Feminismus und Kapital

Soiland stößt bei ihrer Kritik an Queer zum Teil auf Widerstand. (Foto: seg )

Marx und Feminismus – wie passt das zusammen? Ging es bei ihm nicht um das Kapital? Dass sich von Marx auch kritische Positionen zu queer ableiten lassen, zeigte die feministische Theoretikerin Dr. Tove Soiland auf Einladung des AStAs der Ruhr-Universität Bochum vergangenen Mittwoch, 25. Oktober. Etwa 20 Studierende kamen zu ihrem Vortrag „Warum sich gesellschaftliche Verhältnisse nicht dekonstruieren lassen: Eine an Marx und Foucault orientierte Kritik an queer“.

Laut Soiland seien die Queer Studies ursprünglich eng mit dem Marxismus verknüpft gewesen. In den 60er-Jahren habe man sich dann dem französischen Poststrukturalismus zugewandt. Eine zentrale These dieser Theorie ist, dass Sprache Realität nicht nur reflektiert, sondern durch ihre Kategorien und Unterscheidungen auch konstituiere. Ein Hauptakteur dieser Bewegung war der Philosoph Michel Foucault. Durch diesen Einfluss hätten sich die Queer Studies vom Marxismus entkoppelt, so Soiland. Dabei seien viele wichtige Aspekte über Bord geworfen worden. Die seit den 90er-Jahren operierenden Queer Studies gäben vor, dass Großkategorien, zum Beispiel Geschlechterzuweisungen, dekonstruiert werden müssten, da sonst immer eine oder mehrere Gruppen ausgeschlossen werden würden. Die These hätte laut Soiland weitreichende Folgen für den Feminismus gehabt: Das Subjekt des Feminismus, die Frau, sei damit dekonstruiert worden.

„Geschlechtliche Positionen werden damit so produziert, dass eine klare Identität, also zum Beispiel Frau oder Mann, zugewiesen wird“, erklärt sie. „Wenn man das so sieht, ist es klar, dass diese Kategorien dekonstruiert werden müssen. Die Zuschreibung muss aber nicht zwangsläufig über Identität laufen“, sondern funktioniere auch durch die Positionierung innerhalb des Produktionsprozesses.

Kritik am Poststrukturalismus

Soiland führte aus, es seien heutzutage nicht mehr fixe Kategorien, die Probleme bereiteten, sondern die neuen Freiheiten innerhalb von Machtstrukturen. Als einen zentralen Punkt ihres Vortrags argumentierte sie, dass die Zuständigkeit von Frauen nicht mehr normativ gefordert werden würde, „niemand wolle die Frau mehr zurück an den Herd schicken“. Der ideologische Staatsapparat habe sich verändert. In Folge dessen seien Frauen als Kollektiv nicht mehr angesprochen und existierten dort nicht mehr. Dieses Problem könne man durch den Marxismus lösen, so Soiland. Der Marxismus dekonstruiere keine Identitäten, er formuliere eine Betroffenheitslage, also etwas Unbewusstes.

Soiland bemängelte, dass im Feminismus nicht klar sei, was die Frau zum ökonomischen Reichtum einer Nation beitrage. Dies müsse aber artikuliert werden. Dazu wiederum bräuchte es ein Frauenkollektiv. „Es gibt eine Ausbeutung der reproduktiven Arbeit“, erklärt sie. Sie selbst beschäftige sich nicht primär mit Gleichstellung, sondern eher mit der Zuständigkeit und Rolle der weiblichen Reproduktionsarbeit. „Es geht mir um Produktionsverhältnisse, nicht um diskriminierte Gruppen“, stellt sie klar. Die Frau sei keine Identität, die dekonstruiert werden müsse, sondern eine Position im Produktionsprozess. „Das sind zwei völlig verschiedene Fragen“, verdeutlicht die Referentin. Sie kritisiere nicht den Poststrukturalismus an sich, die daran angelehnten feministischen Forderungen würden nur nichts an den ausbeuterischen Produktionsverhältnissen ändern.

Mit ihrem Vortrag plädierte Soiland also für einen marxistisch ausgerichteten Feminismus. An dieser Stelle legt die Referentin eine kurze Pause ein und blickt mit einem leichten Lächeln in die stirnrunzelnden Gesichter der Studierenden. Bei den Zuhörer*innen stößt sie mit ihren Thesen zum Teil auf Widerstand. Die meisten sind durch ihre Kritik an der gängigen Poststrukturalismus-Rezeption verwirrt, weil sie damit bis dato nicht konfrontiert worden sind. Viele Wortbeiträge bei der anschließenden Diskussion verdeutlichten, dass einige ihr bisheriges Wissen angegriffen sahen. Als problematisch an Soilands Vortrag kann gesehen werden, dass ihre Aussage, der Staat wolle die Frau längst nicht mehr „zurück an den Herd“ bringen, nicht der Wahrheit entspricht. Die „Herdprämie“ beispielsweise, spricht klar dagegen. Außerdem sei die Care-Arbeit immer noch ein überwiegend weiblicher Sektor, argumentiert ein Student. Zum Schluss verdeutlicht Soiland nochmals ihren Standpunkt. Die poststrukturalistische Rezeption, wie beispielsweise Judith Butler sie betrieb, zielt auf die unendliche Ausdifferenzierung von Identitäten ab. Dadurch gäbe es kein Frauenkollektiv mehr, wodurch es unmöglich gemacht werde, gesellschaftliche Probleme, wie die ausbeuterische Reproduktionsarbeit, zu thematisieren. Deshalb solle Feminismus sich auf seine marxistischen Wurzeln rückbesinnen.