Himmel, Sand und eine Massenpanik

Tony und Sascha sitzen friedlich am Rhein – ein seltener Filmmoment aus Das Leben danach. (Foto: WDR/Alexander Fischerkoesen)

Loveparade 2010: 21 Menschen starben am 24. Juli in Duisburg während einer Massenpanik. Auch sieben Jahre später ist die juristische Aufarbeitung nicht abgeschlossen, keine*r der Verantwortlichen wurde bislang vor Gericht gestellt. Die Drehbuchautor*innen Eva und Volker Zahn haben die Geschehnisse zum Anlass genommen, um nach den persönlichen menschlichen Auswirkungen der Katastrophe zu fragen. Am 27. September wurde er im ARD erstausgestrahlt, in der Mediathek des Senders ist er bis zum 27. Dezember 2017 abrufbar.

Ein dunkler Tunnel, kaltes Oberlicht, elektronische Musik so rhythmisch und pulsierend wie ein Herzschlag oder Schritte. Der Soundtrack verzieht sich zu Tinnitus-ähnlich fiependen Geräuschen, ein schwer atmendes Mädchen läuft allein den Tunnel entlang. Als sie aus ihm herauskommt, steht sie vor einem Meer aus Kerzen, Stofftieren und Fotografien. Die Kamera fokussiert ein hölzernes Schild, auf das mit roter Farbe „Warum?“ geschrieben wurde – das Mädchen zerschmettert es und verwüstet weinend und schreiend den Gedenkort. So beginnt Das Leben danach. Regisseurin Nicole Weegmann steigt direkt in das Thema ein, kein langes Vorgeplänkel. Die Emotionalität und Anspannung des ARD-Fernsehfilms ist bereits in den ersten Minuten spürbar.

Pink als Trigger

Durch ihre Randale ist das Mädchen – Antonia Schneider, genannt Tony (Jella Haase) – der Polizei aufgefallen, sie ergreift die Flucht in den Tunnel und steigt in ein Taxi ein. Der Taxifahrer Sascha Reinhardt (Carlo Ljubek) ist die zweite Hauptperson des Films, seine Geschichte bleibt jedoch über die weitesten Teile im Dunklen und lüftet sich erst nach und nach. Über Taxifunk bekommt er mit, dass Tony wegen der Sachbeschädigung gesucht wird. Er liefert sie nicht bei der Polizei ab. Als sie sich bei einer anderen Gelegenheit in einer Bar begegnen, hat Tony gerade eine Panikattacke. Sascha hilft ihr, sich zu beruhigen. „Ich hab einen an der Klatsche. Ich war in der Loveparade“, stellt Tony nüchtern ihm gegenüber fest. Der Eindruck einer sich zwischen den beiden anbahnenden Liebesgeschichte verfestigt sich.

Dichte Menschenmengen, aber vor allem die Farbe Pink sind für Tony Auslöser ihrer Panikattacken. Fragmenthaft werden Ausschnitte ihrer Erinnerung an die Loveparade gezeigt. Wummernde Bässe, menschliche Körper wohin das Auge blickt, Schreie, eine pinke Federboa. Auch wenn Das Leben danach diese Szenen sehr sparsam einsetzt, gehen sie einem doch sehr nah und sind schwer auszuhalten. Ebenfalls nicht leicht zu ertragen ist das eingespielte Originalmaterial der Loveparade, das sich verschiedene Protagonist*innen immer wieder anschauen.

„Ich bin viel zu kaputt für Love and Peace“

Wie tief der Einschnitt einer Erfahrung wie der des Loveparade-Unglücks für die einzelne Person aber auch Menschengruppen sein kann, zeigt Das Leben danach sehr eindrücklich, beschönigt wird darin nichts. Einfach weitermachen, an das Davor anknüpfen, das scheint für Tony unmöglich zu sein. Ihre Schwiegermutter erzählt, wie sie Medizin studieren wollte – jetzt hat sie es nicht geschafft, das Abitur nachzumachen und findet keinen Job, da ihre Panikattacken sie oft im Griff haben. Tony wirkt perspektivlos. Ihre Familie, Freund*innen und auch Selbsthilfegruppe für Opfer der Loveparade scheinen sie nicht auffangen zu können. Ihr Leben scheint stehen geblieben zu sein.

„Du siehst eigentlich ganz zufrieden aus. Du bist ein verstocktes Arschloch. Grüß die anderen.“ Mit diesen Worten verabschiedet sich Tony von einem ihrer Bekannten, der sich Jahre nach der Loveparade-Tragödie das Leben nahm. Die Zwiesprache löst Gänsehaut aus – und streift auch Fragen nach dem größeren Ganzen, den Geschichten von anderen Betroffenenen. Leider ist diese Szene nur teilweise Fiktion: Laut Angaben der Selbsthilfegruppe LoPa-2010 vom Juli 2014 haben sich sechs Menschen aufgrund ihrer traumatischen Erlebnisse in den darauffolgenden Jahren das Leben genommen.

In seiner Konsequenz, die Auswirkungen der Loveparade anhand von zwei fiktiven Biografien aufzuzeigen, liegt zum einen die Stärke des Films. Jedoch fällt durch dieses Konzept auch etwas wichtiges hinten rüber: Der Umgang mit dem Thema in den Medien sowie die Suche nach Verantwortlichen. Die Frage, wer überhaupt angeklagt werden dürfte, beschäftigte lange Zeit das Duisburger Landgericht. Den Beschluss das Hauptverfahren erst gar nicht zu eröffnen, hob das Oberlandesgericht Düsseldorf am 18. April 2017 auf. Zehn Menschen werden nun angeklagt. Die Angehörigen der Opfer warten derweil noch immer darauf, dass ihr Wunsch nach Gerechtigkeit erfüllt wird.

Sieben Jahre nach der Loveparade scheint genug Zeit vergangen zu sein, um sich mit den Auswirkungen auseinanderzusetzen. 2014 wurde hingegen eine Ausstellung im Lehmbruck-Museum in Duisburg von Oberbürgermeister Sören Link verhindert, die auf die räumliche Erfahrung bei der Massenpanik eingehen sollte (akduell berichtete). Triggerwarnung statt Zensur, das forderte damals akduell-Redakteurin Maren Wenzel, die sich 2010 während der Massenpanik im Tunnel befand. Eine solche Warnung für Betroffene gibt es in der ARD-Mediathek leider nicht. Der Versuch, sich mit der Thematik zu befassen, ist hingegen größtenteils geglückt – und in jedem Fall besser, als eine verpasste Auseinandersetzung.