Kötter an der langen Leine

Seitdem Kötter verstärkt am Campus vertreten ist, sei ein Rückgang der Drogenszene zu verzeichnen. Gleichzeitig erheben Studierende und Dozierende scharfe Kritik am Vorgehen der Firma. (Foto: fro)

Seitdem die Sicherheitsfirma Kötter verstärkt am Campus Essen präsent sei, würden die Fälle Drogenkonsumierender sinken, behauptet die Universität Duisburg-Essen (UDE). Doch während die Uni kein Fehlverhalten der Kötter-Mitarbeitenden erkennt, mehrt sich die Kritik über aggressives Vorgehen der Security gegenüber Hochschulangehörigen. Dabei zeigt ein Fall im Besonderen, wie groß offenbar der Interessenkonflikt der Universität ist.

Als im Dezember vergangenen Jahres die Videoüberwachung an der U-Bahn-Haltestelle Rheinischer Platz unweit des Essener Campus ausgebaut wurde, ging man an der Universität Duisburg-Essen (UDE) nicht davon aus, dass sich die Drogenszene verlagern würde (akduell berichtete). Nach einem halben Jahr sah sich die Universität aber dazu veranlasst, ihre Meinung zu ändern. Als Konsequenz übertrug sie der Sicherheitsfirma Kötter das Hausrecht. Die Mitarbeitenden dürfen seitdem Nicht-Hochschulangehörige vom Campusgelände verweisen. In einem Schreiben vom Mai verwies Kanzler Rainer Ambrosy darauf, dass sich Wohnungslose und Drogenkonsumierende auf dem Gelände der Universität unerlaubterweise aufhielten. Bedienstete und Studierende rief er auf, den Sicherheitsdienst zu informieren, sollten sie dies mitbekommen.

Kötter in der Kritik

Während Ambrosy die verstärkte Präsenz Kötters als wichtigen Faktor für den Rückgang der Drogenszene auf dem Campus ausmacht, häuft sich Kritik gegenüber Mitarbeitenden der Firma. Ein Studierender berichtete der akduell, dass er an einem Abend von Kötter-Mitarbeitern gegen 21.30 Uhr aus dem Computerpoolraum des Gebäudes V15 geworfen worden sei. Er beklagt, dass ihn die Kötter-Angestellten trotz Vorlage des Studierendenausweises, der ihn als Hochschulangehörigen identifiziert, aus dem Gebäude verwiesen. „Mithin ist das Vorzeigen des Studierendenausweises allein nicht ausreichend“, pflichtet Ambrosy der Sicherheitsfirma mit Verweis auf die Hausordnung der UDE bei. „Es bedarf darüber hinaus einer Legitimation, die zum Aufenthalt außerhalb der Öffnungszeiten berechtigt“, heißt es weiter. Eine solche könne beispielsweise von Fakultäten ausgestellt werden. Dass Studierenden damit der Zugang zu Lern- und Arbeitsressourcen verwehrt wird, kritisiert er nicht.

Darüber hinaus sind der Redaktion Fälle bekannt, in denen Kötter aggressives Vorgehen und Handgreiflichkeiten gegenüber anderen Hochschulangehörigen vorgeworfen werden. Ein UDE-Dozent sagte der akduell, dass er Ende vergangenen Jahres von zwei Mitarbeitern der Sicherheitsfirma in den Sanitäranlagen angegangen worden sei, weil er für einen Angehörigen der Essener Drogenszene gehalten wurde. Sie hätten ihn zunächst am Verlassen der Toilettenkabine gehindert und ihn anschließend zu Boden gerungen. Dabei habe er sich ein lädiertes Knie und beinahe eine Kopfverletzung zugezogen. „Die Konsequenz war, dass der Kanzler mir unterstellt hatte, ich wäre ein Angehöriger der Essener Drogenszene und die Mitarbeiter hätten mich zurecht von der Toilette geholt“, so der Dozent, der anonym bleiben möchte, solange die Vorwürfe gegen ihn im Raum stehen. Der Dozent hat die Kötter-Mitarbeiter wegen Körperverletzung angezeigt und wartet auf die Gerichtsverhandlung, die für Januar 2018 angesetzt wurde. Er selbst ist von den Mitarbeitern ebenfalls wegen Körperverletzung angezeigt worden. Ambrosy möchte sich während des „schwebenden Verfahrens“ zu dem Fall nicht äußern.

