Form gegen jegliche rechte Gesinnung aussprechen“ und den Beitrag „aus Respekt allen Opfern des Holocausts gegenüber umgehend“ löschen, erscheint wenig glaubwürdig, wenn man den Umgang des Clubs zuvor betrachtet – zumal es fast zwei Wochen bis zu dieser Erkenntnis gedauert hat. Die Gäste jedenfalls begrüßen die Entschuldigung, der meist gelikteste Kommentar allerdings drückt aus, dass es auch erschreckend sei, „dass man im Jahre 2017 eine Rechtfertigung benötigt für ein Wort, welches im Zusammenhang mit einer Soundanlage benutzt wurde“. Viel dazu gelernt haben die Fans vom Club Studio Essen also offenbar nicht.