Kunst, die nicht weg kann

Passten in der Druckausgabe der akduell nicht auf ein Bild: die über 50 Abschlussarbeiten (Foto: Britta Rybicki)

„Was machen die da eigentlich acht Semester lang?“ Eine Frage, die nicht selten gestellt wird, wenn es um die Gestaltungsstudierenden der Essener Folkwang Universität der Künste geht. Eine differenzierte Antwort hat man darauf nicht: „Die machen da halt Kunst. Etwas, von dem nicht viele was verstehen.“ Seit vergangenen Donnerstag, 28. September, lüften die Studierenden das mysteriöse Geheimnis: Sie stellen im Rahmen der Folkwang Finale 2017 auf drei Etagen des SANAA-Gebäudes am Campus Welterbe Zeche-Zollverein ihre Abschlussarbeiten aus. Ein Erfahrungsbericht.

Von Gastautorin Britta Rybicki

Der progressive Neubau ist durch seine großen Fenster lichtdurchflutet, wodurch die Räumlichkeiten beinahe unendlich wirken. Bereits die Architektur beeindruckt und überfordert mich. Banausin ist nun wirklich keine Bezeichnung, die man gerne hört. Bei der Bewertung meines gefühlten Kunstverständnisses würde ich das geschmacklose Substantiv allerdings über mich ergehen lassen. Und wie in so ziemlich jeder unkonventionellen Ausstellung kämpfe ich mich orientierungslos von einer zur nächsten Werkbeschreibung. In Stationen angeordnet stellen die Absolvent*innen des Studiengangs Industrial Design ihre Prototypen und Arbeitsskizzen zur Schau.

Ira Ortmann erledigt den letzten schweißtreibenden Schliff an ihrer „flexiblen Sitzbank für die Passagierluftfahrt“. Sie befasst sich mit der rapiden Zunahme der Flugreisenden. „Fliegen ist gerade so populär wie noch nie“, meint Ira. Wodurch auch die Varietät des Nutzer*innenspektrums der Air Busse zunimmt. Weniger Komfort oder höhere Preise verzeihen die Gäste der Zukunft ihren Fluggesellschaften womöglich nicht. Also brauche es unbedingt Innovationen, schreibt die Absolventin in ihrem Wandtext. Mit wenigen Handgriffen lassen sich die zwei bis drei Sitzplätze in der Kabine montieren und die Passagiere können so im Vorfeld selbst entscheiden, welche Sitzbreite sie buchen möchten. Ich bin irritiert. Mit so viel Pragmatismus habe ich in einer kreativen Abschlussarbeit nicht gerechnet. Wobei die Bank sicher eine behagliche Lösung für das künftige First World Problem ist.

Auf meine Sehnsucht nach Skurrilität und Reflexion hat Ronja Farina Harder mit „Durch-Blick“ eine Antwort parat. Die Idee vom Raum im Raum entstand im Jahr 2016 bei der Eröffnung des Cafés Hayati im Essener Grillo-Theater. Dort arbeiten Menschen mit Migrationshintergrund, insbesondere Geflüchtete. Ronjas Installation erzählt die Geschichte zweier Mitarbeiter aus Syrien. Die knapp zwei Meter hohen Glaswände öffnen den Raum nicht nur, sie lassen Betrachter*innen durchblicken. Die Diaphane offenbaren die Kriegs- und Fluchterlebnisse ihrer Protagonisten. Ich sehe arabische Schriftzeichen und Fotos einer lebensbedrohlichen Reise durch Wälder und über Gewässer. Dahinter entdecke ich mein Spiegelbild. Für einen Moment werde ich so zum Teil von Ronjas Abschlussarbeit. Wenige Sekunden entsteht ein Berührungspunkt zwischen mir und den Schicksalsschlägen dieser zwei Menschen. Ronja erreicht, was sie will: Sie schafft Intimität und Nähe zwischen drei völlig gegensätzlichen Leben.

Supreme und Buffalo

Nachdem der Sicherheitsmann mich freundlich darauf aufmerksam macht, dass es noch zwei weitere Etagen gibt, mach ich mich auf in den nächsten Stock. Im Fachbereich Fotografie empfängt mich die Abschlussarbeit von Lukas Wenninger. Auf den ersten Blick ist es fast so, als würde ich durch die Seiten eines Streetfashion-Magazins laufen. Die abgelichteten Menschen zeigen sich in Buffalo und Supreme und sehen dabei nicht besonders glücklich aus. Wie in der Mode-Blase eigentlich keiner, denn es geht um Coolness. Mit „In Between – Zwischen Mode und Kunst“ kritisiert Lukas die unerreichbare High-Fashion-Welt und den Drang der Konsument*innen, daran teilzunehmen. Und wie auf eigentlich alles, hat der Markt auch dafür eine Lösung. Dieser vertröste seine Fans mit Fake-Mode, Merchandise Produkte und Limited Editions, schreibt Lukas in seiner Inhaltsangabe.

Franz Kafka und Liebesbriefe

Mein persönliches Highlight finde ich auf der dritten Etage. Die Studiengänge Kommunikationsdesign und Heterotopia sagen mir erst mal nichts. Und trotzdem packt mich die Abschlussarbeit von Alexander Bönninger wie keine andere. Franz Kafka liegt auf einem Holztisch an seiner Station aus. Neugierig schlage ich das blaue Buch auf und finde zu meiner Überraschung keinen Fließtext, sondern ein System. Was in der Heizer auf den ersten Blick wie eine sehr unübersichtliche Mindmap wirkt, ist ein Portrait der Romanfigur. Dargestellt in einem facettenreichen Schema. Ich brauche eine Weile, um es zu begreifen. Verglichen mit einem geschriebenen Portrait, ist dieses viel mehr als eine bloße Anreihung von Fakten. An den Holzbüsten direkt dahinter hängt ein weiteres Werk von Alexander: Ein Liebesbrief von Markus. Dieser richtet sich an Michelle, die ziemlich bezaubernd sein muss. Gefühle und Emotionen, ihre Anwesenheit, Vereinfachung, das Kennenlernen und die Seelenverwandtschaft sind Überschriften, die das Liebesgeständnis sortieren. Was erst mal kompliziert wirkt, ist letztlich doch sehr romantisch. Nie zuvor hatte ich soeinen differenzierten Einblick in das Verliebtheitsgefühl und dessen Rausch. „Ich habe mich intensiver mit Gebärdensprache beschäftigt, wobei mir aufgefallen ist, dass das System dahinter ein ganz anderes ist“, erklärt mir Alexander, als ich ihn frage, was er sich dabei gedacht hat. Meine zweite Frage, ob er denn auch schon mal so einen Brief verschickt habe, überhört der Künstler und schmunzelt.

Neues Kunstverständnis?

Insgesamt verbringe ich drei Stunden in der Ausstellung. Ganz freiwillig und angeregt bewundere ich die Abschlussarbeiten der über 50 Absolvent*innen. Die Mischung aus Geschichten von Schicksalsschlägen, neoliberalen Pragmatismus, Kapitalismuskritik und die Umstrukturierung von Sprache belehrt mich eines Besseren. In einer Sache gebe ich dem Künstler Pablo Picasso jetzt nämlich Recht: Wenn mich jemand fragt, was Kunst ist, würde ich es nicht beantworten, selbst wenn ich es wüsste. Denn es wäre womöglich immer eine Verkürzung. Die Studierenden der Folkwang bleiben also weiterhin geheimnisvoll.