Föderalismus: Keine freie Wahl auf Bildung

Das Bundesverfassungsgericht prüft derzeit, ob der NC grundgesetzkonform ist. (Foto: fro)

Ein Kommentar von Mirjam Ratmann

Laut Grundgesetz gilt freie Wahl der Ausbildungsstätte und Hochschule. Gerade im Studienfach Medizin gleicht die Umsetzung von Artikel 12 GG einer Farce: Während in den 1990er Jahren noch ein Abiturschnitt von 1,6 bis 2,2 ausreichte, um einen Studienplatz zu erhalten, muss es heute eine 1,0 bis 1,2 sein. Damals betrug die Wartezeit vier Semester. Aktuell sind es bis zu 15 – während für das Studium eine Regelstudienzeit von zwölf Semestern angesetzt wird. Und das obwohl laut Gerichtsurteil die Wartezeit nicht länger als die Regelstudienzeit des Studiums sein darf. Gerade verhandelt das Bundesverfassungsgericht darüber, ob die Auswahl der Bewerber*innen für Medizin aufgrund des Numerus Clausus noch grundgesetzkonform ist. Eigentlich irrelevant: Das NC-Verfahren ist illegitim. Ein Einser-Abitur sagt rein gar nichts darüber aus, ob man für den Beruf geeignet ist. Aber auch viele andere Studienfächer sind durch den NC beschränkt – und bleiben somit bestimmten Studienanfänger*innen verwehrt.

Dabei liegt das eigentliche Problem beim föderalen Bildungssystem. Denn wie kann es vergleichbar sein, wenn sich beispielsweise Abiturient*innen aus Bayern und Hessen auf einen NC-beschränkten Studiengang in Rheinland-Pfalz bewerben, wenn die gesamte Schulbildung inklusive Abiturprüfungen absolut unterschiedlich sind? Aber allen voran: Wie kann der NC seit Jahren als legal durchgehen, wenn hinter vermeintlich schlechten Noten von Jugendlichen auch persönliche Schicksale, Krankheiten oder Mobbing stehen können? Manche wollen gezielt aus ihrem gewohnten Umfeld heraus, um fernab vom Elternhaus einen neuen Lebensabschnitt zu beginnen. Das derzeitige Bildungssystem, allen voran das NC-Verfahren, läuft diesen Faktoren grundlegend zuwider. Junge Menschen dürfen nicht für solche Umstände bestraft werden. Ihnen darf nicht das Recht genommen werden, das zu studieren, was sie möchten, bloß weil eine Eins vor dem Komma fehlt oder sie im „falschen“ Bundesland zur Schule gegangen sind. Der Föderalismus im Bildungssektor muss überdacht und an die derzeitigen Lebensumstände angepasst werden. Das mögliche Kippen des NCs bei Medizin kann und muss da nur der Anfang sein.