„Es handelt sich um Einzelfälle“

Zum konkreten Vorfall möchte sich auch Kötter derzeit nicht äußern. Auf Anfrage der akduell sagt Kötter-Pressesprecher Carsten Gronwald: „Weder unser Unternehmen noch der Auftraggeber hat Anhaltspunkte für ein Fehlverhalten unserer Beschäftigten.“ Das gelte auch „ausdrücklich“ für den Fall des Dozenten. Trotz Kritik stellt sich Ambrosy schützend vor die Sicherheitsfirma Kötter: „Grundsätzlich ist hier anzumerken, dass die Arbeit des Sicherheitsdienstes nicht einfach ist, da mitunter schon die reine Anwesenheit mit Vorbehalten betrachtet wird.“ Schützend vor die direkt bei der UDE angestellten Mitarbeitenden und Studierenden stellt sich der Kanzler damit nicht. Bei der Kritik handele es sich um Einzelfälle, die gemeinsam mit Kötter geprüft würden. „Im Spannungsfeld Sicherheit versus offener Zugang ist Kritik an der Arbeit des Sicherheitsdienstes kaum vermeidbar, es wird die auch in Zukunft geben, ebenso wie positive Rückäußerungen von Studierenden,“ so Ambrosy. In Konfliktsituationen würden Gespräche mit leitenden Personen Kötters geführt und auch die Dienstvorschriften würden aktualisiert. Ein kritischer Umgang bekannter Vorfälle mit Kötter fällt damit verhalten aus. Unklar ist auch, wie die Sicherheitsfirma Vorwürfe gegen sich selbst prüft. Weder Universität noch Sicherheitsdienst sind unabhängige Stellen geschweige denn ein Gericht, das Fehlverhalten juristisch feststellen kann. Die Zusammenarbeit mit Kötter wird seitens der Universität nicht angezweifelt. Bis zur nächsten Ausschreibung bleibt die Sicherheitsfirma auf jeden Fall Vertragspartner der Universität.

Verdrängung vom Campus

„Für die letzten Monate sind hier jeweils über 100 dieser Vorfälle pro Monat am Campusgelände Essen zu zählen“, beziffert Ambrosy Meldungen über Drogenkonsum auf dem Campusgelände. „Seit August ist auch ein Wachmann an der Schützenbahn eingesetzt, hier sind ebenfalls über 100 Vorfälle verzeichnet.“ Wie genau die Präsens von Kötter Drogenkonsumierende nun auch vom Campus verdrängt, könne nicht mit Zahlen untermauert werden. Schließlich zögen auch Veränderungen außerhalb des Campus Auswirkungen auf dem Unigelände nach sich. „Es ist aber feststellbar, dass mit der Verstärkung des Sicherheitsdienstes die drogenindizierenden Fälle auf dem Hauptcampus eher rückläufig sind, während diese Fälle an der Schützenbahn anstiegen,“ sagt der Kanzler. Weiterhin sieht sich die Universität nicht dafür zuständig, Hilfsangebote an außeruniversitäre Drogenabhängige anzubieten. Dafür verweist er auf städtische Hilfsangebote wie die Suchthilfe Direkt GmbH. In seinem Schreiben vom Mai an Mitarbeitende der Universität wird lediglich angewiesen, den Rettungsdienst zu rufen, sollte man eine verletzte drogenkonsumierende Person finden – alles andere würde auch den Tatbestand der unterlassenen Hilfeleistung erfüllen. Für hochschulangehörige Drogenkonsumierende verweist Ambrosy aber auf weitere Hilfsangebote: „Innerhalb der UDE stehen sowohl für studentische Hilfesuchende als auch für Mitarbeiter Hilfsangebote zur Verfügung.“ Das Akademische Beratungs-Zentrum bietet in seiner Psychologischen Beratung Hilfe bei Drogen- und Alkoholproblemen an.